16.05.2014 //

"Die Treppe wird von oben gefegt"

Vortrag bei BME-Region: Veränderungen beim Lean Management sind Chefsache.

Dingerkus' Kernbotschaft an die Einkäufer: "Attackieren Sie die Durchlaufzeit." Foto: BME-Region Rhein-Main

Wussten Sie, dass der chinesische Kompass nach Süden und nicht nach Norden zeigt? Es war bei Weitem nicht die einzige Besonderheit, die Diplom-Wirtschaftsingenieur Stefan Dingerkus über China zu berichten wusste. Er blickt auf viele Jahre praktischer Erfahrung als Supply Chain-Verantwortlicher in chinesischen Betrieben zurück und war dort unter anderem in der Uhrenindustrie und dem Anlagenbau tätig. Vor allem aber lernte er in Asien, worauf es beim Lean Management wirklich ankommt. So lautete auch der Titel seines Vortrags vor rund 25 Mitgliedern der BME-Region Rhein-Main in der Kameha Suite in der Frankfurter Innenstadt. Darin vermittelte er nicht nur grundsätzliche Unterschiede in den Mentalitäten zwischen Chinesen und Europäern, sondern gab vor allem auch zahlreiche praxisnahe Tipps für eine effizientere Arbeits- und Prozessorganisation.

Früher oder später führt für Unternehmen kein Weg an China vorbei. Über die letzten 32 Jahre lag das durchschnittliche Wachstum des Bruttosozialprodukts bei rund zehn Prozent, das Land verfügt außerdem über die weltweit größten Währungsreserven. Die Gesellschaft und auch die Wirtschaft befinden sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel, führte Dingerkus aus. Zählte im Jahr 2000 gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht, werden es bis 2020 schätzungsweise 51 Prozent sein. „Die große Gefahr für die westlichen Industriegesellschaften ist jedoch der Wechsel von einer effizienzgetriebenen zu einer innovationsgetriebenen Wirtschaft“, so Dingerkus, der seit vier Jahren auch als Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften lehrt. China sei nicht mehr die „Werkbank der Welt“, und das werde vor allem ein Problem für die westlichen Premium-Hersteller.

Lean Management in Perfektion

Den rasanten Aufstieg hat China unter anderem dem Lean Management zu verdanken, das in Ostasien, genauer: bei Toyota in Japan entwickelt wurde. Dort machte man nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Not eine Tugend: Da ein großer Mangel an Ressourcen herrschte, war die Vermeidung von Verschwendung oberstes Gebot. Organisation, Sauberkeit, Reinigung, Standardisierung und Disziplin stehen dabei im Mittelpunkt von Lean Management. Nahezu perfektioniert haben das System die Schweizer, wie Stefan Dingerkus mit einem Film aus dem Smart-Werk im französischen Hambach vorführte: Ein Auto läuft dort in rund drei Stunden vom Band.

Damit seien sie Industrie-Benchmark und Weltmeister in der Durchlaufzeit, einem wichtigen Aspekt des Lean Managements. Ein weiterer heißt „make to order“, so Dingerkus: „Es wird dort kein Auto gebaut, das nicht bereits einen Kunden hat.“ So fielen auch die Lagerkosten für einzelne Bauteile weg. Das Prinzip Organisation verbildlichte der Referent mit dem Bild einer guten Hausfrau: „Sie hat das, was sie braucht, am richtigen Ort.“ Seine Kernbotschaft an die Einkäufer lautete: „Attackieren Sie die Durchlaufzeit.“ Das steigere nicht nur die Effizienz, sondern löse auch vermeintliche Widersprüche auf. Die Kosten und Wartezeiten sinken, die Qualität und die Flexibilität steigen. Qualität sei im Übrigen das, was der Kunde haben will – nicht mehr und nicht weniger.

Anschauliche Präsentation

Dingerkus verstand es, die Zuhörer direkt anzusprechen, sie in seine Präsentation einzubinden – und seine jahrelangen Erfahrungen vor Ort anschaulich zu vermitteln. Etwa, dass „die Treppe von oben gefegt“ wird. Will heißen: Veränderungen sind Chefsache, und sie sollten von der Führungsetage auch vorgelebt werden.

So war es auch nicht verwunderlich, dass im Anschluss noch zahlreiche Fragen gestellt wurden. Auch darauf war er vorbereitet und zeigte weitere konkrete Beispiele aus der Praxis auf: Der aufgeräumte Schreibtisch, die sauber einsortierten Werkzeuge, die Handbücher direkt an den Maschinen, damit sie schnell auffindbar sind, wenn sie gebraucht werden: Das alles sind kleine Maßnahmen mit großer Wirkung. Gleichzeitig machte er den Einkäufern Mut, offen auf die chinesischen Geschäftspartner zuzugehen: „Die meisten deutschen Firmen trauen sich dort nicht, zu vertrauen. Aber wenn man seinem Gegenüber nicht vertraut, kommt man auf keinen grünen Zweig.“ Der BME-Bundesverband ist bereits seit 2008 mit einer eigenen Gesellschaft in China vertreten und steht Einkäufern als kompetenter Ansprechpartner und Vermittler zur Seite.

Der vom Regions-Vorstandsvorsitzenden Lothar Kunkel organisierte Abend lieferte viel Gesprächsstoff. Bei dem anschließenden Büfett wurden nicht nur praxisrelevante Themen diskutiert, sondern auch, wie es in der BME-Region Rhein-Main seit jeher gute Tradition ist, neue Kontakte zu anderen Einkäufern geknüpft und bestehende intensiviert. Demnächst steht dann vielleicht auch ein Besuch im französischen Smart-Werk auf dem Programm: Eine spontane Umfrage offenbarte das große Interesse der Anwesenden an einer solchen Fortbildungsreise.

Autor: David Schahinian, Fachjournalist

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