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Studie „Innovationen von und mit Lieferanten“

Innovationen der Lieferanten wie ein Schwamm aufsaugen

Viele Kostensenkungsmaßnahmen sind nahezu ausgereizt. Wie lassen sich die Beschaffungskosten dennoch in Zukunft weiter senken? Eine viel versprechende Lösung ist die Gewinnung von Innovationen zusammen mit den bestehenden Lieferanten.

Eine aktuelle Untersuchung zum Thema „Innovation von und mit Lieferanten“ fußt auf einem zweistufigen Vorgehen. Zunächst wurden in einem gemeinsamen Projekt der h&z Unternehmensberatung und des BME unter universitärer Begleitung mehrere Unternehmen besucht, die als „Best Practices“ gelten, was Einkauf und Innovation betrifft. Die Erkenntnisse aus diesem Vergleich hat Holger Schiele (nun Professor an der Universität Twente in Enschede) in einem zweiten Schritt durch eine Befragung in Zusammenarbeit mit dem BME und BMÖ (Österreich) auf eine breite quantitative Basis gestellt.

Rolle des Einkaufs

Im Prinzip ist denkbar, dass Innovationen von und mit Lieferanten auch erzielt werden, ohne dass der Einkauf beteiligt ist. Die Studie bestätigt diese These allerdings nicht. Im Gegenteil: Ohne frühzeitige Einbindung des Einkaufs in Produktentstehungsprozesse findet nur eine geringe Lieferantenfrüheinbindung statt. Und ohne die Lieferanteneinbindung in die internen Prozesse ist der Innovationsbeitrag der Lieferanten bescheiden. Auf Ideen von „außen“ zu warten, ist keine erfolgsversprechende Strategie. Dies hat möglicherweise auch damit zu tun, dass der typische Lieferantenbeitrag hauptsächlich aus Verbesserungsvorschlägen zur Optimierung von Produkten und Prozessen sowie im Rahmen von Lösungen für neuartige Kundenanforderungen besteht und weniger in radikal neuen Produktideen. Notwendige Voraussetzung, um das Innovationspotenzial der Zulieferer zu nutzen, ist es daher, den Einkauf früh in Produktentstehungsprozesse einzubinden.

Was kann der Einkauf unternehmen, um die notwendige Früheinbindung in Entwicklungsprozesse zu realisieren und sich somit im Unternehmen neu zu positionieren? Hier zeigten sich vier Faktoren – in der folgenden Rangordnung – als entscheidend:

1. Unterstützung der Geschäftsführung

Die Einkäufer der erfolgreichen Unternehmen haben sich die Unterstützung ihre Geschäftsführung gesichert. Drei (Kosten-)Argumente können dabei überzeugen: Erstens führt die Einkaufsfrüheinbindung in der Regel zu direkten Kostensenkungen, etwa durch die Realisation von Konzeptwettbewerben. Zweitens kann vereinbart werden, dass der Lieferant ein Teil der Entwicklungskosten selber trägt. Und drittens zeigt sich, dass Lieferanten bereit sind, auf bestehendes Volumen zusätzliche Vergünstigungen zu gewähren, um an der Entwicklung neuer Serien beteiligt zu werden. Die Berücksichtigung von Produktentwicklungen als Baustein der jährlichen Lieferantenverhandlung ist wesensgemäß nur durch Einkaufseinbindung möglich.

2. Advanced-Sourcing-Abteilung

Statt einer Zweiteilung des Einkaufs mit operativer Beschaffung und strategischem Einkauf ist die Einführung einer dritten Abteilung zielführend: der Advanced-Sourcing-Abteilung, auch „Procurement Engineering“ genannt. Sie ist ein Kennzeichen erfolgreich mit Lieferanten innovierender Unternehmen. Diese dritte Abteilung (in Abhängigkeit der Unternehmensgröße zu sehen) - zumindest der dafür bestimmte Mitarbeiter - stellt das Bindeglied zwischen Entwicklungsprojekten und dem Materialgruppenmanagement dar. Löst der Einkauf seine Materialgruppenorientierung auf und implementiert nur Projekteinkäufer, die auf einem Projekt für sämtliche Materialien zuständig sind, so fällt es diesen Einkäufern schwer, in den einzelnen Materialien tiefe Expertise aufzubauen. Sind mehrere strategische Einkäufer mit ihrer jeweiligen Materialgruppe parallel für das Projekt zuständig, entsteht eine Vielzahl von koordinationsaufwendigen Schnittstellen. Durch eine dritte Abteilung gelingt die „Quadratur des Kreises“: Der Mitarbeiter des Advanced Sourcing stellt die Verbindung her, indem er permanent dem Entwicklungsprojekt zugeordnet ist, aber durch die enge Zusammenarbeit mit diversen Materialgruppenverantwortlichen auf dem Projekt als kompetenter Ansprechpartner Einfluss ausüben kann. Derart früh eingebundene Einkaufsorganisationen verbringen etwa doppelt so viel ihrer Zeit mit innovationsbezogenen Aufgaben wie traditionell aufgestellte wenig eingebundene Einkaufsorganisationen.

3. Prozessbeschreibung

Die detaillierte Dokumentation und Gestaltung der Innovationsprozesse ist ein weiterer Baustein innovationsoffener Unternehmen. Klare Prozesse vermeiden Reibungsverluste durch Diskussionen über die Einkaufsbeteiligung. Drei Prozesse sind entscheidend. Erstens: der Produktentstehungsprozess, in dem verbindliche Einkaufseinbindungsstellen definiert werden. Zweitens: die Verabschiedung eines expliziten Lieferantenfrüheinbindungsprozesses. Drittens: eine Anpassung des Lieferantenentwicklungsprozesses, da viele Innovationen im Rahmen von Lieferantenentwicklungsmaßnahmen entstehen.

4. Kooperationsorientierte Unternehmenskultur

Externe Zusammenarbeit mit Lieferanten setzt interne Zusammenarbeit zwischen den Funktionsbereichen voraus. Die Möglichkeiten informeller Flurgespräche, funktionsübergreifender Austausch und der generellen Gesprächsbereitschaft auch über Aufgabenbereiche und Ränge hinweg sind Kennzeichen, die erfolgreiche Unternehmen differenzieren.

Fazit: Lieferanten können genau dann innovativ werden, wenn sie rechtzeitig an Entwicklungsprojekten beteiligt sind. Dazu muss der Einkauf Teil des Produktentwicklungsteams sein. Zur Sicherstellung seiner frühen Einbindung kann der Einkauf durch eine interne Reorganisation unter Einführung eines Advanced Sourcings und durch die endsprechende Prozessgestaltung Voraussetzungen schaffen. Der Lohn: Mit Einkaufsfrüheinbindung in Entwicklungsprozesse verdoppelt sich die Anzahl der innovativen Lieferanten (siehe Abbildung 2). Und damit steigt die Chance, auch in Zukunft Einsparungen durch Innovationen zu realisieren.

Prof. Dr. Holger Schiele, Universität Twente, Enschede (NL)

Weitere Infos:

25.11. 2010, Universität Twente in Enschede, ab 14:15 Uhr: Praxisbeitrag“Innovation with suppliers: purchasing’s contribution“ von Frank Schöpke, Vice President Global Procurement, Siemens AG IA AS; anschließend spricht Prof. Dr. Holger Schiele.

Anmeldung: http://www.utwente.nl/mb/oohr/events/