24.07.2019 //

„Benötigte Kapazitäten frühzeitig sichern“

Polipol-Einkaufsexperte Christian Block: „Wir sind nur dann geschäftlich erfolgreich, wenn unsere in- und ausländischen Lieferanten mitziehen und ihre Innovationskraft vollständig einbringen.“

Wichtiger Dreh- und Angelpunkt: Vom Firmensitz in Diepenau (Foto) steuert der Zentraleinkauf die strategischen Beschaffungsaktivitäten aller Polipol-Werke. Bildquelle: Polipol Wichtiger Dreh- und Angelpunkt: Vom Firmensitz in Diepenau (Foto) steuert der Zentraleinkauf die strategischen Beschaffungsaktivitäten aller Polipol-Werke. Bildquelle: Polipol

Christian Block, Leiter Zentraleinkauf der Polipol Holding GmbH & Co. KG, erklärt im Interview* mit dem BME unter anderem, wie er den Rohstoff- und Materialeinkauf des Unternehmens organisiert. Für den 1990 gegründeten Hersteller von Polstermöbeln arbeiten heute mehr als 6.000 Beschäftigte im In- und Ausland. Die Unternehmensgruppe ist laut eigenen Angaben Marktführer in Europa und erwirtschaftet mit mehreren Tochtergesellschaften einen Jahresumsatz von rund 450 Millionen Euro. Polipol ist aktives BME-Mitglied.

Foto: Polipol

Foto: Polipol

BME: Wie organisieren Sie Ihren Rohstoff- und Materialeinkauf?
Christian Block: Ich arbeite seit 28 Jahren im Einkauf und war seitdem für verschiedene Firmen tätig. 2011 begann ich bei Polipol mit dem Aufbau unserer Einkaufsabteilung. Einschließlich der Produktionsstätten in Deutschland, Polen und Rumänien sowie seit einem Jahr auch in Belarus gehören insgesamt rund 30 Mitarbeiter zu meinem Team. In jedem der Auslandswerke arbeitet ein Einkäufer, der seine benötigten Waren und Dienstleistungen selbst bestellt. Unser Zentraleinkauf am Firmensitz im niedersächsischen Diepenau besteht aus sieben Personen. Wir steuern heute die strategischen Beschaffungsaktivitäten aller Polipol-Werke und sorgen für bestmögliche Rahmenbedingungen. Zu unseren Aufgaben gehören unter anderem die Auswahl und Auditierung neuer sowie die Qualifizierung bestehender Lieferanten. Weitere To Dos sind der Einkauf zusätzlicher Artikel und Warengruppen sowie die Vertragsgestaltung.

Welche Rohstoffe und Produktionsmaterialien kaufen Sie ein?
Unser Einkauf ist in Warengruppen organisiert. Eine normale Polstermöbelgarnitur besteht aus rund 4.000 Einzelteilen. Für die Herstellung der Gestelle benötigen wir Holz, vor allem Buche. Eine weitere wichtige Komponente sind die Metallbeschläge. Sie sind ein Markenzeichen unseres Unternehmens und ermöglichen erst die zahlreichen Funktionen in den Polipol-Garnituren und Sesseln. Zum Befüllen der Garnituren kaufen wir Schaum, Watte, Vlies und Wellenfedern ein. Das Holz bezieht Polipol direkt von den Sägewerken. Es wird später von uns verarbeitet. Wir kaufen aber auch Spanplatten und Sperrholz, die wir direkt bei den Produzenten ordern. Hinzu kommt bereits konfektionierte Ware wie beispielsweise Holzleisten für unsere Gestelle. Den größten Teil der Produktionsmaterialien kaufen wir in Deutschland sowie in Ländern Mittel- und Osteuropas ein. Für unseren Einkauf sind in diesem Zusammenhang vor allem Polen und Rumänien, aber auch Belarus und Ukraine günstige Märkte. Unser jährliches Beschaffungsvolumen liegt im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Gibt es Angebotslücken auf dem Holzmarkt?
Das Wetter wird immer unberechenbarer; es schadet dem Naturprodukt Holz und kann zu einer Verknappung am Markt führen. Nach starken Stürmen ist es nicht ohne weiteres möglich, geschlagenes Holz aus den Wäldern abzutransportieren. Gleichzeitig braucht es viel Zeit, bis neue Wälder nachgewachsen sind. Da wir mit vielen Holzlieferanten im In- und Ausland kooperieren, können wir das Beschaffungsrisiko gut streuen. Zur Vorsorge gehört auch, sich die später benötigten Produktionskapazitäten bereits frühzeitig zu sichern. Deshalb schließen wir Verträge mit einer Mindestlaufzeit von ein bis zwei Jahren ab.

Wie sieht es auf dem Lieferantenmarkt für Schäume aus?
Er ist sehr überschaubar. Denn es gibt nur eine geringe Zahl an Herstellern, die die Rohstoffe für diese Schäume liefern. Wenn eine der wenigen Produktionsanlagen ausfällt, geht der Preis angesichts der befürchteten Verknappung sofort nach oben. Vorräte lassen sich nicht anlegen, weil die Lagerkapazität – bedingt durch das Volumen der Schaumblöcke – nur auf wenige Tage ausgelegt ist. Das gilt auch für die zur Produktion der Schäume benötigten Rohstoffe bei den Lieferanten. Die Preise für diese Rohstoffe sind somit Tagespreise.

Und die Metallbeschläge?
Sie bestehen im Wesentlichen aus Stahl. Es handelt sich dabei um Standardgüten, die am europäischen Markt zurzeit gut verfügbar sind. Beim Kauf der Metallbeschläge sichern wir sowohl Preise als auch Kapazitäten ab. Unsere Verträge haben eine Laufzeit von mehreren Jahren.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Lieferanten beschreiben?
Das zentrale Unternehmensmotto „Menschen und Möbel“ wird von uns gelebt. Es gilt auch für unser Lieferantenbeziehungsmanagement. Wir sind nur dann geschäftlich erfolgreich, wenn unsere in- und ausländischen Lieferanten mitziehen und ihre Innovationskraft vollständig einbringen. Wir können nur mithilfe von Innovationen wachsen. Dazu muss es fair und partnerschaftlich zugehen. Die Zeiten, wo der Lieferant nur bloßes Mittel zum Zweck war, sind lange vorbei.

Wie halten Sie den Kontakt zu den Einkäufern Ihrer Auslandswerke?
Unser Zentraleinkauf ist regelmäßig in den Polipol-Auslandswerken und stimmt sich mit den Kollegen ab. Dabei erhalten wir auch wertvolle Marktinformationen. Aufgabe der Produktionsstandorte ist es unter anderem, regelmäßig nach neuen potenziellen Lieferanten Ausschau zu halten. Diese werden zunächst geprüft und auditiert, später dann vorsortiert und gemeinsam mit Vertretern des Zentraleinkaufs vor Ort bewertet. Wir entscheiden zum Schluss, ob sich die Lieferanten für eine künftige Zusammenarbeit eignen. Es geht dabei auch um die Klärung der wichtigen Frage, wer von ihnen was, wann und zu welchem Preis liefern kann. In Polen, unserem wichtigsten Auslandsmarkt, ist zusätzlich eine Einkäuferin für uns tätig. Sie sondiert dort regelmäßig die Marktlage und die aktuellen Beschaffungskonditionen.

Wie lassen sich die unterschiedlichen Mentalitäten Ihrer ausländischen Mitarbeiter unter einen Hut bringen?
Wir profitieren von der Vielfalt in diesen Ländern. So organisieren sich beispielsweise die Beschäftigten in Polen anders als ihre deutschen oder rumänischen Kollegen. Jeder von ihnen verfügt über landesspezifische Kenntnisse, die uns beispielsweise bei der strategischen Lieferantenauswahl von Nutzen sind. Unser Anspruch ist es, das Wissen zu teilen und den Werken nicht einfach etwas überzustülpen.

Warum kamen gerade Polen, Rumänien und Belarus für Polipol als Produktionsstandorte infrage?
Wir sind seit 1990 in Polen vertreten. Polen hat eine lange Historie in der Möbelherstellung. Dort lassen sich viele Fachkräfte und Spezialisten finden. Die großen Hersteller sind dort vertreten oder nutzen polnische Zulieferbetriebe. Wir haben zunächst den Markt sondiert, die Infrastruktur begutachtet und geprüft, in welchen Regionen sich geeignete Zulieferer befinden und passendes Personal rekrutieren lässt. Im Rahmen unserer Diversifikationsstrategie hielten wir nach weiteren Produktionsstandorten in Osteuropa Ausschau. So sind wir seit 2005 in Rumänien geschäftlich aktiv. Mittlerweile produzieren wir dort in einem hochmodernen Werk. Die Anzahl der umliegenden rumänischen Zulieferer ist aber deutlich geringer als in Polen.

Im Rahmen der Erweiterungsstrategie haben wir auch den Standort Belarus geprüft. Überrascht hat uns dabei die gute Infrastruktur des Landes. Die Regierung in Minsk unterstützt westliche Unternehmen bei ihrer Ansiedlung und hat zahlreiche Förderregionen mit attraktiven wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausgestattet. Dies wird im Westen bisher noch nicht so wahrgenommen. Die Infrastruktur der GUS-Republik ist gut, was vielen im Westen ebenfalls nicht bekannt ist. Wir nutzten die bereits vorhandenen Zulieferer, wollen diese zukünftig weiter qualifizieren und die Geschäftsbeziehungen zu ihnen intensivieren. Die enge Verflechtung der beiden Nachbarstaaten Weißrussland und Russland, sowie deren gemeinsame Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion bietet uns langfristig die Möglichkeit, auf diesem riesigen Markt geschäftlich aktiv zu werden. Gleichzeitig bestünde dadurch die Möglichkeit, den Kreis der Lieferanten auf belarussische bzw. russische Betriebe auszuweiten. Wir hoffen, dass wir in naher Zukunft noch eine Lösung für die Zollproblematik bei der Einfuhr von Rohstoffen finden, um auch in Belarus genauso einfach produzieren zu können wie das heute beispielsweise im EU-Mitgliedsland Polen der Fall ist.

Sie wickeln Ihre Geschäfte in Zloty, Leu und Belarus-Rubel ab. Ist das ein Problem?

Wie beim Rohstoffeinkauf sichern wir uns auch bei den Währungen ab. Durch unsere jahrelange Erfahrung mit dem Hedging des polnischen Zloty und des rumänischen Leu sind für uns die Währungsschwankungen sehr gut beherrschbar.

Machen Ihnen die zunehmenden internationalen Krisen zu schaffen?
Wir haben Glück, mit guten und fairen Lieferanten zusammenarbeiten zu können. Einige von ihnen sind seit Gründung unserer Firma im Jahre 1990 dabei. Das allein ermöglicht es uns, Markt- und Geschäftsrisiken deutlich zu minimieren. Zudem verfügen wir in  Polen und Rumänien über sehr stabile Standorte. Die Wirtschaft der Länder  ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Polen genießt den Ruf als sicherer Investitions- und Beschaffungsmarkt, in dem es sich günstig einkaufen lässt; auch Rumänien bietet sehr gute Rahmenbedingungen

Haben Sie eine Vision oder ein Leitbild für die nächsten Jahre?
Wir sehen uns als integrierten Polstermöbelproduzenten mit hohem technischem Anspruch. Wir sagen nicht, bis 2025 oder 2030 ein definiertes Ziel erreicht zu haben. Unsere Unternehmensgruppe soll vor allem organisch wachsen. Dafür wurden und werden kontinuierlich viele  Prozesse eingeführt bzw. weiterentwickelt, die wir nun in der gesamten Unternehmensgruppe ausrollen und umsetzten werden. Unser Ziel ist nicht, größter Polstermöbelhersteller der Welt zu werden. Wir wollen uns vielmehr stetig verbessern.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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