Brexit: „No Deal“-Angst wächst, Lieferketten in Gefahr

Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU wird immer mehr zur Zitterpartie. Eine Einigung zwischen den beiden Verhandlungspartnern ist weiterhin nicht in Sicht. Aber sind die Unternehmen ausreichend auf einen harten Brexit vorbereitet? Das IW schlägt Alarm.

Das drohende "No Deal"-Szenario im Brexit-Poker lässt Unternehmen ihre Notfallpläne aktivieren. Foto: Pixabay

„Hamsterkäufe“ – so bezeichnet es Ron van het Hof, CEO des Kreditversicherers Euler Hermes in der DACH-Region jüngst in einer Presseaussendung. „Um mögliche Zölle, Verzögerungen oder gar Unterbrechungen der Lieferkette zu vermeiden, horten britische Unternehmen immer mehr Importwaren, die sie für ihre Produktion zwingend benötigen. Sie wollen vorbereitet sein“, so van het Hof.

BMW, Ryanair oder Airbus – sie alle haben bereits öffentlich betont, dass sie sich auf einen harten Brexit vorbereiten. Der britische Medikamentenhersteller Astra Zeneca hatte bereits im Sommer angekündigt, seine Lager in Krankenhäusern und Apotheken um 20 Prozent aufzustocken, um im schlimmsten Falle eine Lieferunterbrechung für ein paar Wochen überbrücken zu können. Ähnliche Pläne äußerten auch Sanofi, Novartis und Roche. Für die Pharmafirmen birgt der Brexit eine besondere Brisanz: Im Vereinigten Königreich zugelassene Medikamente hätten nach einem harten Brexit auf einen Schlag keine Zulassung mehr in der EU. 40 Millionen Pfund hätten Astra Zeneca die Brexit-Vorbereitungen nach eigenen Angaben schon gekostet.

Hamsterkäufe mit Risiken verbunden

Denn vor allem für den Warenverkehr zwischen der EU und UK wird es durch den Brexit eine Reihe von Verschlechterungen geben. Zollkontrollen und Staus wären für die Lieferkette ein Desaster, nicht nur für jene Branchen, die wie die Automobilindustrie auf das „Just in Time“-Prinzip setzen. Mit den Vorratskäufen möchten die Unternehmen zunächst ihre Margen und Produktion absichern. „Sie bergen gleichzeitig aber auch bilanzielle Risiken – für die Unternehmen selbst und indirekt für ihre Lieferanten“, führt der Versicherungsexperte weiter aus.

Hamsterkäufe auf der einen, Lagerbefüllung auf der anderen Seite sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie Großkonzerne gerade ihre Brexit-Notfallpläne aktivieren. Andere Unternehmen fahren aufwändige Szenarioanalysen, um herauszufinden, welche Auswirkungen ein harter Brexit für die Lieferketten haben könnte und wie sich etwaige Lücken schließen lassen. Doch muss es überhaupt so weit kommen?

Fünf Prozent Zölle bei ungeordnetem Brexit

Die Wahrscheinlichkeit eines „No Deal“-Szenarios beziffert Euler Hermes mittlerweile mit 25 Prozent. In einer früheren Studie lag dieser Wert noch bei 5 Prozent. Die Experten rechnen in einem solchen Fall damit, dass die Regeln der Internationalen Handelsorganisation WTO greifen und etwa vier bis fünf Prozent Zölle auf beiden Seiten des Ärmelkanals anfallen würden. Das britische Pfund würde massiv abwerten. Exportverluste in Höhe von etwa 30 Milliarden Euro auf britischer Seite wären die Folge. Auch für deutsche Unternehmen wäre der Schaden eines ungeordneten Brexit enorm: Ausfuhren im Wert von etwa acht Milliarden Euro wären in Gefahr.

Doch selbst eine Einigung in letzter Minute würde für die Wirtschaft eine enorme Herausforderung bedeuten. „Für Unternehmen ist das wie ein ‚Blind Date‘. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Das kann im Detail positive oder auch böse Überraschungen bereithalten“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe und stellvertretender Chefvolkswirt der Allianz. Immerhin würden die Verhandlungspartner dann aber durch die mit einem Deal in Aussicht gestellte Übergangsperiode nochmals Zeit gewinnen, um Details zu regeln und den Schaden möglichst gering zu halten.

IW Köln schlägt Alarm

Doch die oben genannten Unternehmen stellen offenbar die Minderheit dar: Denn einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge bereitet sich die Mehrheit der deutschen Unternehmen zu wenig auf den Brexit vor. Mehr als 70 Prozent der 1.100 vom IW befragten Firmen sind nicht ausreichend auf ein „No Deal“-Szenario vorbereitet. Selbst Firmen, die regelmäßig ins Vereinigte Königreich exportieren, seien zu einem großen Teil unvorbereitet, so die Wirtschaftsforscher. Knapp 30 Prozent geben an, gar keine Vorkehrungen getroffen zu haben, weitere 44 Prozent hätten nur geringe Vorkehrungen getroffen. Insgesamt seien drei von fünf befragten Unternehmen überhaupt nicht vorbereitet, obwohl sie zumindest indirekt über ihre Lieferketten vom Brexit betroffen sein könnten. Auch das IW Köln befürchtet bei einem harten Brexit erhebliche Schäden für die deutsche Wirtschaft.

Termine und Checkliste

Rund um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU überschlugen sich in den vergangenen Wochen die Ereignisse. Von einem neuen, zweiten Referendum bis hin zu Neuwahlen noch im November war plötzlich wieder alles möglich. Der britische Brexit-Minister Dominic Raab hatte zuletzt durchklingen lassen, dass er mit einem positiven Abschluss der Verhandlungen bis 21. November rechne. Dieser Plan gilt aufgrund unklarer Mehrheiten im britischen Parlament allerdings als unsicher. Folgende Termine sind jetzt noch relevant:

  • Nov./Dez. 2018: Möglicher EU-Sondergipfel zur Brexit-Frage. Sofern sich die Parteien davor einigen, gilt er als letzte Chance, einen geordneten Austritt zu ermöglichen.

  • 29. März 2019: „Deal or no deal“: Je nach Verhandlungen tritt ein harter oder weicher Brexit um 23 Uhr britischer Zeit in Kraft.

  • 31. Dezember 2020 (oder später): Sofern eine Übergangsperiode vereinbart wurde, endet eine solche an diesem Tag. Die EU hatte zuletzt eine Verlängerung bis 2021 angeboten.

Der DIHK bietet unter https://www.ihk.de/brexitcheck („Are you ready for Brexit?“) übrigens eine Checkliste für Unternehmen zum Brexit an.

Tobias Anslinger, BME

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