23.05.2019 //

BME-Region Lahn-Dill: Gerüstet für das E-Auto

Dass Produktion in Deutschland mithilfe eines innovativen Vorsprungs glänzende Zukunftsperspektiven haben kann, zeigte sich auf den Betriebsführungen bei Buderus Guss. Rund 20 Einkaufsmanager erlebten auf der Regionenveranstaltung Stahlgießen live.

Seit 1986 liegt der strategische Fokus bei Buderus Guss auf Bremsscheiben. Jährlich laufen rund 18 Millionen Bremsscheiben durch die Fertigung in Breidenbach (Foto) und Ludwigshütte. Foto: Hülsbömer/BME e.V.

Fortschritt gegen Feinstaub: Das Gros der Partikelemissionen im Straßenverkehr stammt nicht von der Kraftstoffverbrennung, sondern entsteht durch den Abrieb von Reifen, Bremsen und Straßen. Rund 15 Prozent des gesamten Feinstaubs werden laut Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg dem Bremsstaub zugeschrieben. Doch es gibt Abhilfe. Mit einer Bremsscheibe, die über 90 Prozent weniger Bremsstaub erzeugt, ist Buderus Guss vor zwei Jahren in Serie gegangen. „Durch die Hartmetall-Beschichtung aus Wolframkarbid ist die Beschichtung der iDisc fast so hart wie Diamant“, erklärte Gerhard Pfeifer, CEO von Buderus Guss, auf der Veranstaltung der BME-Region Lahn-Dill. Im Ergebnis verhindert das Staubbildung und Abrieb. Knapp 20 Einkaufsmanager begrüßte Ulrich Weigel, Finanzvorstand der BME-Region, am Dienstag zu den Besichtigungen der Stahlgiesserei in Breidenbach und der Fertigungsstätte der iDisc in Ludwigshütte*.

Durch die hohen Temperaturen in der Giesserei öffnet das Bosch-Tochterunternehmen nur selten seine Tore für Besuchergruppen. Schließlich wird in Breidenbach im Bereich der Tiegelöfen flüssiges Eisen mit Temperaturen von über 1.400 Grad Celsius gegossen. „Wir zählen zur klassischen Schwerindustrie. Das hier ist nicht ‚Kuschelrock’, sondern ‚Heavy Metal’“, erklärte Buderus-Chef Pfeifer dann auch gleich zu Beginn der Führung. Vom Schrott bis zur hochinnovativen Bremsscheibe: Bei Buderus Guss werden alle Prozessschritte der Bremsscheibenfertigung abgedeckt. Dafür verarbeiten acht Elektroöfen und ein Kupolofen rund 260.000 Tonnen Flüssigeisen im Jahr. Schrott ist entsprechend auch die größte Warengruppe im Einkauf, gefolgt von Legierungen und Energie.

Kein Verschleiß, kein Bremsstaub

„Bevor die Bremsscheibe gegossen wird, entsteht aus Sand eine Kernform“, erklärte Werkleiter Reinold Stollar den ersten Fertigungsschritt. Im Hochregal-Kernlager ist Platz für bis zu 20.000 solcher Kerne. Fertigung und Transport erfolgen vollautomatisch, ebenso die robotergesteuerte Verpackung. „Ohne eine umfassende Automatisierung könnten wir in Deutschland kaum wettbewerbsfähig produzieren“, sagte Pfeifer.

In drei Schichten wird das flüssige Eisen in die Sandform gegossen. Im weiteren Verlauf werden die Scheiben durch Drehen spanend bearbeitet. Auswuchten verhindert einen ungleichmäßigen Abrieb, Querbohrungen sorgen für eine optimale Belüftung. Durch Lack oder Zinkstaub erhält die Scheibe einen Korrosionsschutz. Kunden des mittelhessischen Betriebs sind eine Vielzahl von Automobilherstellern. Sie bestimmen die letzendliche Form und Ausrichtung der Bremsscheibe.

Mit Porsche ist Buderus Guss eine besondere Kooperation eingegangen. Das Zuffenhausener Unternehmen hat sich an der Entwicklung der iDisc beteiligt. Keine Korrosion, kein Verschleiß, nahezu kein Bremsstaub waren Argumente, die das Interesse des OEM weckten. „Bis zur Serienreife haben wir in Ludwigshütte diese hartmetallbeschichtete Bremsscheibe zehn Jahre lang entwickelt“, zeigte Pfeifer auf. Alle Premiumfahrzeuge im oberen Leistungssegment werden nunmehr damit ausgestattet. „Sie ist auch die einzige Bremsscheibe, die für Elektroautos geeignet ist“, ergänzte Pfeifer.

Ein E-Auto benötigt eine hydraulische Bremse, die mit zunehmender Belastung nicht nachgibt. Ein Beispiel: „Sie fahren mit einem mit fünf Personen vollbeladenen SUV, der alleine 2,5 Tonnen Eigengewicht auf die Waage bringt und einem vollen Pferdeanhänger 17 Kilometer das Stilfser Joch hinunter. Diese Masse kann nur hydraulisch sicher abgebremst werden“, erklärt Pfeifer. Denn durch die Bremsenergie-Rückgewinnung bei E-Autos werden die Bremsen weniger stark beansprucht. In Folge legen die Grauguss-Bremsschreiben Flugrost an, der die Bremsleistung vermindert. Daher sind sie für E-Autos nicht die beste Lösung.

iDisc mit digitalem Zwilling

Im nur wenige Kilometer entfernten Ludwigshütte besichtigten die Einkaufsmanager im Anschluss die Fertigung der iDisc. In der hochmodernen und automatisierten Produktion entsteht für jede Bremsscheibe ein digitaler Zwilling mit sämtlichen Prozessdaten. Rüdiger Mosis, Abteilungsleiter mechanische Bearbeitung, wies darauf hin, dass auch Flugrost kein Thema ist bei der iDisc, wobei das vorangestellte „i“ für Innovation steht.

Da eine Bremsscheibe aber letztendlich in erster Linie der Sicherheit dient, hat sich Buderus Guss vor einigen Jahren zum Erwerb mehrerer Prüfstände entschlossen, eine Investition in Millionenhöhe. In der sogenannten „Bremsscheiben-Folterkammer“ erfolgen intensive Testläufe, unter anderem auch ein Salzsprühtest. „Unter extremen Hitzebedingungen werden die Bremsscheiben unter Höchstgeschwindigkeiten hier bis rotglühend gefahren“, erklärte Pfeifer. Der Fokus auf die hohe Qualität der mittelhessischen Bremsscheiben hat sich bewährt: „Rückrufe wegen Qualitätsmängeln an unseren Bremsscheiben kennen wir nicht.“

*Von der BME-Regionenveranstaltung berichtete Doris Hülsbömer, BME

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