03.02.2016 //

„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“

300 Gäste kamen zum exklusiven Procurement-Tag der Paperworld. Der Fokus des Businessprogramms, das in Kooperation mit dem BME veranstaltet wird, lag auf dem Einkauf von morgen.

Neuland-CEO Karl-Heinz Land aus Köln sprach in seiner Key Note bei der Paperworld Procurement über Digitalisierung und Dematerialisierung. Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH/Dieter Roosen Neuland-CEO Karl-Heinz Land aus Köln sprach in seiner Key Note bei der Paperworld Procurement über Digitalisierung und Dematerialisierung. Foto: Messe Frankfurt Exhibition GmbH/Dieter Roosen

Die digitale Revolution schlägt auf der Erde ein wie ein Meteor. Und ähnlich wie jener vor rund 65 Millionen Jahren, fegt er die schwerfälligen Dinos hinweg – jene Firmen, die den Wandel nicht kommen sahen. Was bleibt, sind innovative Unternehmen, die sich zwitschernd und blühend ausbreiten. So veranschaulicht es ein kurzer Animationsfilm, den Karl-Heinz Land, „Digitaler Darwinist“ und CEO der Kölner Neuland GmbH, während seiner Keynote auf dem Procurement-Tag der internationalen Fachmesse für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren - Paperworld in Frankfurt. Moderator des Vortragsprogrammes war Dr. Frithjof Kilp, BME-Leiter Mitgliederbetreuung/Regionen. 

Das mag erst mal übertrieben wirken, ist aber laut Land letztlich genau das, was beim „Digitalen Darwinismus“ passiert: „Wenn Technologie und Gesellschaft sich schneller verändern als Unternehmen in der Lage sind, sich daran anzupassen, kommt es wie in der Evolution zum Aussterben“, erklärte Land. Um dies zu untermauern, stellte er drei Thesen vor: Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert werden. Was sich vernetzen kann, wird sich vernetzen. Und was sich automatisieren lässt, wird automatisiert werden. „Das trifft auf jeden Prozess der Welt zu“, unterstrich Land. Die virtuelle Online-Welt und die physische Offline-Welt seien längst untrennbar miteinander verschmolzen. Auch dies müssten Unternehmen realisieren. Und auf veränderte Bedürfnisse der Kunden eingehen: Alles, überall und sofort verfügbar zu haben, maßgeschneidert, günstig, aber von bester Qualität seien die Ansprüche, denen es zu genügen gelte.

Studien hätten gezeigt, dass Unternehmen je nach Branche digital reifer seien als andere. „Die reiferen sind aber im Schnitt zwölf Prozent mehr wert, es geht hier also um Profit“, betonte Land. Deshalb müsse die Entwicklung einer digitalen Strategie Chefsache sein. Inzwischen existieren bereits zahlreiche Netzwerke wie Pay-Pal, Skype oder Airbnb, die ohne eigene Infrastruktur auskommen – und den klassischen Anbietern den Rang ablaufen. „Share Economy“ – teilen statt besitzen – ist hier der Trend. Diese „Dematerialisierung“ nahezu der gesamten Wertschöpfungskette hat aber auch negative Folgen: „Das wird Arbeitsplätze kosten“, nannte Land ein Beispiel und mahnte in Anlehnung an den ehemaligen Wirtschaftsweisen Bert Rürup: „Industrie 4.0 braucht den Sozialstaat 4.0.“

E-Lösungen verbessern Prozesse

Doch was bedeutet diese neue Welt für den Einkauf? Damit beschäftigte sich der Vortrag von Alexej Michaeli, bei T-Systems für E-Procurement-Lösungen und -Services zuständig. Er hatte zur Veranschaulichung einige Beispiele aus der Praxis im Gepäck, wo elektronische Lösungen maßgeblich dazu beigetragen haben, Prozesse deutlich zu verbessern und letztlich die Effizienz zu steigern.

So geschehen etwa bei Fahrdienstleistungen, die Krankenkassen benötigten: „Meistens bestellt die Geschäftsstelle ein Taxiunternehmen in der Nähe“, erzählte Michaeli – klassisches Maverick Buying also. Die Digitalisierung des Verfahrens half schließlich dabei, die Prozesskosten deutlich zu reduzieren. Und weil Fahrdienstleister häufig selbst unterwegs sind, ermöglichte eine Mobilisierung per App noch größeren Wettbewerb. Oder Augmented Reality im Zug: Mit der Tablet-Kamera wird das Abteil erfasst. Eine Software erkennt eventuell vorhandene Schäden und bestellt unter anderem automatisch die benötigten Teile. „Das vermeidet Medienbrüche“, erklärte Michaeli.

All dies setze jedoch eine tiefe Integration der Lieferanten in die Prozesse voraus. Und ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Lieferanten und Einkäufern. Letzteren riet Michaeli: „Denken Sie quer, überprüfen Sie Ihre Prozesse.“ Denn es gehe nicht primär um Digitalisierung, sondern immer erst um Optimierung.

Die Vorteile von Augmented Reality spielten auch im Vortrag „Digitale Transformation im Einkauf“ von Martin Kotula (SAP AG) eine Rolle. Er zeigte ein Video, in dem ein Lagermitarbeiter sämtliche benötigten Informationen von einer Datenbrille ablesen kann – vom Auftrag über Lagerort der Ware, Anleitung zur Wartung seines Hubwagens bis hin zur Auslieferung. Teilweise noch Zukunftsmusik, aber einiges sei technisch bereits möglich.

Laut einer aktuellen Studie von Oxford Economics, aus der Kotula zitierte, gehen Fachkräfte davon aus, dass mobile Technologien, Big Data und Cloud Computing in den kommenden drei Jahren die wichtigsten Veränderungen im Einkauf hervorrufen werden. Für Führungskräfte sind dies in erster Linie Business-Netzwerke, gefolgt von mobilen Technologien und Cloud Computing. „Der Wissensaustausch und soziale Medien wie die Möglichkeit zum Chat mit Lieferanten werden zunehmend wichtiger für die Weiterentwicklung der Einkaufsorganisation“, betonte Kotula.

Einkaufsoptimierung dank E-Vergabe

Ein weiterer Schwerpunkt der Paperworld Procurement war der Einkauf im öffentlichen Sektor. Alexander Wiedenbruch, Leiter Softwareentwicklung/Technik bei HCM in Stuttgart, zeigte anhand eines Praxisbeispiels, wie Einkaufsoptimierung durch E-Vergabe aussehen kann. Konkret ging es um ein Lieferantenmanagement für die Stadtwerke Greifswald, deren Einkaufsprozess beispielsweise durch Medienbrüche, Doppeleingaben und fehlendes Einkaufscontrolling nicht optimal war. Die HCM-Lösung ermöglichte schließlich einen ganzheitlichen Prozess von der Ausschreibungsanlage bis zur Beauftragung, in dem die Lieferanten beispielsweise ihre Angebote direkt ins System eingeben, der aber auch eine Submissionsfunktion enthält und eine umfangreiche Dokumentation. „Im Ganzen haben wir hier eine deutliche Reduktion der Prozesskosten erreicht“, resümierte Wiedenbruch.

Wie speziell die Prozesse in der C-Teile-Beschaffung effizienter gestaltet werden können, verdeutlichte Werner Goliberzuch, bei Chemetall für den technischen Einkauf zuständig. Dort ist es gelungen, durch einen B2B-Beschaffungsvorgang mit beispielsweise einer besseren Automatisierung, schlankeren Abläufen und weniger Lieferanten bei indirekten Teilen Kosten zu reduzieren und bei den Einkäufern zusätzliche Kapazitäten für ihre strategische Arbeit zu schaffen.

Dass die Standardisierung und Automatisierung von Prozessen wichtige Erfolgsfaktoren sind, wurde auch im Vortrag von Volkmar Klein, Leiter der Benchmark-Services beim BME, deutlich. Er präsentierte die jährlich vom BME ermittelten Kennzahlen der Büroversorgung. Während die Preisentwicklung bei Büroartikeln seit 2015 konstant verläuft, konnten die Prozesskosten für die Bestellabwicklung seit 2010 um zehn Prozent gesenkt werden. „Und die Best-in-Class-Unternehmen erzielen im Schnitt pro Bestellvorgang sogar um bis zu 50 Prozent bessere Werte als der Durchschnitt“, erläuterte Klein.

Über die Notwendigkeit eines strategischen Beschaffungsmanagements auch in der öffentlichen Beschaffung, um innovative und nachhaltige Produkte einkaufen zu können, sprach Prof. Michael Eßig von der Universität der Bundeswehr München. Und Christian Schulz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe der Hochschule Hannover, präsentierte die nachhaltigen Potenziale von Biokunststoffen, aus denen bereits einige Locher, Kugelschreiber oder auch Computer-Mäuse hergestellt werden.

Zum Abschluss des Tages konnten die Gäste noch am Workshop „Kreativität im Einkauf“ von Sven Pogutke teilnehmen. Denn was Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung dringend brauchen, sind kreative Mitarbeiter – echte Querdenker mit guten Ideen.

Zahlen & Fakten

"Der Procurement-Tag auf der Paperworld wird seit einigen Jahren vom BME mit der Fachzeitschrift C.ebra und dem Office Gold Club veranstaltet", so Dr. Frithjof Kilp, BME-Leiter Mitgliederbetreuung/Regionen. Der Office Gold Club sei auch in diesem Jahr wieder mit Ständen der beteiligten Markenhersteller im Foyer des exklusiven Procurement-Areals vertreten gewesen.

Die Paperworld-Veranstalter zeigten sich zufrieden mit der diesjährigen Auflage der Konsumgütermessen Paperworld, Christmasworld und Creativeworld. 83.000 Händler aus aller Welt besuchten an fünf Tagen auf dem Frankfurter Messegelände die 2873 vertretenen  Aussteller aus 67 Ländern. „Uns ist es gelungen, neben mehr Ausstellern auch noch mehr neue internationale Einkäufer nach Frankfurt zu holen, um so die Absatzchancen für unsere Aussteller weiter zu erhöhen“, resümierte Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. Der Anteil internationaler Fachbesucher stieg laut Mitteilung im Vergleich zum Vorjahr um einen Prozentpunkt auf 62 Prozent. „Beflügelt von positiven Wirtschaftsindikatoren hat sich die sehr gute Besucherfrequenz in ein starkes Orderverhalten gewandelt.“

Autorin: Barbara Gensheimer, BME

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: