11.10.2016 //

"Moral ist in der Wirtschaft noch immer ein Tabu"

Professor Evi Hartmann war am Montagabend in Frankfurt prominenter Gast einer erstmals gemeinsam von den drei BME-Regionen Darmstadt, Hanau und Rhein-Main organisierten Sonderveranstaltung.

Prof. Evi Hartmann in der Deutschen Nationalbibliothek: "Transparenz schaffen, ist für verantwortungsbewusste Manager eine "Hol-Schuld", die sich für das Unternehmen auszahlt." Foto: Frank Rösch/BME e.V. Prof. Evi Hartmann in der Deutschen Nationalbibliothek: "Transparenz schaffen, ist für verantwortungsbewusste Manager eine Hol-Schuld, die sich für das Unternehmen auszahlt." Foto: Frank Rösch/BME e.V.

„Das Thema Moral ist in der Wirtschaft noch immer ein Tabu. Deshalb wird es immer mehr zu einem echten Risikofaktor“, sagte Prof. Dr. Evi Hartmann in Frankfurt. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Supply Chain Management an der Universität Erlangen-Nürnberg war am Montagabend prominenter Gast einer erstmals gemeinsam von den drei BME-Regionen Darmstadt, Hanau und Rhein-Main organisierten Sonderveranstaltung*. Mehr als 120 Einkäufer, Supply Chain Manager und Logistiker kamen in die Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, um Hartmanns Meinung zur „Moral in einer globalen Wirtschaft – Alibi oder Strategie?“ zu hören.

Modern geführte Unternehmen gestalteten ihre Lieferkette „auch nach moralischen Gesichtspunkten“, führte Hartmann weiter aus. Angesichts der zahlreicher werdenden Krisenherde und der wachsenden Kluft zwischen arm und reich sei die Hinwendung vom Supply Chain Management zum Moral Supply Chain Management das Gebot der Stunde. Dabei gehe es vor allem um nachhaltiges Wirtschaften; dies wiederum sei ohne Moral nicht zu erreichen. Hier seien aber auch Widerstände und falsche Ansicht zu überwinden. So heiße es häufig in Teilen der Wirtschaft, „Moral kostet Zeit und die haben wir nicht“. Darauf erwiderte Hartmann, dass Moral kein Zeit- und Kostenfaktor sei, sondern für Umsatz und Rendite sorge. Manche Supply Chain Manager fragten auch: „Wozu Moral? Wir haben doch Compliance!“ Hier zog Hartmann eine klare Trennlinie zwischen beiden Begriffen. Als Beispiel nannte sie Kinderarbeit in vielen Teilen der Welt: „Sie ist unmoralisch.“

Erfreulich sei, dass unter den Managern langsam ein Umdenken einsetze. Sie erkennen laut Hartmann, dass „Moral wichtiger sei als der Status einer Person oder eines Unternehmens“. Moralisches Handeln, das eng einhergehe mit regelkonformen Verhalten, sei mittlerweile auch im Einkauf ein wichtiger Faktor. Damit die Procurement-Abteilungen den Übergang vom Supply Chain Management zum Moral Supply Chain Management vollziehen können, müssten sie allerdings zuvor entsprechendes Know-how aufbauen. Einkaufsleiter, CPO und Vorstand seien dafür verantwortlich.

Moral in Zeiten der Globalisierung habe weniger mit heroischen Taten, sondern vielmehr mit moralischer Transparenz entlang der Supply Chain zu tun. Hartmann abschließend: „Unternehmen mit einer Kultur der offenen, vorwurfsfreien Kommunikation erreichen zwangsläufig eine höhere moralische Reife.“
Wie Hartmann verwies auch BME-Vorstandsvorsitzender Horst Wiedmann auf das hohe Gut der Moral, die in einer globalen und sich intensiver vernetzenden Wirtschaft an Bedeutung gewinne. Er fragte in diesem Zusammenhang: „Ist es moralisch, dass wir jährlich für 18 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel in den Müll werfen?“ Deshalb müsse „jeder von uns überlegen, wie er durch sein eigenes Verhalten höheren moralischen Maßstäben gerecht werden kann“. Das gelte insbesondere für den Einkauf; auch er müsse dafür sorgen, dass die Moral entlang der gesamten Supply Chain, einschließlich der Subunternehmen, Einzug halten könne. Er wisse, wie schwierig es sei, jedes Glied der Lieferkette zu durchleuchten. Letztlich führe daran aber kein Weg vorbei. Das klappe auch nur, wenn die Unternehmen dieses Thema ernst nehmen. Denn es sei laut Wiedmann „ein Top-Thema für die Wirtschaft“. Hier könne auch der BME helfen, der als größter Einkäuferverband in Europa mit seinem Code of Conduct einen internationalen und branchenübergreifenden Mindeststandard geschaffen hat.

Die drei Vorstandsvorsitzenden der BME-Regionen Darmstadt, Hanau und Rhein-Main gingen in ihren Statements auf das neue Veranstaltungskonzept ein, das mit dem Vortrag von Prof. Hartmann erstmals umgesetzt wurde. „Unter uns ist unstrittig, dass sich durch eine engere Abstimmung Kräfte bündeln, Synergien nutzen und unerschlossene Potenziale heben lassen“, betonte Lothar Kunkel, Vorstandsvorsitzender der BME Rhein-Main-Region. „Nach dem Erfolg der gemeinsam organisierten Fachveranstaltung in der Nationalbibliothek Frankfurt wollen wir unseren Mitgliedern künftig einmal im Jahr eine Gemeinschaftsveranstaltung anbieten“, kündigte Bernd Weimer, Vorstandsvorsitzender der BME-Region Hanau/Main-Kinzig-Kreis/Unterfranken/Osthessen, an. „Sie können zudem aus einer dreifachen Menge an Veranstaltungsterminen auswählen. „Das erhöht unsere Attraktivität, steigert die Zufriedenheit unserer Mitglieder und stärkt deren Bindung an den Verband“, sagte Friedrich J. Graf, Vorstandsvorsitzender der BME-Region Darmstadt.

*Von der Sonderveranstaltung der drei BME-Regionen Darmstadt, Hanau und Rhein-Main berichtete Frank Rösch, BME

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