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Vom „Besteller“ zum Wert- und Kostenmanager
Finanzdienstleistungs-Branche definiert Wertbeitragsmessung für den Einkauf
Mehr als 30 Milliarden Euro - so hoch schätzt das Bundesamt für Straßenwesen den volkswirtschaftlichen Schaden durch Verkehrsunfälle 2005 in Deutschland. Den Schaden des Einzelnen deckt meist eine Versicherung ab, die zur Regulierung des Schadensfalls Rechtsanwälte, Gutachter und Werkstätten in großem Umfang beauftragen muss. Diese Summe macht deutlich, welches strategische Potenzial der Einkauf auch in Finanzdienstleistungs-Unternehmen als „Wert- und Kostenmanager“ haben kann. Die Auszahlungssummen sind für die Versicherungen größtenteils eingekaufte Leistungen, die heute noch weitestgehend nicht direkt beeinflussbar sind. Doch wie erfolgreich und mit welchem Mandat managt der Einkauf in einer Versicherung eigentlich solche Kosten - etwa im Vergleich zu Wettbewerbern? Und wie ist sein Einfluss auf den Geschäftserfolg messbar? Ein Kernproblem dabei ist, wie wird der Beitrag des Einkaufs zum Unternehmenswert gemessen - vor allem wenn Leistungen wie das Verhindern von Kostensteigerungen sich heute in keiner Unternehmensbilanz niederschlagen. Gleiches gilt für die Weiterentwicklung von Lieferanten. Die größte Herausforderung ist daher die Entwicklung von Ansatzpunkten, die alle Dimensionen des einkäuferischen Wirkens abbilden und finanziellen mit nicht-finanziellen Kennzahlen kombinieren. Nur so lässt sich der gesamte Wertbeitrag des Einkaufs transparent darstellen.
Als Kostenmanager senken Einkäufer nicht nur Preise, sondern entwickeln die Unternehmensstrategie auf der Beschaffungsseite konsequent strategisch fort und eröffnen anderen Unternehmensbereichen neue Spielräume. Dies kann durch das Aufspüren besonders innovativer Zulieferer ebenso geschehen wie durch das Aufbauen von strategischen Partnerschaften. Ein Beispiel aus der Versicherungsbranche sind Rahmenverträge mit Werkstattketten, die dem Vertrieb das Angebot von verbilligten Tarifen mit Werkstattbindung ermöglichen oder feste Kostensätze für standardisierte Bearbeitungsprozesse mit Rechtsanwälten, z.B. im Bereich Rechtsschutz.
Kennzahlen-Cockpit für den Einkauf
Die Wertbeitragsmessung im Einkauf muss somit auch nicht-finanzielle Leistungen erfassen. Ein solches umfassendes Steuerungssystem dient dann nicht nur der Ergebnismessung, sondern auch dazu, Prioritäten für Tätigkeiten mit einem mit hohem Wertbeitrag zu definieren. Mit entsprechenden Kennzahlen lassen sich Ziele setzen und Fortschritte überprüfen. Es entsteht ein Steuerungssystem, das den Wertbeitrag in fünf unterschiedlichen Dimensionen transparent macht.
Um den Wertbeitrag des Einkaufs nicht nur im eigenen Unternehmen zu ermitteln, sondern auch mit dem Wettbewerb vergleichbar zu machen, hat die Fachgruppe Finanzdienstleister des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (e. V.) mit Unterstützung der h&z Unternehmensberatung ein Kennzahlensystem für den Einkauf in Finanzdienstleistungsunternehmen im Rahmen einer Studie entwickelt. Neun namhafte Finanzdienstleister (Commerzbank, Gothaer, ITERGO, HypoVereinsbank, IKB, MLP, Münchener Rück, Sparkassen Informatik, WestLB) haben die Grundlagen erarbeitet und nutzen als Piloten erstmals einen umfassenden Ansatz für die Wertbeitragsmessung des Einkaufs. Der Finanzsektor will damit als die erste Branche einen Branchenstandard zur Wertbeitrags- und Erfolgsmessung im Einkauf etablieren. Insbesondere der Kommunikation der erreichten Wertbeitragsziele sowohl intern wie extern ist für den Einkauf von großer Bedeutung, gilt es doch, das mandatierte Einkaufsvolumen auszubauen und den Mehrwertbeitrag zu unterstreichen. Ausgewählte Kennzahlen ermöglichen eine objektivierte Darstellung des erreichten Wertbeitrags im eigenen Unternehmen. Für Hans-Josef Schilling, Businessmanager im Konzerneinkauf de WestLB gewinnt „der Einkaufsbereich aus der systematischen Ermittlung der Kennzahlen wertvolle Erkenntnisse und Ansätze zur Steuerung der unternehmensspezifischen Einkaufsfunktionen.“
Die Einkäufer der Finanzdienstleister haben sich darauf verständigt, den Wertbeitrag in den fünf Dimensionen zu messen - Finanzen, Lieferanten, Kunden, Prozesse und Mitarbeiter. Das hat den Vorteil, dass bei vielen Unternehmen diese aus Balanced Scorecards bereits bekannten Dimensionen bereits im Einsatz sind und entsprechende Kennzahlen bereits existieren. Für die Vergleichbarkeit in der Branche musste so nur eine Einigung über die entscheidenden Kennzahlen erreicht werden.
Für jede der fünf Dimensionen sind Kennzahlen definiert worden:
- Finanzen: Hier steht der Einkaufserfolg im Mittelpunkt, der sich in der Unternehmensbilanz niederschlägt, darüber hinaus die Erreichung von finanziellen Zielwerten.
- Lieferanten: In dieser Dimension wird definiert, in welcher Form die Lieferantenbasis zum Unternehmensergebnis beiträgt. Die Ermittlung und Messung der Leistungsfähigkeit der Lieferanten ist eine häufig gewählte Kennzahl, die eine objektivierte Bewertungssystematik voraussetzt.
- Kunden: In dieser Dimension ist festzulegen, welchen Mehrwert der Einkauf zum einen gegenüber den einzelnen Geschäftsbereichen als „interne“ Kunden, zum anderen natürlich auch gegenüber den Endkunden erreichen kann. Anderseits sollte sich der Einkauf in der Kundendimension auch fragen, welchen Nutzen der Kunde vom Einkauf erwartet. Die Ermittlung der regelmäßigen Kundenzufriedenheit wird in der Regel zugrunde gelegt.
- Prozesse: In dieser Dimension ist zu untersuchen, welche Prozesse für den Unternehmenswert hohe Priorität haben. Die Ermittlung der eProcurement-Rate oder der Automatisierungsgrad von Bestellungen können als Effizienz-Kennzahlen den Wertbeitrag herausstellen.
- Mitarbeiter: Hier ist zu klären, wie die Fähigkeit zum Lernen und zur Adaptierung von Innovationen gestaltet und gesteigert werden kann. Dies ist aber mit quantifizierten Kennzahlen meist nicht abbildbar. Als quantifizierbare Größen bieten sich deshalb besser Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder die Anzahl der Fortbildungstage an.
Fazit
Mit dem Wertbeitrag Einkauf wurde erstmalig ein ganzheitlicher Standard zur Messung des Wertbeitrags und Erfolgs des Einkaufs definiert. Dieses für Finanzdienstleister erarbeitete Konzept kann in großen Teilen für viele Branchen genutzt werden kann. Hardware, Software, IT-Dienstleistungen, Versicherungen, Anwälte, Werkstätten und Geschäftsreisen – Finanzdienstleister kaufen eine Vielzahl von für den Geschäftserfolg bedeutenden Leistungen und Produkten ein. Eine erfolgreiche Einkaufsstrategie mit einer transparenten Messung des Wertbeitrags, kann einen entscheidenden Einfluss ausüben auf eine positive Geschäftsentwicklung. Jeder einzelne Einkäufer leistet dabei nachvollziehbar einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg. Die Zeiten, in denen Einkäufer nur als die kostensparenden Bestellexperten angesehen sind, gehören damit auch in der Finanzdienstleistungs-Branche endgültig der Vergangenheit an.






