Brexit: Einkommensverluste von bis zu 10 Milliarden Euro

Für Deutschland wäre ein harter Brexit besonders schmerzhaft: Es drohen Einkommensverluste durch steigende Preise und Produktivitätsverlagerung. Andere Länder würden von einem „No Deal“-Szenario sogar profitieren. Eine entscheidende Frage bleibt allerdings offen.

Brexit Der Poker um den Brexit geht weiter. Foto: Pixabay

Großbritannien müsste bei einem harten Brexit die größten negativen ökonomischen Auswirkungen in Kauf nehmen. Auf das Vereinigte Königreich (UK) würden Einkommensverluste von 57 Milliarden Euro im Jahr zukommen, das wären rund 900 Euro pro Einwohner, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung „Die ökonomischen Folgen des Brexits für EU-Länder und Regionen“. Am zweitstärksten würde sich ein solches Szenario auf Deutschland auswirken: Hier drohen Einbußen von knapp zehn Milliarden Euro oder 115 Euro pro Person pro Jahr. Besonders betroffen: Gebiete in NRW (Köln, Düsseldorf) sowie Bayern (Oberbayern) und Stuttgart.

Absolute und relative Einkommensverluste

Einkommensverlust im Sinne der Studie bedeutet, dass Handelskosten steigen und damit eine negative Entwicklung der Produktivität in den betroffenen Ländern sowie steigende Preise verbunden sind. Dies führt dazu, dass die Menschen am Ende weniger Geld in der Tasche haben. Allerdings weist die Bertelsmann-Stiftung darauf hin, dass zwischen absoluten und relativen Einkommensverlusten unterschieden werden muss: Länder mit niedriger Einwohnerzahl, aber starkem Handel mit UK (wie etwa Irland), können geringere absolute Verluste (3,4 Milliarden Euro), aber dafür höhere relative Einkommensverluste (726 Euro pro Person) aufweisen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang aber auch die Kehrseite der Verluste in Europa: Denn Menschen aus Ländern außerhalb der EU wie China, die USA, Japan oder Indien würden von einem harten Brexit ökonomisch sogar profitieren: Die Einkommen in den USA würden etwa um 13 Milliarden Euro jährlich steigen (41 Euro pro Person) und in China um rund 5 Milliarden Euro (4 Euro pro Person), wie die Forscher der Bertelsmann-Stiftung in ihrer Simulation berechnet haben. Die positiven Einkommensveränderungen in diesen Ländern erklären sie so, dass durch die sich verteuernden Handelsströme (etwa durch Zölle) mit UK andere Länder als Handelspartner attraktiver würden und so ein Teil des Handels sich stärker dorthin verschieben würde.

Zentrale Frage: Bedeutet harter Brexit automatisch Zölle?

Die Simulation der Bertelsmann-Stiftung sowie viele andere Studien zum Brexit der vergangenen Monate beruhen auf der Annahme, dass UK im Falle eines ungeordneten Austritts aus der EU Zölle und andere Handelsbarrieren gegen die EU hochziehen wird. „Aber warum sollten sie das tun? Das werden sie nicht“, schreibt Prof. Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), auf Twitter. Felbermayr geht vielmehr davon aus, dass die Briten unilateral auf alle neuen Barrieren verzichten werden.

Mit einer „Hard but smart“-Strategie könnte UK den Wohlfahrtsverlust ein Stück weit einfangen. Jener des Vereinigten Königreichs und jener auf dem Kontinent wären dann „nicht mehr substanziell unterschiedlich. Ein solcher Brexit würde die Briten nicht fundamental schlechter stellen als die EU selbst“, schreibt der Ökonom in einem Forschungspapier des Münchner Ifo-Instituts. „Wenn UK die ‚Hard but Smart‘-­Strategie nach einem ungeordneten Brexit spielt, dann hätte sich die EU 27 erheblich verzockt“, heißt es in dem Papier. Die Briten würden dann nicht nur nicht schlechter gestellt, auch würden Zölle gegenüber allen Handelspartnern wegfallen. Genau das gleiche gelte für industrielle Importe. Versorgungsengpässe gebe es keine.

Umgekehrt aber wären Einkäufer am Festland plötzlich mit höheren Preisen auf Vor- und Zwischenprodukte aus UK konfrontiert, was die Unternehmen und somit auch die Volkswirtschaften in der EU schlechterstellen würde. „Die EU hätte hohen Druck, mit UK ein Freihandelsabkommen zu schließen, um auf WTO-­rechtskompatible Art und Weise die eben eingeführten Zölle schnell wieder weg zu verhandeln“, schreibt Felbermayr.

Deal mit Abkommen weiterhin bestmögliches Szenario

Seit 22. März steht fest, dass der Austritt des UK nun definitiv nicht am 29. März stattfinden wird. Die EU und die britische Premierministerin May verständigten sich auf eine Verschiebung des Austrittstermins unter der Bedingung, dass May den Austrittsvertrag bis 12. April durch das britische Unterhaus bringt. Gelingt ihr das, soll UK am 22. Mai geordnet aus der EU austreten. Gelingt ihr das nicht, ist der weitere Fahrplan wieder offen, da von 23. bis 26. Mai Europawahlen stattfinden werden und nicht klar ist, ob UK daran teilnehmen will bzw. soll. Nach aktuellem Stand müssten die Briten daran teilnehmen. Ein Brexit ohne Abkommen am 12. April gilt dann als denkbar.

Im Hinblick auf die ökonomischen Auswirkungen wäre es jedenfalls erfreulich, wenn sich die Beteiligten auf den letzten Metern doch noch einig würden. Denn ein Deal mit Abkommen, da sind sich alle Kommentatoren und Experten weitgehend einig, hätte die wenigsten negativen Auswirkungen dies- und jenseits des Ärmelkanals. Ein weicher Brexit könnte die rückläufige Einkommensentwicklung in der EU entsprechend dämpfen. Wären die EU-Länder bei einem „No Deal“-Szenario nach den Bertelsmann-Berechnungen noch mit Einkommensverlusten von insgesamt rund 40 Milliarden Euro konfrontiert, würde ein Austritt mit Abkommen diese Zahl auf rund 22 Milliarden Euro schrumpfen lassen. Auch für das Vereinigte Königreich müsste nur mehr die Hälfte des Lochs im Geldbeutel stopfen.

Tobias Anslinger, BME

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