Mut zum Risiko: Geschäftsfelder neu denken

Deutsche Industriechefs diskutierten beim 24. Münchner Management Kolloquium neue Geschäftsmodelle.

Müssen sich Unternehmen in der Digitalisierung neu erfinden? lautete die Frage beim 24. Münchner Management Kolloquium im Audimax der TU München. Foto: BME e.V. Müssen sich Unternehmen in der Digitalisierung neu erfinden? lautete die Frage beim 24. Münchner Management Kolloquium im Audimax der TU München. Foto: BME e.V.

Die Vision von Industrie 4.0 und neuen Geschäftsmodellen ist hinreichend beschrieben. Aber noch fehlt es vielerorts an Wissen, den Übergang von einer analogen Arbeitsumgebung in ein digitales, vernetztes Wertschöpfungssystem zu schaffen. Wo deutsche Unternehmen stehen, zeigte sich beim 24. Münchner Management Kolloquium, das unter dem Motto „Müssen Unternehmen sich neu erfinden?“ stand. „Wir stehen erst am Anfang“, sagte Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp AG. Noch sei das Bild der digitalen Zukunft diffus. Es gelte, das Potenzial der Digitalisierung für die Wertschöpfung zu sehen: „Der Wettbewerb verschiebt sich von Faktoren wie Qualität und Preis hin zur Frage, wer mit welchen innovativen Ideen Mehrwert für die Kunden schafft.“ Ein Pilotprojekt von ThyssenKrupp ist das Stahlwerk Hohenlimburg, wo Kunden ihren Auftrag direkt in das System buchen und den Start der Produktion bestimmen. Voraussetzung für solche Geschäftsmodelle sei Mut zum Risiko. „Wir dürfen nicht den Ist-Zustand zu Tode analysieren, nur um morgen keine Fehler zu machen“, so Hiesinger.

 

Den Wandel als Chance begreifen, forderte Prof. Michael Süß, Präsident des Verwaltungsrats der OC Oerlikon Management AG: „In Deutschland herrscht noch eine gewisse Biedermeier-Stimmung, man will das Gewohnte bewahren.“ Oerlikon, die Technologien für Oberflächen entwickelt, war 2009 fast pleite und hat sich 2011 sozusagen neu erfunden und setzt massiv auf Additive Fertigung beim Beschichten von Bauteilen. 3-D-Druck werde kommen: „Stellen Sie sich jetzt schon drauf ein.“

 

Auch der Automobilzulieferer Webasto richtet sich neu aus. „Wir erfinden uns nicht neu, schärfen aber unser Profil und setzen neue Schwerpunkte“, erklärte Vorstandsvorsitzender Holger Engelmann. Neue Geschäftsfelder müssten aber zum Kompetenzprofil passen. In einem „Innovation Game“ wurden bei Webasto 150 Geschäftsideen eingebracht, die dann verdichtet zu neuen Zielfeldern führten wie etwa E-Solutions & Services oder Design-to-cost-Batteriesysteme.

 

Vor einem Hype warnte Heinz-Walter Große, Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG: „Ich sehe nicht, dass wir die Entwicklung verschlafen. Das Thema wird nur teils zu unstrukturiert diskutiert.“ Es sei nicht so dramatisch, wie es Berater manchmal glauben machen wollten. "Wir sollten da gelassener rangehen", so Große. Der Medizintechnikhersteller hat seine Produktion und Logistik schon weitgehend automatisiert. Die Frage sei, was Sinn mache und wo es sich auch rechne. „Industrie 4.0 ist kein Selbstzweck.“

 

Neue Geschäftsmodelle erfordern Mut, auch altes über Bord zu werfen. „Wie schaffen wir es, Veränderung aus dem Unternehmen heraus zu gestalten? Das ist die Kernfrage, wie man eine traditionelle, gut funktionierende Erfolgsfirma in Richtung Digitalisierung verändert“, sagte Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratchef der Linde AG. „Es geht auch um Führen in Zeiten, wo nicht klar ist, wohin die Reise geht.“ Früher habe man einen Zehnjahresplan abgearbeitet, heute gebe es Dreijahrespläne und selbst die müsse man immer wieder anpassen. „Dafür braucht man eine hochagile, superschnelle Mannschaft.“

 

Vom 24. Münchner Management Kolloquium berichtete Volker Haßmann.

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