Rohstoffpreise ohne Aufwärtsdynamik

Im Markt zeichnet sich eine Bodenbildung bei den wichtigsten Industrierohstoffpreisen ab. Zünglein an der Waage bleibt China. Der Einkauf muss weiter wachsam sein.

Foto: ArcelorMittal Foto: ArcelorMittal

Auch in der ersten Jahreshälfte fehlen klare Anzeichen für wieder deutlich steigende Rohstoff- und Energiepreise. Eine Kursrally, die den Namen verdienen würde, ist gegenwärtig nicht in Sicht. Dafür sind die Marktsignale noch immer zu widersprüchlich; sie sorgen zudem regelmäßig für Verunsicherung unter Investoren und Einkäufern.

Überangebot noch nicht abgebaut. Für die Analysten der DekaBank um Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater ist klar: „Länger anhaltende und nachhaltige Rohstoffpreisanstiege werden erst dann realisiert, wenn das Überangebot von Rohstoffen tatsächlich physisch abgebaut wird. Dies erwarten wir verstärkt erst Ende 2016 bzw. im nächsten Jahr. Daher scheint es uns verfrüht, schon jetzt die Trendwende an den Rohstoffmärkten auszurufen. Immerhin ändert sich aber die Wahrnehmung der Marktteilnehmer, und es zeigt sich, dass Rohstoffpreise auch wieder steigen können.“

Ähnlich sieht es Helaba-Chefvolkswirtin Dr. Gertrud R. Traud. Weder von den fundamentalen Marktbedingungen noch vom Makroumfeld gingen kurzfristig richtungsweisende Impulse aus. Zudem dürfte „die Angebotsseite auch aufgrund der Lagerkomponente wohl nicht für Preisauftrieb sorgen“. Die Nachfrage scheine zwar bei den meisten Rohstoffen relativ robust zu sein, aber nicht dynamisch genug, um wesentlich höhere Notierungen zu bewirken. Das Gleichgewichtspreisniveau kann sich nach Trauds Meinung vermutlich erst im zweiten Halbjahr nachhaltig nach oben verlagern.

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) in Hamburg bemerkt dagegen eine „einstweilige Trendwende bei Rohstoffpreisen“. Der HWWI-Rohstoffpreisindex sei im März überraschend stark gestiegen. Nach dem Absinken auf einen Zwölfjahres-Tiefstand im Januar und einer leichten Erholung im Februar, verbuchte er jetzt ein kräftiges Plus. Der Gesamtindex (in Euro-Notierung) habe sich im Monatsvergleich um 14,5 Prozent erhöht und sei damit so stark gewachsen wie seit Juni 2009 nicht mehr. Wieder anziehende Rohölpreise ließen den Index für Energierohstoffe um 19  Prozent nach oben klettern, während sich der Index für Industrierohstoffe um 4,2  Prozent erhöhte. Auch Nahrungs- und Genussmittel verbuchten Preissteigerungen. Ungeachtet dieser neuerlichen Preissteigerungen notierte der HWWI-Rohstoffpreisindex im Quartalsdurchschnitt so niedrig wie seit dem ersten Quartal 2004 nicht mehr.

Index für Energierohstoffe: Nachdem die Notierungen für Rohöl noch im Januar auf den tiefsten Stand seit über einer Dekade gefallen waren, haben sich die Preise der wichtigen Rohölsorten enorm erhöht. Im März verteuerte sich Brent um 18,3  Prozent auf durchschnittlich 39,79 US-Dollar pro Barrel. Damit habe die Nordsee-Rohölsorte, die im März erstmals seit Mitte Dezember 2015 zeitweilig wieder die Marke von 40 US-Dollar durchbrach, seit dem Tiefstand im Januar fast 50  Prozent an Preissteigerung erfahren. Das US-amerikanische Pendant, West Texas Intermediate, verteuerte sich im Monatsdurchschnitt für März um 23,9  Prozent auf 37,97 US-Dollar pro Barrel. Diese jüngste Preisentwicklung scheine in Erfolgserwartungen des kürzlich beschlossenen „Einfrierens der Produktionsmenge“ (output freeze) begründet zu sein. Diese Abmachung mehrerer Förderländer; darunter Saudi-Arabien, Katar, Venezuela und Russland, habe das Ziel, weitere Produktionsanstiege zu verhindern und damit dem bestehenden Ungleichgewicht zwischen Ölangebot und -nachfrage entgegenzuwirken. Allerdings bleibe laut HWWI „weiterhin zweifelhaft, inwieweit diese Vereinbarung den akuten Angebotsüberhang substanziell beeinflussen kann, denn der Status quo mit massiver Überproduktion wird dadurch vorerst nicht verändert“. Vielmehr scheine die Nachricht, dass überhaupt stabilisierende Maßnahmen ergriffen werden, Grund genug für steigende Preise zu sein.

Index für Industrierohstoffe: Mit dem zweiten Monatsplus infolge sind auch Industrierohstoffe von den Preissteigerungen betroffen. Insbesondere an den Metallmärkten zogen die Preise im März an. Eisenerz verteuerte sich um 20,3 Prozent und kostete damit im Monatsdurchschnitt 55,54 US-Dollar je Tonne. Noch im Dezember 2015 war der Eisenerzpreis auf den tiefsten Stand seit 2003 gefallen. Auch die Preise der NE-Metalle legten den HWWI-Angaben zu. Zinn verteuerte sich um 8,6 Prozent, der Kupferpreis stieg um 7,7 Prozent und Nickel notierte um 4,7 Prozent höher. Preisimpulse nach oben kamen dabei von der erhöhten Aktivität der chinesischen Metallbranche kurz vor Beginn der Hauptsaison des Bausektors. Dennoch notieren die Preise für Industrierohstoffe trotz der neuerlichen Preissteigerungen weiterhin auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Index für Nahrungs- und Genussmittel: Nachdem der Index im Februar auf seinen niedrigsten Stand seit Dezember 2008 gesunken war, stieg er im März erstmals seit fünf Monaten wieder an. Die Preise für Kaffee, Zucker und Kakao bewegten sich aufgrund widriger Witterungsverhältnisse aufwärts. Für den Kaffee- und Zuckeranbau waren die Wetterbedingungen in wichtigen Anbauregionen in Brasilien zu trocken, während bei Kakao zu geringe Regenfälle in Westafrika die Ernteaussichten verschlechterten. Der Kakaopreis erhöhte sich infolgedessen um 5,4 Prozent, Zucker verteuerte sich gar um 15,8 Prozent und der Kaffeepreis stieg um 5,3 Prozent.

100-Dollar-Marke weit weg. Dass der vom HWWI beschriebene Aufwärtstrend auch schnell wieder kippen kann, zeigt das Beispiel Rohöl. So hat sich die Sorte Brent seit ihrem Ende Januar erreichten Zwölfjahrestief um 50 Prozent verteuert. Der Grund: Russland stellte Saudi-Arabien, Katar und Venezuela in Aussicht, seine Fördermenge auf dem Januar-Level einzufrieren. Andererseits scheint es die Regierung in Moskau mit dieser Ankündigung nicht so genau zu nehmen. Denn die führende GUS-Republik hat mittlerweile wieder ihre Pumpen angeworfen und produzierte allein im März so viel „schwarzes Gold“ wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. Damit dürfte es noch etliche Monate dauern, bis Brent und WTI wieder an alte Höchststände jenseits der 100-US-Dollar-Marke je Barrel anknüpfen können.

Ein wichtiges Marktsignal kommt aus den USA. Dort ist die Ölproduktion inzwischen rückläufig und liegt mittlerweile 350.000 Barrel pro Tag (bpd) unter dem Vorjahresniveau auf einem 15-Monatstief. Nach Einschätzung der Commerzbank-Rohstoff-Analysten dürfte das Überangebot auf dem Ölmarkt „daher in der zweiten Jahreshälfte weitgehend verschwinden“. Ob dies die weltweite Nachfrage entscheidend befeuert, bleibt abzuwarten, zumal die US-Energiebehörde EIA in ihrem aktuellen „Short Term Energy Outlook (STEO)“ für dieses Jahr von einem höheren globalen Rohölüberschuss in Höhe von 1,59 Millionen bpd ausgeht. 2017 erwartet sie ein Plus von 0,64 Millionen bpd. Damit hat die EIA ihre Januar/Februar-Prognose im März nach oben korrigiert.

Rohstoffhunger Chinas könnte wieder wachsen. Übervolle Lager und eine weiter nicht in Schwung kommende Weltwirtschaft drücken auch auf die Preise der wichtigsten Industriemetalle. Zwar setzte im ersten Quartal 2016 eine leichte Erholung ein, an die Höchststände der Jahre 2014 oder 2015 kamen sie aber nicht heran. Anfang April kostete beispielsweise Nickel an der London Metal Exchange (LME) 8.415,00 US-Dollar je Tonne und damit 35 Prozent weniger als vor einem Jahr. Aluminium (1.535,50 US-Dollar/Tonne) verbilligte sich binnen zwölf Monaten um 13 Prozent, Kupfer (4.857,00 US-Dollar/Tonne) um fast 19 Prozent. Blei (1.730 US-Dollar/Tonne) und Zink (1.848 US-Dollar/Tonne) mussten im Vergleichszeitraum Abschläge in Höhe von sieben beziehungsweise zwölf Prozent hinnehmen. Zum Vergleich: Am 24. April 2013 notierte Nickel noch bei 15.260 US-Dollar, Aluminium bei 1.904 US-Dollar, Kupfer bei 6.980 US-Dollar, Blei bei 2.040 US-Dollar und Zink bei 1.903 US-Dollar.
Der Eisenerzpreis liefert in diesen Tagen ein ähnliches Bild ab wie Brent und WTI. Auch hier gibt es Spekulationen um einen möglichen Abbau der Überversorgung. Zünglein an der Waage ist einmal mehr China. So verdichten sich Hinweise, dass die Eisenerzimporte der Volksrepublik wieder anziehen. Viele chinesische Stahlhersteller haben laut Commerzbank-Angaben ihre Produktion nach den Neujahrsfeierlichkeiten und im Zuge der deutlich gestiegenen Stahlpreise wieder hochgefahren, was zu einer starken Nachfrage nach Eisenerz beitrage. Es bleibe jedoch abzuwarten, inwiefern dies nachhaltig sei. Denn die Regierung unter Ministerpräsident Li Keqiang sei bestrebt, die Überkapazitäten in der heimischen Stahlbranche deutlich abzubauen. Dies dürfte auch die Eisenerznachfrage belasten. Anleger und Einkäufer beschäftigt darüber hinaus die Frage, ob und wenn ja, wann der Rohstoffhunger der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde wieder einsetzt. Glaubt man den veröffentlichten Ergebnissen der Jahrestagung des chinesischen Volkskongresses soll das nationale Bruttoinlandsprodukt jährlich um 6,5 Prozent steigen. Gleichzeitig will die politische Führung in Beijing an den anhaltend hohen Infrastrukturinvestitionen festhalten. Dies wiederum könnte die internationale Rohstoffnachfrage beflügeln und – sehr zum Leidwesen der Einkäufer – die Preise wieder nach oben treiben.
Noch können sich industrielle Einkäufer über die Aussicht auf zumindest kurz- und mittelfristig weiter sinkende Rohstoffpreise freuen. Ihnen dürfte aber auch nicht entgangen sein, dass seit 2011 der weltweite Absatz an Konsum-, Gebrauchsartikeln und Investitionsgütern konstant zugenommen hat. Jedes Produkt lässt sich ohne den Einsatz von Rohstoffen nicht herstellen. Daher ist die nächste Hausse nur eine Frage der Zeit.

Frank Rösch,
BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: