Bewertung von Länderrisiken aus Beschaffungs- und Investitionssicht
Entscheidungen systematisch vorbereiten
Die Risikoeinschätzung eines Landes ist eine komplexe Aufgabenstellung, die oftmals bei Beschaffungs- und Investitionsentscheidungen pauschalisiert oder gar vernachlässigt wird. Häufig werden in die Entscheidung neben den Total-Cost-of-Ownership – oder sogar nur den Einstandspreisen – lediglich einige wenige Wirtschafts- und Leistungsindikatoren (wie beispielsweise BIP, Lohnkosten oder Produktivität) einbezogen. Ökonomische, politische oder rechtliche Risiken eines Landes schwingen in der Regel nur im „Bauchgefühl“ mit.
Gerade bei der Betätigung in „Emerging Markets“ kann diese subjektive Einschätzung irreführen und folgenschwere Fehlentscheidungen verursachen. Vor dem Start von Aktivitäten in diesen Märkten sollte daher genau analysiert werden, welche Risiken mit den einzelnen Ländern verbunden sind, um entweder „sichere“ Märkte zu wählen oder risikosenkende Maßnahmen vorzusehen. Die reine Fokussierung auf Kostenvorteile eines Lieferanten in Land A gegenüber einem Lieferanten in Land B greift zu kurz. Der Kostenvorteil muss immer in Zusammenhang mit dem Risikounterschied beurteilt werden.
Direkt nutzbare, neutrale Risikobewertungen von Ländern aus Beschaffungs- oder Investitionssicht sind nicht verfügbar, was auch nicht pauschal möglich ist, da die Bewertung eines Marktes sowohl von den betrachteten Produkten als auch von der Unternehmensstrategie abhängt. Hier hilft nur der Rückgriff auf verschiedene Ratings und Analysen, die Länder aus unterschiedlichen Blickwinkeln bewerten. Hierunter fallen z.B. der Growth Competitiveness Index (GCI), der Corruption Perceptions Index (CPI), der Index of Economic Freedom (IEF), die Freedom in the World- Länderberichte (FiW), der Bertelsmann Transformation Atlas (BTA) oder die Human Development Reports (HDR) der UN. Eine nähere Darstellung dieser Ratings und Analysen sowie die entsprechenden länderspezifischen Werte finden sich unter http://www.supply-markets.com.
Diese Indizes geben eine erste grobe Einordnung der Länder wieder. Da sie jedoch nicht vor dem Hintergrund einer Beschaffungs- oder Investitionsentscheidung entwickelt worden sind, sind für weiterführende Analysen die relevanten Kriterien und Datenquellen zu extrahieren. Ein mögliches Analyseraster zeigt die folgende Tabelle:
Kriterium | Quelle |
politische Risiken | |
politische Stabilität | FiW: Political Rights |
Arbeitslosigkeit | BTA:Welfare Regime |
Bürokratie | GCI: Public Institutions Index |
Korruption | CPI |
Putsch/Bürgerkrieg | FiW: Civil Liberties |
ökonomische Risiken | |
Wechselkurs/Inflation | BTA: Currency & Price Stability |
Konjunkturschwankungen | BTA: Economic Performance |
Investitionsklima | IEF: Investment Freedom |
Regulierung | IEF: Business Freedom |
Infrastruktur | BTA: Sustainability |
Technologiestand | GCI: Technology Index |
Steuerniveau | IEF: Fiscal Freedom |
rechtliche & sonstige Risiken | |
Durchsetzbarkeit von Verträgen | BTA: International Cooperation |
Gesundheitsstandard | HDR |
Enteignung | IEF: Property Rights |
Ausbildungsniveau | HDR: Education-Index |
Den somit aus unterschiedlichen Quellen stammenden Teilbewertungen eines Landes muss zunächst ein einheitlicher Risikowert zwischen Null (sehr hohes Risiko) und 100 (kaum Risiko) zugewiesen werden. Die hierfür anzusetzenden, individuellen Maxima und Minima der Quellwerte ergeben sich aus den Bewertungsmaßstäben der Indizes. Absolute Zahlen werden dagegen immer in Relation gesetzt zum jeweiligen Spitzenreiterland der betrachteten Zeitperiode.
Auf der Basis dieser neutralen Datengrundlage sind die einzelnen Kriterien individuell zu gewichten und in einer Nutzwertanalyse zusammenzuführen. Im vorangestellten Analyseraster wären somit die einzelnen Unterkriterien einer Rubrik so festzulegen, dass deren Summe 100 % ergibt. Zudem kann die Bedeutung der Rubriken – politische, ökonomische und rechtliche Risiken – durch eine Gewichtung ebenfalls individuell betont werden. Nachfolgende Tabelle zeigt eine beispielhafte Gewichtung für zwei Szenarien.
Szenario | Hightech | „billiger“ |
Risikoarten | Gewichtungen | |
politische Risiken | 20,00 % | 5,00 % |
politische Stabilität | 20,00 % | 12,50 % |
sozialer Sprengstoff/Arbeitslosigkeit | 20,00 % | 12,50 % |
Bürokratie | 20,00 % | 25,00 % |
Korruption | 20,00 % | 25,00 % |
Putsch/Bürgerkrieg | 20,00 % | 25,00 % |
ökonomische Risiken | 50,00 % | 75,00 % |
Wechselkurs/Inflation | 5,00 % | 20,00 % |
Konjunkturschwankungen | 5,00 % | 20,00 % |
Investitionsklima | 10,00 % | 5,00 % |
Regulierung | 10,00 % | 5,00 % |
Infrastruktur | 25,00 % | 15,00 % |
Technologiestand | 40,00 % | 5,00 % |
Steuerniveau | 5,00 % | 30,00 % |
rechtliche&sonstige Risiken | 30,00 % | 20,00 % |
Durchsetzbarkeit von Verträgen | 30,00 % | 60,00 % |
Gesundheitsstandard | 10,00 % | 10,00 % |
Enteignung | 20,00 % | 20,00 % |
Ausbildungsniveau | 40,00 % | 10,00 % |
Eine Multiplikation der einzelnen Punktwerte mit den Gewichten und nachfolgende Addition dieser Werte ergibt dann den Gesamtrisikowert eines Landes. Nach Möglichkeiten sollten diese Werte auch über mehrere Jahre ermittelt werden, um anhand des extrapolierten Verlaufs Zukunftsszenarien prognostiziert zu können.
Die Analyse erhebt dabei keinen Anspruch auf Optimalität. Dennoch hilft sie, ein höheres Maß an Rationalität in der Entscheidungsfindung zu gewährleisten, da sie alle Mitwirkenden dazu zwingt, sich systematisch mit dem gestellten Problem zu befassen. Da jedes Land anhand des unabhängig aufgestellten Kriterienkatalogs beurteilt wird, ist eine vorurteilsfreie Gleichbehandlung sichergestellt. Dabei sollte stets bewusst sein, dass die zugrunde liegenden Ratings ein Land im Durchschnitt betrachten, jedoch insbesondere bei stark heterogenen Märkten und großen Flächenstaaten – wie China oder Indien – regional durchaus große Unterschiede zu verzeichnen sind.
Ebenso muss überlegt werden, wie mit den Risikowerten auf der einen und den Kosten auf der anderen Seite umzugehen ist. Um nicht qualitative und monetäre Kriterien zu vermischen, sollten beide Seiten hinsichtlich der Rangfolge und Abstände gegeneinander abgewogen werden. Denkbar ist auch ein Kompromiss, der die Vergabe eines Kostenaufschlags in Abhängigkeit der Risikowerte vorsieht. Hierbei sollte jedoch bedacht werden, dass die resultierenden Kostenwerte subjektive Bestandteile aufweisen, so dass insbesondere bei geringen Unterschieden zwischen Lieferanten aus verschiedenen Ländern diese kritisch zu hinterfragen sind.






