Commerzbank-Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer hält einen Staatsbankrott Griechenlands noch in diesem Jahr für möglich. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Europäische Union im 2. Halbjahr 2012 den Stöpsel zieht“, sagte der Konjunkturexperte auf der Jahresauftaktveranstaltung der BME Rhein-Main-Region (rmr) in Frankfurt. Sollte es dazu kommen, würde das südeuropäische Land aus der Euro-Zone herausfallen. Krämer: „Ich bin mir sicher, dass die Märkte in diesem Fall zwar eine Woche beben würden, danach aber schnell wieder Ruhe einkehrte.“ Die Banken hätten bereits vieles eingepreist. Erst nach einer geordneten Insolvenz Griechenlands sei ein Neuanfang in der Eurozone überhaupt erst möglich.
Die Staatsschuldenkrise wird nach Meinung des Konjunkturexperten mittelfristig wieder hochkochen. So reiche der Euro-Rettungsschirm „selbst bei einer Beteiligung des Internationalen Währungsfonds nicht aus“. Hinzu komme die faktische Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Hellas weise zurzeit mit knapp 160 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts die mit Abstand höchste Verschuldungsquote innerhalb der EU auf. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund 350 Milliarden Euro.
Im Falle Spaniens seien die „angestrebten Konsolidierungsziele nicht erreichbar“. Allerdings habe das Land mittlerweile ein Drittel seiner verlorenen Wettbewerbsfähigkeit wieder wettgemacht. Das lasse für die Zukunft hoffen.
Bei Italien stelle sich ihm die Frage, ob und wie lange Ministerpräsident Mario Monti das eingeschlagene Reformtempo durchhält, so Krämer weiter. Die Erfolge des parteilosen Regierungschefs auf dem Gebiet der Rentenreform seien unbestreitbar. Jetzt werde sich der 68-Jährige der Neustrukturierung des Arbeitsmarktes zuwenden. Hier müsse erst noch abgewartet werden, ob Monti die Umsetzung dieses ehrgeizigen Reformprojektes gelingt.
Krämer äußerte sich vor den BME-Einkäufern auch zur laufenden Rezessionsdebatte in Deutschland: „Wenn überhaupt, so hat es hier eine Mini-Rezession gegeben“. Nachdem der Markit/BME-Einkaufsmanager-Index(EMI) zwei Mal und der ifo-Geschäftsklimaindex drei Mail in Folge gestiegen seien, könne von Katerstimmung der Wirtschaft keine Rede sein. Die Commerzbank habe deshalb auch ihre Wachstumsprognose für Deutschland von zuvor 0,0 auf 0,5 Prozent angehoben. Die deutschen Firmen seien viel widerstandsfähiger als 2008.
In den USA und im Euro-Raum sehe die Lage dagegen anders aus. Hier habe die Staatsschuldenkrise aus einem Abschwung eine Rezession gemacht. Dennoch seien die seit Herbst 2011 aus den Vereinigten Staaten kommenden Konjunkturdaten überraschend positiv. Das US-amerikanische Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr auf 2,0 Prozent anwachsen, so Krämers Prognose.
Die bereits 2011 zu beobachtende Volatilität in den internationalen Märkten werde anhalten. „Die Risikofaktoren haben sich nicht groß verändert. Daher müssen insbesondere industrielle Einkäufer auch in diesem Jahr mit starken Preisschwankungen in den Märkten rechnen“, sagte Krämer auf Nachfrage des BME.
rmr-Vorstandsvorsitzender Lothar Kunkel hatte zu Beginn der Veranstaltung über zwei neue Awards informiert: „Als eine der größten Regionen unseres Verbandes wollen wir neue Wege gehen. Deshalb loben wir 2012 zum ersten Mal Regional-Awards aus – für die vier besten Einkaufsteams und für die drei besten Einkäufer des Jahres. Damit würdigen wir besondere Beschaffungsleistungen in unserer Region.“ Der Titel „Bestes Einkaufsteam“ wird ab 2012 viermal pro Jahr verliehen. Nach einem Bewerbungsverfahren werden die Sieger nach jedem Quartal ermittelt. Der rmr-Preis „Bester Einkäufer“ wird ab 2012 einmal pro Jahr vergeben; auch hier entscheidet eine Jury, wer am Ende Urkunde und Pokal entgegennehmen darf.
Verfasser: Frank Rösch, BME Frankfurt
Quelle: BME e.V., Foto: BME/Jochen Günther