„Auch neue Arbeitsformen brauchen ein Zwischenglied“

Die Wirtschaftspsychologin und Design-Thinking-Expertin Ingrid Gerstbach spricht im BIP-Interview über Turnschuhe, Handtuchmentalität und Kommunikationszonen als Heimat in der New Work.

New Work Noch kein hippes Büro? Diese New Work-Fläche in Köln lässt sich anmieten. Foto: Design Offices, Dominium, Köln.

Was kann New Work, was Lean und Effizienz nicht können?

New Work ist keine Optimierung von Abläufen, sondern eine Philosophie, die Arbeit stärker an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet und weniger an Rollen und Hierarchien. Deshalb geht es zunächst um den Mindset und weniger um die konkreten Methoden. Diese müssen dann zu den jeweiligen Fragestellungen passen.

Kommen denn alle mit dem neuen Mindset klar?

Was nicht passieren sollte, in der Vergangenheit aber oft der Fall war: Der Vorstand besucht das Silicon Valley und verkündet in Turnschuhen eine neue Kultur. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Mitarbeiter völlig anders sozialisiert sind. Wer neue Formen der Zusammenarbeit fördern will, sollte zunächst für sich klären, warum er das tut und dies im Detail erläutern. Ein einfaches „Wir wollen innovativer werden“ ist zu wenig. Das Warum ist entscheidend für die Akzeptanz. Und ganz viel Kommunikation.

Wie sollte man anfangen?

Man kann ganz pragmatisch starten, etwa mit einem Standup Meeting jeden Montag, überhaupt Meetings im Stehen abhalten, an den Wänden Projektstand und Erfolge visualisieren, neue Kommunikationsecken und Treffpunkte schaffen. Das geht auch erst einmal ohne großen Change-Prozess oder größere Investition.

Ingrid Gerstbach

Ingrid Gerstbach

New Work heißt mehr Verantwortung für alle. Werden Führungskräfte obsolet?

Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil. Ihre Rolle verändert sich. Zum einen gibt es auch in agilen Strukturen Mitarbeiter, die mehr Führung als andere brauchen. Denn wo viele Menschen arbeiten, menschelt es nun mal. Und es braucht nach wie vor eine Funktion, die für alle Mitarbeiter die Kommunikationszugänge, Transparenz und Rahmenbedingungen sicherstellt. Das ist in der agilen Zusammenarbeit noch wichtiger als in klassischen Strukturen. Auch neue Arbeitsformen brauchen dieses Zwischenglied.

Die neue Arbeitswelt braucht keine Silos. Stimmt das oder bilden sich nur einfach neue?

Ein Abteilungssilo ist nichts anderes als ein Ordnungsgefüge, in dem sich Menschen sicher und zugehörig fühlen. Dieses Bedürfnis bleibt. Löse ich Strukturen auf, muss ich die Lücke füllen. Deshalb sind Räume für Begegnungen wichtig. Breite Flure, die zentrale Kaffeeküche, Kommunikationszonen, in denen man sich begegnen und austauschen kann.

New Work bedeutet Flexibilität – auch bezogen auf den Arbeitsplatz. Was passiert, wenn der eigene Schreibtisch plötzlich weg ist?

Das sollte man behutsam angehen. Passen flexible Arbeitsplätze nicht zur Kultur, macht sich eine Art Handtuchmentalität breit. Das heißt, die Mitarbeiter belegen in der Früh immer den gleichen Platz neben den möglichst gleichen Kollegen. Außerdem stresst es manche Menschen grundsätzlich mehr als andere, wenn sie sich jeden Tag einen neuen Platz suchen müssen. Umso wichtiger ist es, dass ich durch neue virtuelle oder reale Kommunikationsorte andere Heimaten biete.

Nun wird nicht jedes Büro gleich zum Innovation Center. Was gilt es hier zu beachten?

Unsere Erfahrung lautet: Innovationsräume werden am besten angenommen, wenn die Mitarbeiter in ihre Entstehung einbezogen werden. Ideal ist eine Art Prototyping. Das heißt: Die Teams überlegen, was ihnen wichtig ist, bekommen ein kleines Budget und gestalten ihre Collaboration Area zum Beispiel mit IKEA-Möbeln. Viele allein von Architekten durchgestylte Räume stehen im Alltag leer, weil sie nicht den Bedürfnissen der Mitarbeiter entsprechen.

Neue Arbeitswelten kann man nicht einfach verordnen. Viel bewirkt die Möglichkeit zwischen Stehen und Sitzen zu wechseln, Tageslicht, offene, weite Räume, ein gutes Raumklima, Pflanzen. Auch Kleinigkeiten wie Wasser, guter Kaffee oder Obst sorgen dafür, dass Menschen sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen und sich dort gerne aufhalten. Die Trennung von Leben und Arbeit ist gerade für junge Menschen keine Option mehr.

Das Interview führte Annette Mühlberger, Fachjournalistin

New Work und Agilität ist Thema in Ausgabe 1/20 des BME-Fachmagazins BIP – Best In Procurement, das am 24.1. erscheint.

 

 

Mehr vom BME auf...

Der BME - Mehr von und auf Twitter   Der BME - Mehr von und auf Xing   Der BME - Mehr von und auf LinkedIn   Der BME - Mehr von und auf Facebook   Der BME - Mehr von und auf Youtube

Weitere Meldungen zu: