09.03.2017 //

„Konsumgetriebener Aufschwung kann noch Jahre anhalten“

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank AG: "Die deutsche Wirtschaft dürfte 2017um stolze 1,6 Prozent zulegen."

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Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank AG, Frankfurt,im BME-Konjunktur-Interview*:

Foto: Commerzbank AG

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Laut EMI legte die deutsche Industrie Ende 2016 einen fulminanten Schlussspurt hin und ist auch gut ins neue Jahr gestartet. Wie bewerten Sie die jüngste Konjunkturentwicklung?

Der EMI steigt seit Monaten recht deutlich und hat auch zum Jahresanfang positiv überrascht. Das deutet darauf hin, dass die Konjunktur auch im Frühjahr gut laufen wird. Für das erste Quartal zeichnet sich beim Bruttoinlandsprodukt ein starkes Plus ab, nachdem die deutsche Wirtschaft bereits im vierten Quartal um deutliche 0,4 Prozent gegenüber dem dritten Quartal gewachsen war. Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem Jahr um stolze 1,6 Prozent zulegen.

Wodurch ist die gegenwärtige Konjunktur gekennzeichnet?

Deutschland erlebt einen konsumgetriebenen Aufschwung, der noch einige Jahre anhalten kann. Es sind keine höheren Leitzinsen in Sicht, die ihn abkühlen könnten. Der private Verbrauch hat 2016 zum zweiten Mal in Folge um 2,0 Prozent zugelegt. Hinzu kam der starke Staatsverbrauch, der das Wirtschaftswachstum um 0,8 Prozentpunkte angeschoben hat. Allerdings gibt es unter der glänzenden Oberfläche des konsumgetriebenen Aufschwungs einige hausgemachte Fehlentwicklungen. Das lässt sich an den Konjunkturdaten des abgelaufenen Jahres ablesen. Danach steigerten viele Unternehmen ihre Investitionen weniger stark als zuvor.

Welche Fehlentwicklungen stören Sie besonders?

Die Bundesregierung rollt die Arbeitsmarktreformen des früheren Kabinetts Schröder in vielerlei Hinsicht zurück und traktiert die Unternehmen gerade im Bereich des Arbeitsrechts mit Bürokratie. Außerdem steigen die Arbeitsentgelte seit 2010 schneller als durch die Produktivität gerechtfertigt werden kann. Damit erhöhen sich die Lohnstückkosten, die mittlerweile schneller zulegen als in anderen Euro-Staaten. Das ist zwar noch nicht gefährlich, weil sich die Lohnstückkosten in den ersten zehn Jahren der Währungsunion seitwärts bewegt haben. Wenn es aber so weiter geht, wird es zu einer Erosion der deutschen Wettbewerbsfähigkeit kommen. Eine weitere Fehlentwicklung betrifft den Häusermarkt. Dort befürchte ich in ein paar Jahren Blasen, deren Platzen die deutsche Wirtschaft nach unten ziehen würde.

Was ist mit den Bedrohungen durch die zahlreichen internationalen Krisen?

Auch sie können der deutschen Konjunktur gefährlich werden. Sorge bereitet mir vor allem das weltweite Wiederaufleben des Protektionismus – und das nicht nur in den USA unter dem neuen Präsidenten Donald Trump, sondern auch hierzulande, zum Beispiel durch die Anti-TTIP-Bewegung.

Ist der gegenwärtige Aufschwung Ihrer Ansicht nach fragil oder robust?

Von „fragil“ würde ich nicht sprechen. Das ist das falsche Bild, denn es suggeriert, dass es mit dem Aufschwung jederzeit vorbei sein könnte.

Der PMI für die Eurozone kletterte im Dezember 2016 auf den höchsten Stand seit April 2011. Ist die Krise überwunden?

Der Einkaufsmanager Index für die Euro-Zone erreichte im Dezember 2016 mit 54,9 nicht nur den höchsten Stand seit mehr als fünfeinhalb Jahren, sondern lag im Berichtsmonat auch um 2,2 Punkte höher als der globale Einkaufsmanager Index. Darin spiegelt sich vor allem die Stimmungsverbesserung in den Absatzmärkten der Währungsunion wider. Ermutigend ist auch, dass die Kreditvergabe der EZB seit kurzem wieder etwas steigt. Die Milliarden der EZB toben sich nicht mehr ausschließlich an den Finanz- und Häusermärkten aus. Vielmehr kommen sie zumindest teilweise in der Realwirtschaft an und schieben die Konjunktur an. Deshalb glaube ich, dass der jüngste Anstieg des PMI für die Eurozone mehr ist als nur der Ausschlag nach oben in einer Wellblech-Konjunktur. Er reflektiert zumindest teilweise, dass die Geldpolitik der EZB mit Blick auf die Realwirtschaft nicht mehr vollständig verpufft.

Wer hat größeren Reformbedarf: die Euro-Wirtschaft oder das politische System der EU?

Beides lässt sich voneinander nicht trennen. Fehlentwicklungen in einzelnen EU-Staaten führen dazu, dass Entscheidungen auf Ebene der Europäischen Währungsunion ins Leere laufen. Das wirtschaftspolitische System der Eurozone funktioniert deshalb so schlecht, weil einzelne Länder die geltenden Spielregeln nicht anerkennen. Bestes Beispiel ist Italien. Dort hat es bisher keinen Reformdurchbruch gegeben. Die meisten wirtschaftspolitischen Probleme sind nach wie vor ungelöst.

Sie bezeichneten kürzlich 2017 als das „Jahr der Politik an den Börsen“. Was meinen Sie damit?

Zahlreiche politische Entscheidungen werden in diesem Jahr die globale Wirtschaft beeinflussen. In vielen Ländern Europas finden richtungsweisende Wahlen statt. Urnengänge mit ungewissem Ausgang gibt es unter anderem in den Niederlanden, Frankreich und in Deutschland. In Italien drohen nach dem Scheitern des Renzi-Referendums Neuwahlen. Die EZB wird 2017 darüber reden müssen, wie sie die Anleihekäufe zurückfährt. In den USA bleibt abzuwarten, welche wirtschaftspolitischen Weichen der neue US-Präsident Trump stellen wird. Auch in China geht es um Politik. So konnte sich die größte Volkswirtschaft Asiens in der zweiten Jahreshälfte 2016 nur deshalb stabilisieren, weil die Immobilienpreise wieder kräftig gestiegen sind. Dagegen wird die Regierung unter Ministerpräsident Li Keqiang etwas tun müssen, wenn sie das Entstehen von Blasen verhindern will.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Welthandels?

Der um Preissteigerungen bereinigte Welthandel hat in den vergangenen Jahren nur noch wenig zulegen können. Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren 2007/2008 hat sich sein Wachstumstempo deutlich abgeschwächt. Die durch die großen Liberalisierungsrunden der Vergangenheit geschaffenen Entfaltungsmöglichkeiten wie die Gründung der Welthandelsorganisation oder die Aufnahme Chinas in die WTO sind mittlerweile erschöpft. Neue Liberalisierungsschritte bleiben aus – und das nicht nur wegen der protektionistischen Pläne Donald Trumps oder der Anti-Freihandelsbewegung in Europa. Deshalb dürfte der Welthandel, auch wenn er sich zyklisch erholen sollte, nicht mehr an die Zuwachsraten vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise herankommen.

Wie stark kann die künftige Wirtschaftspolitik des neuen US-Präsidenten die internationale Konjunktur werden?

Donald Trump ist kein Ronald Reagan. Der 40. Präsident der USA hatte im Gegensatz zu Trump eine konsistente wirtschaftspolitische Philosophie. Das sich abzeichnende Regierungsprogramm des neuen Mannes im Weißen Haus ist dagegen widersprüchlich. Positiv ist, dass Trump die Unternehmens- und Einkommensteuern deutlich senken will. Das schafft bessere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und gibt dem privaten Sektor Geld zurück. Die eine oder andere geplante Deregulierung ist ebenfalls zu begrüßen. Falsch ist dagegen aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, den Umweltschutz und die Bankenregulierung zurückzufahren. Das große Risiko liegt im Bereich des US-amerikanischen Außenhandels. Hier hat Trump mit seiner Ankündigung, die transpazifische Freihandelszone TTP zu stoppen, schon viel Porzellan zerschlagen. Es wird immer klarer, dass der Protektionismus das große Problem dieser US-Präsidentschaft sein wird. Es gibt aber auch sicherheitspolitische Risiken. So sind die Aussagen Trumps zur NATO sehr ambivalent.

*Das Konjunktur-Interview führte Frank Rösch, BME.

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