900 Brexit-Stellen beim deutschen Zoll

Kommt es Ende März zum befürchteten Chaos an den Grenzen? Reißen Lieferketten, weil Waren hängenbleiben? Der deutsche Zoll sieht sich gut gerüstet für den Brexit. Zolldienstleister freuen sich über Zusatzgeschäft.

Finden das Vereinigte Königreich und die Europäische Union noch eine Lösung im Brexit-Poker? Foto: Pixabay

Das Hick-Hack um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU veranlasst immer mehr Unternehmen dazu, ihre Notfallpläne zu aktivieren. Eine Studie des IW Köln vom Januar dieses Jahres, allerdings nur für das Bundesland Nordrhein-Westfalen durchgeführt, ergab, dass 88 Prozent der befragten Unternehmen (hauptsächlich aus der Industrie) Maßnahmen zur Vorbereitung auf einen generellen Brexit getroffen haben. Zwischen weichem und hartem Brexit wurde hier nicht unterschieden. Im November der vergangenen Jahres waren einer Studie desselben Instituts zufolge mehr als 70 Prozent der deutschen Unternehmen nicht auf einen harten Brexit vorbereitet.

Für jene Unternehmen, die sich noch gar nicht vorbereitet haben, könnte es langsam knapp werden, sagt IW-Ökonom und Studienautor Thomas Schleiermacher: „Viele Firmen unterschätzen die Brexit-Effekte. Das ist aktuell eines der größten Probleme.“ So gebe es viele Unternehmen, die indirekt vom Brexit betroffen sind, beispielsweise weil ihre Zulieferer selbst aus Großbritannien einzelne Teile beziehen.

Immer mehr Unternehmen ziehen Reißleine

Die Zahl der Unternehmen, die auch in der Öffentlichkeit ihren Rückzug oder Teilrückzug aus dem Vereinigten Königreich ankündigt oder umsetzt, wird täglich größer. Airbus rechnet mit massiven Beeinträchtigungen seiner Lieferketten, will im Falle eines „No Deal“-Szenarios Produktion aus England abziehen, wie kürzlich bekannt wurde. Land Rover geht in die Slowakei, Rolls Royce nach Deutschland, Sony in die Niederlande. BMW hatte schon vor längerer Zeit angekündigt, seine Bänder im Mini-Werk in Oxford statt wie ohnehin geplant im Sommer nun bereits Ende März unmittelbar nach dem Brexit für vier Wochen anzuhalten.

Und auch Fluglinien und Banken gründen EU-Tochterfirmen, um weiterhin in der EU operieren zu können. Denn mit den Brexit erlöschen auch die entsprechenden EU-Lizenzen. Einer EY-Studie zufolge sollen es 890 Milliarden Euro sein, die aus Großbritannien auf Finanzmarktplätze in der EU verschoben werden. Je näher der Brexit rückt, desto mehr Mittel werden umgeschichtet. An EU-Zertifizierungen hängen auch Unternehmen der Pharma- oder Chemieindustrie.

Mehrarbeit für deutschen Zoll in jedem Fall

Andere Unternehmen haben bereits vor Monaten begonnen, Läger aufzufüllen und Vorräte zu bunkern, manche gar unter Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Berechnung der notwendigen Mengen und Lagerkapazitäten. Sie fürchten um ihre Lieferketten aufgrund des zu erwartenden Chaos an der Grenze, wenn plötzlich wieder Kontrollen durchgeführt und Zölle erhoben werden. Der Anlagenbauer Voith etwa geht von Wartezeiten von bis zu sechs Wochen aus, sollte es zum ungeregelten Austritt kommen.

Zollkontrollen im Waren- und Personenverkehr werden aber jedenfalls kommen, entweder ungeregelt ab dem 30. März oder später (sollte die Austrittsfrist verlängert werden) oder nach der vereinbarten Übergangszeit (aktuell 31.12.2020). Beim deutschen Zoll sieht man sich dafür jedoch gut gerüstet, egal in welchem Szenario der Brexit auch kommen mag. Sicherheitshalber wurden schon mal 900 Stellen mit dem Haushaltsgesetz 2019 für den Brexit bereitgestellt, wie aus dem jüngsten Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums (Januar 2019) hervorgeht. Eigene Nachwuchskräfte möchte der Zoll genauso dafür gewinnen wie externe Fachkräfte.

Einem möglichen harten Brexit will der Zoll „zusätzlich über eine temporäre Priorisierung innerhalb seiner Aufgabenbereiche begegnen, und zwar über einen flexiblen Personaleinsatz und durch die IT-gestützte Optimierung des Abfertigungsprozesses“, heißt es seitens des BMF. Über gutes Geschäft freuen sich indes die vielen Zolldienstleister im Land: Zusätzliche Büros werden eröffnet, Zollagenten eingestellt und neue Lagerhallen gebaut, um dem zu befürchtenden Chaos bestmöglich vorzubeugen.

Tobias Anslinger, BME

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