„Der Aufschwung wird sich fortsetzen“

Haspa-Chefvolkswirt Jochen Intelmann: "Die große Frage ist nun, ob das Tempo gehalten werden kann oder ob es zu einer deutlichen Verlangsamung kommt."

Foto: Haspa

Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse AG (Haspa), gewährte dem BME folgendes Interview*:

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in Sektlaune. Ist demnach alles eitel Sonnenschein?
Ja, zumindest, wenn man die Konjunktur-Frühindikatoren heranzieht. Fast überall werden Höchststände gemeldet. So eilen beispielsweise der ifo Geschäftsklimaindex und der GfK Konsumklimaindex von Rekord zu Rekord; auch der aktuelle IHS Markit/BME Einkaufsmanager Index schoss mit 59,5 im Mai regelrecht durch die Decke und konnte damit wieder an die Top-Werte vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise anknüpfen. Die genannten Indikatoren signalisieren einen gewissen Anflug von konjunktureller Euphorie. Diese lässt sich jedoch bisher nicht an den realen Wirtschaftsdaten ablesen, wenngleich die BIP-Wachstumsrate im ersten Quartal 2017 mit +0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal sehr gut war. Die große Frage ist nun, ob das Tempo gehalten werden kann oder ob es zu einer deutlichen Verlangsamung kommt. Ich betrachte die Frühindikatoren immer ein bisschen vorsichtig, weil sie scheinbar unaufhaltsam nach oben klettern. Irgendwann geht es aber nicht mehr weiter. So pendelt der EMI zurzeit zwar um die 59-Punkte-Marke, wird aber kaum auf 70 oder 80 ansteigen. Es gibt halt eine natürliche Obergrenze. Ich vermute daher, dass sich derzeit viele der Indikatoren in der Nähe ihres Gipfels befinden.

Dennoch geht der deutsche Wirtschaftsboom ins neunte Jahr und ein Ende ist nicht abzusehen, oder?
Auch ich glaube an eine Fortsetzung des Aufschwungs. Ich bezweifele nur ein wenig die Prognosegüte einiger Frühindikatoren. Aus ihnen werden manchmal Wachstumshoffnungen abgeleitet, die nicht realistisch sind. Ein Beispiel: Wenn das deutsche Bruttoinlandsprodukt jährlich um etwa 1,5 Prozent zulegt, sprechen wir von einem „normalen“ Wachstum. Eine reife Volkswirtschaft wie die unsere, noch dazu mit einer alternden Bevölkerung, kann eigentlich keine drei oder vier Prozent Wachstum schaffen. Es sei denn, sie kommt gerade aus einer Krise. Momentan setzt sich der Aufschwung Jahr für Jahr fort. Dennoch steht fest, dass er irgendwann zum Erliegen kommt und der Konjunkturzyklus wieder durchscheint. Dieser Fall wird eintreten, wenn die private Nachfrage wegbricht. Das ist aber zurzeit nicht erkennbar. Der deutsche Arbeitsmarkt floriert. Mit 1,1 Millionen gab es im ersten Quartal 2017 so viele offene Stellen wie noch nie. Zudem ist die Arbeitslosenquote im Mai auf 5,6 Prozent gesunken. Solange der Arbeitsmarkt keine Ermüdungszeichen zeigt, wird der private Verbrauch weiter stimuliert. Die privaten Konsumausgaben haben sich in einer modernen Volkswirtschaft zur stärksten Triebkraft für den Aufschwung entwickelt. Wenn sie brummen, dann brummt auch die Wirtschaft. Ein Ende dieses Trends ist aktuell nicht in Sicht.

Hat die Politik trotz Aufschwung Reformbedarf?
Ja, sie sollte sich noch viel stärker um die Bildung kümmern. „Brain“ ist der wichtigste inländische Rohstoff. Wenn wir langfristig weltweit erfolgreich sein wollen, müssen wir innovativer werden. Ein weiteres Problem ist der Investitionsstau. Finanzminister Schäuble hat zwar seit Jahren viele Milliarden Euro für Infrastruktur-Investitionen in den Bundeshalt eingestellt; diese fließen aber kaum ab. Einer der Gründe dafür ist der Fachkräftemangel. Ohne Ingenieure beispielsweise lassen sich Ausschreibungen nicht oder nur schleppend vorbereiten. Gleichzeitig fehlen aber auch Fachkräfte in den Unternehmen, die diese Projekte realisieren können, beispielsweise am Bau.

Und die Wirtschaft
Auch bei den Unternehmen läuft nicht alles rund. So wird das wichtige Thema IT-Sicherheit sowohl von Global Playern als auch KMU unterschätzt. Ihnen muss klar sein, dass sie bei fehlender Absicherung die Existenz des eigenen Betriebes gefährden. Das hat die jüngste globale Cyber-Attacke eindrücklich bewiesen.

Läuft der globale Konjunktur-Motor rund?
Die globale Konjunktur hat 2017 die große Chance, einen Gang hochzuschalten. In den vergangenen Jahren wuchs die Weltwirtschaft meist nur um 3,1 Prozent. Laut IWF-Prognosen könnten es im laufenden Jahr +3,5 Prozent sein. Hier lohnt sich ein Blick auf einzelne Länder. So dürfte die US-amerikanische Wirtschaft – auf sie entfällt immerhin ein Viertel des globalen Bruttoinlandsproduktes – um voraussichtlich 2,3 Prozent zulegen. China verzeichnete einen sehr guten Jahresauftakt, ebenso Japan. Und auch die Eurozone befindet sich weiter klar im Aufwind.

Bereiten Ihnen die zahlreichen globalen Krisen Sorgen?
Sie sollten zumindest nicht völlig ausgeblendet werden. So ist gegenwärtig noch unklar, ob und in welchem Ausmaß US-Präsident Donald Trump die Handelspolitik seines Landes neu ausrichtet. Offen ist zudem, ob er die US-Wirtschaft tatsächlich, wie von ihm angekündigt, nach außen abschottet. Sollte Trump beispielsweise die so genannte Border Adjustment Tax einführen, hätte dieser steuerliche Grenzausgleich für deutsche Unternehmen gravierende Folgen. Durch diese Abgabe würden ihre Produkte auf dem US-amerikanischen Markt künftig deutlich teurer. Und es ist nicht auszuschließen, dass es zu Gegenreaktionen kommt und einzelne Länder Zölle auf US-Waren erlassen. Damit könnten dunkle Wolken über der sich gerade erholenden Weltwirtschaft aufziehen.

Wie bewerten Sie den Widerspruch zwischen anziehender globaler Konjunktur bei gleichzeitiger Investitionszurückhaltung?
Die latent vorhandenen Unsicherheitsfaktoren sorgen bei den Unternehmen für einen Restzweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs. Deshalb tätigen viele Firmen keine Erweiterungs-, sondern allenfalls Ersatzinvestitionen. Allerdings glaube ich, dass sich momentan der Wind dreht und die jahrelange Zurückhaltung nachlässt. So mancher Betrieb kann geplante Investments nicht mehr herauszögern, weil seine Kapazitätsgrenze längst erreicht ist. Deshalb glaube ich, dass die Investitionen in diesem und im nächsten Jahr wieder höhere Wachstumsbeiträge liefern werden.

Die Eurozone hat die weltgrößte Volkswirtschaft USA zu Jahresbeginn beim Wachstum in den Schatten gestellt. Welche Gründe gibt es dafür?
Die Quartalswachstumsraten in der Eurozone sind seit mehreren Jahren relativ konstant. Der Aufschwung kommt seit Ende 2013 solide voran. Es gibt zwar keine spektakulären Steigerungsraten, dafür aber auch keine Ausreißer nach unten. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Mit Blick auf die US-Volkswirtschaft ist immer noch schleierhaft, was dort im ersten Quartal mit dem Konsum passiert ist. Die privaten Konsumenten haben zu Jahresbeginn praktisch ihre „Taschen zugemacht“. Mehr als zwei Drittel des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes werden über den privaten Verbrauch generiert. Dieser wiederum ist im ersten Quartal (im Gegensatz zu früher) nur wenig gestiegen und hat damit total enttäuscht. Dennoch besteht kein Anlass zur Sorge, dass die US-Wirtschaft einbricht. Sie dürfte sich bereits im 2. Quartal deutlich erholen. Ich rechne für 2017 mit einem BIP-Plus etwas oberhalb der zwei-Prozent-Marke.

Die PMI für die Sorgenkinder Frankreich, Italien und Spanien erreichten im April 72-, 73- und 2-Monatshochs. Ist das Schlimmste in diesen Volkswirtschaften überstanden?
Im Prinzip ja, allerdings ist der Reformbedarf in diesen Ländern weiter hoch. Italien hat damit bereits vor einigen Jahren begonnen und erntet jetzt die ersten Früchte. In Frankreich stimmt mich hoffnungsvoll, dass der neue Mann im Elysée bereits bei seinem Amtsantritt signalisiert hat, den Reformweg einzuschlagen. So will Präsident Emmanuel Macron per Dekret den Arbeitsmarkt liberalisieren und damit die Schaffung neuer Stellen erleichtern. Auch Spanien ist mittlerweile kein Sorgenkind mehr. Das Land profitiert vor allem vom Tourismus, da klassische Urlaubsziele wie Ägypten und die Türkei für viele Urlauber zu unsicher geworden sind.

Wie lange wird Ihrer Ansicht nach die EZB an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhalten?
Die EZB dürfte noch längere Zeit, vielleicht sogar bis Ende 2019, bei ihrer Nullzinspolitik bleiben. Dann endet die achtjährige Amtszeit von Notenbank-Chef Mario Draghi. Ich gehe davon aus, dass die EZB ab Januar 2018 nur sehr behutsam auf die monetäre Bremse tritt und ab Mitte nächsten Jahres schließlich keine Anleihen mehr kauft. Allerdings dürfte sie sich ein Hintertürchen für weitere Eingriffe offenhalten. Diese könnten erforderlich werden, falls beispielsweise die Renditen in Italien zu weit nach oben getrieben werden sollten. Im Kern geht es der Europäischen Zentralbank nach meiner Einschätzung bereits seit Jahren vor allem um die nachhaltige Verbesserung der Schuldentragfähigkeit der Euro-Länder. Die immer wieder kolportierten Deflationssorgen waren von Anfang an nur vorgeschoben.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME.

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