Chinesischer Rohstoffsektor im Umbruch

In der Deutschen Rohstoffagentur wurden am Dienstag (24.09.) in Berlin die vorläufigen Ergebnisse einer China-Studie vorgestellt. Sie gewährt Einblicke in die Rohstoffwirtschaft der Volksrepublik.

Fand aufmerksame Zuhörer: Dr. Yun Schüler-Zhou erläuterte anschaulich die wachsende Bedeutung Chinas für den globalen Rohstoffmarkt. Foto: Frank Rösch/BME e.V. Fand aufmerksame Zuhörer: Dr. Yun Schüler-Zhou erläuterte anschaulich die wachsende Bedeutung Chinas für den globalen Rohstoffmarkt. Foto: Frank Rösch/BME e.V.

„Im Einklang mit der wirtschaftlichen Neuausrichtung Chinas soll die NE-Metallindustrie des Landes einem tiefgreifenden Strukturwandel unterzogen werden und künftig nachhaltig wachsen. Dazu gehören Reformmaßnahmen wie Abbau von Überkapazitäten, Modernisierung durch höhere Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Branchenkonsolidierung und Anhebung  der Umwelt- und Sozialstandards", sagte Dr. Yun Schüler-Zhou, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) am Dienstag in Berlin. Dort stellte sie auf einem Industrieworkshop* ihres Hauses die vorläufigen Ergebnisse einer DERA-Studie vor.

Die knapp 120 Seiten umfassende Publikation bietet einen Überblick über die Rohstoffpolitik der Regierung in Beijing und die aktuellen Rahmenbedingungen der chinesischen Rohstoffwirtschaft. Die in Zusammenarbeit mit der AHK Beijing erstellte DERA-Studie sei wichtig, um die künftige Entwicklung der internationalen Rohstoffmärkte, einschließlich Chinas, besser einschätzen zu können. Die finale Fassung soll Anfang 2020 veröffentlicht werden.

Durch Fusionen und Übernahmen würden große Unternehmensgruppen in der Rohstoffbranche geformt. Diese trügen dazu bei, die Ressourceneffizienz der Branche insgesamt zu erhöhen, negative Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren und die Modernisierung dieses Industriezweiges voranzutreiben. Diese „National Champions“ weiteten ihre Marktdominanz in China aus und spielten bei den Investitionen in ausländische Bergbauprojekte eine Schlüsselrolle.

Die Reformbemühungen veränderten nicht nur die Branchenstruktur der NE-Metallindustrie, sie hätten auch bereits zu kurzfristigen Einschränkungen der Bergwerks- und Raffinadeproduktion geführt und somit zur Preisvolatilität auf dem internationalen Rohstoffmarkt beigetragen. Die zahlreichen Aktionspläne gegen Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sowie die Umweltinspektionen auf lokaler Ebene hätten zur Folge, dass die Bergwerks- und Raffinadeproduktion nur noch kontrolliert wachsen werde und die Produktionskosten stiegen. Während veraltete und ineffiziente Produktionsanlagen stillgelegt würden, bauten die Unternehmen moderne, umweltschonende Produktionskapazitäten aus, um hochwertige Metalle für die strategisch aufstrebenden Industrien zu produzieren.

Um die Rohstoffversorgung für die nachgelagerten Fertigungsindustrien sicherzustellen, verfolge China eine sogenannte Zwei-Säulen-Rohstoffpolitik. Danach soll laut Schüler-Zhou „einerseits die Gewinnung und Nutzung der heimischen Rohstoffe ausgeweitet und effizienter gestaltet werden. Andererseits soll der Zugang zu ausländischen Ressourcen durch Direktinvestitionen verbessert werden.“ Chinas Rohstoffstrategie betrachte die heimische Rohstoffgewinnung als ein wichtiges Fundament für die Versorgungssicherheit. Sie soll durch höhere Investitionen in Exploration, Verbesserung der geologischen Datenlage und Fördertechnik, den Aufbau eines Bevorratungssystems für strategische Rohstoffe sowie differenzierte Steuerungs- und Fördermaßnahmen für verschiedene Rohstoffe und Rohstoffgruppen gestärkt werden.

Die zweite Säule der Rohstoffpolitik werde flankiert von der „Going-Global“-Strategie, die die Regierung in Beijing zu Beginn des 21. Jahrhunderts angekündigt habe. Dabei solle neben dem Import von Erzen und Metallen auch in ausländische Lagerstätten investiert werden. Dies treffe vor allem auf Rohstoffe zu, bei denen China stark von Importen abhängig sei. Durch Beteiligungen an ausländischen Bergbauprojekten könne diese Abhängigkeit deutlich reduziert werden, wie die Beispiele chinesischer Investitionen in ausländischen Kobalt- und Kupferprojekten gezeigt haben.

Für die deutsche Industrie bedeute der Paradigmenwechsel der chinesischen Wirtschaftspolitik Chancen und Risiken zugleich. Die technologische Modernisierung der Bergbau- und Rohstoffverarbeitungsindustrie sowie die Umweltoffensive Chinas öffneten die Tür für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau und für die Hersteller deutscher Umwelttechnologien. Schüler-Zhou: „Zudem erkennen chinesische Unternehmen zunehmend, dass eine nachhaltige Beschaffung von Rohstoffen eine wichtige Voraussetzung für Geschäftsbeziehungen mit europäischen und deutschen Firmen darstellt. Daher ist eine stärkere Zusammenarbeit bei Nachhaltigkeitsthemen zwischen Deutschland und China unabdingbar.“ Auf der anderen Seite beabsichtige China, strategisch wichtige Rohstoffe verstärkt für die eigene industrielle Fertigung einzusetzen und höherwertige Produkte herzustellen. Das könne die Versorgung der deutschen Industrien negativ beeinträchtigen und den Wettbewerb in der Herstellung höherwertiger Materialien und Industriegüter intensivieren.

Am DERA-Industrieworkshop „Einblicke in die chinesische Rohstoffwirtschaft“ in nahmen in Berlin rund 90 Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, darunter auch Einkaufs- und Supply Chain Manager aus der Industrie, teil.

*Vom DERA-Industrieworkshop berichtete Frank Rösch, BME.

DERA: Zahlen und Fakten zur chinesischen Rohstoffwirtschaft:

China ist eines der weltweit bedeutendsten Länder für die Produktion mineralischer Rohstoffe. Sowohl bei der Bergwerksförderung, als auch bei der Raffinadeproduktion führt die Volksrepublik die Weltrangliste bei vielen Rohstoffen an. So gehen 41 Prozent der wertmäßigen globalen Raffinadeproduktion auf China zurück. Bei Rohstoffen wie Seltenen Erden, Antimon, Wolfram ist die Länderkonzentration der Produktion aufgrund des großen Anteils Chinas besonders hoch. Gleichzeitig dominiert China die Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen und hat somit einen wichtigen Einfluss auf die Preisentwicklung auf den globalen Märkten. Bei Basismetallen wie Aluminium, Kupfer oder Nickel ist China mit Abstand der größte Nettoimporteur. Für die Versorgung der deutschen Industrie mit mineralischen Rohstoffen nimmt China bereits heute eine wichtige Rolle ein. 2017 belegte China hinter Brasilien, USA und Südafrika Platz 4 der deutschen Einfuhren von mineralischen Rohstoffen aus nicht europäischen Ländern.
beziehungsweise gemessen an der Kaufkraftparität seit 2016 die größte Volkswirtschaft der Welt.

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