14.05.2019 //

„Das deutsche BIP wird 2019 nicht ins Minus rutschen“

IKB-Konjunkturexperte Bauknecht: „2019 wird das Bruttoinlandsprodukt zwar nicht mehr so üppig wie zuvor steigen. Wir halten aber eine Wachstumsspanne von 0,5 bis 0,8 Prozentpunkten für realistisch.“

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Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf, gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: IKB

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BME: Wie beschreiben Sie den aktuellen Zustand der deutschen Wirtschaft?
Bauknecht:
Das ist schwierig, denn die Meinungen dazu gehen weit auseinander und reichen von Soft Patch über eine mögliche Rezession bis hin zum Heraufziehen einer handfesten Wirtschaftskrise.  Fakt ist, dass die Stimmungsindikatoren weiter deutlich nach unten gehen und sich noch kein Boden gebildet hat. Das zeigt sich auch am Ifo-Geschäftsklima, das  auf dem tiefsten Stand seit rund  vier Jahren notiert. Der kurzfristige Ausblick, vor allem für die Industrieproduktion, bleibt dementsprechend negativ. Damit kann die Möglichkeit einer Rezession in der ersten Jahreshälfte 2019 nicht völlig ausgeschlossen werden. Ein weiteres Indiz für das Abflauen der deutschen Hochkonjunktur, die vor allem in 2017 und 2018 für einen deutlichen Schub in der Industrieproduktion gesorgt hat, sind weiter sinkende Auftragseingänge und Produktionsrückgänge in der Industrie, die entgegen ursprünglichen Erwartungen auch nach der WLTP-Umstellung anhalten. Hier lohnt ein Blick auf die globale Nachfrage nach Kraftfahrzeugen: Mit den USA und China haben die für die deutschen Kfz-Hersteller wichtigsten Absatzmärkte den Rückwärtsgang eingelegt. Die IKB erwartet deshalb in diesem Jahr einen Rückgang der weltweiten Pkw-Neuzulassungen von rund zwei Prozent. Insgesamt schwächelt die weltweite Industrieproduktion und belastet den Ausblick bedeutender deutscher Branchen. Das betrifft nicht nur die Automobilindustrie, sondern etwa auch Maschinenbau und Chemieindustrie.

Folgt jetzt auf die Boomphase eine Verschnaufpause?
So lässt sich die jüngste Entwicklung durchaus treffend beschreiben. 2017 und teilweise noch 2018 erlebte das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland einen regelrechten Hype. Alle wichtigen Industriezweige meldeten deutliche Produktionssteigerungen. 2018 begann sich das Blatt dann aber zu wenden. 2019 wird das Bruttoinlandsprodukt zwar nicht mehr so üppig wie zuvor steigen, sollte aber auch nicht ins Minus rutschen. Wir halten eine Wachstumsspanne  von 0,5 bis 0,8 Prozentpunkten für realistisch. Sorge bereitet uns das nächste Jahr. 2020 dürfte die US-amerikanische Wirtschaft als wichtigster Außenhandelspartner Deutschlands tendenziell an Dynamik verlieren, da unter anderem die positiven Effekte der US-Steuerreformen auslaufen sollten.

Ist der aktuelle Abschwung der Weltwirtschaft ein Resultat wachsender globaler Spannungen?
Das glauben wir nicht. Der Grund für die Abkühlung der Weltwirtschaft ist nicht – wie oftmals behauptet – primär in den globalen Risiken zu suchen, zu denen etwa Handelskonflikte und Brexit gehören. Denn bis dato sind keine eskalierenden Konflikte zu erkennen, die zu einem reduzierten Handelsvolumen geführt haben. Auch ergibt sich aus der Handelspolitik der USA noch kein bedeutendes Risiko für globalen Protektionismus. Dafür sind weder das betroffene Gütervolumen noch die im Raum stehenden Zollerhöhungen ausreichend hoch. Den USA geht es in erster Linie auch nicht darum, ihren Handel mit dem Rest der Welt einzuschränken. Vielmehr geht es um die Öffnung von Märkten für US-Produkte. Ob die US-Handelspolitik handelsfördernd oder hemmend sein wird, bleibt deshalb abzuwarten.

Was schickt dann die Global Economy auf Talfahrt?
Es ist  derzeit kein einzelner Faktor erkennbar, der ein ausreichend hohes Risiko für die  globale Konjunktur darstellt, um eine weltweite Krise auszulösen. Anders sähe es aus, wenn der Offenheitsgrad der Weltwirtschaft in Folge von globalen protektionistischen Anstrengungen nachlassen würde. In diesem Falle wäre eine globale Rezession unvermeidlich. Selbst China scheint kein hohes systematisches Risiko darzustellen. Das Land hat zwar gegenwärtig ein Problem mit seinem Wachstumsmodell, das wegen anhaltend hoher Investitionsquoten zunehmend an seine Grenzen stößt. Allerdings steuert die politische Führung in Peking bereits gegen – durchaus mit Erfolg. So sind auch in der Volksrepublik keine Treiber für eine globale Rezession erkennbar.

Die sinkende Wirtschaftsleistung Chinas ist demnach kein Problem für uns?
Das Potenzialwachstum der Weltwirtschaft beträgt ca. 3,5 Prozent. Chinas aktuelles Wachstum liegt bei  rund 6,5 %. Langfristig betrachtet ist es deshalb gerade angesichts des zunehmenden BIP Chinas nur eine Frage der Zeit wann es zu einer Wachstumskonvergenz kommt. Entscheidend für die Weltkonjunktur ist der Wachstumsbeitrag Chinas und nicht seine Wachstumsrate. Und die Wachstumsrate erweist sich dank des wachsenden BIP als relativ stabil. Sie wird auch durch den deutlichen Rückgang des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses gestärkt.   

Warum investieren hiesige Unternehmen trotz des Aufschwungs immer noch zögerlich?
Ihnen steckt offenbar die Erfahrung der letzten großen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 weiter in den Knochen. Daher reagieren sie lieber, statt zu agieren. Anhaltende Unsicherheit angesichts von Brexit und fehlenden Strukturreformen in vielen Euro-Ländern  sorgt zusätzlich für ein eher vorsichtiges und opportunistisches Investitionsverhalten.

Beeinträchtigt mangelnde Investitionsbereitschaft die unternehmerische Innovationskraft?
Das würde ich mit Blick auf die deutsche Wirtschaft nicht sagen. Denn diese ist stets sehr offen für neue Entwicklungen. Die meisten Unternehmen haben ihre Produktionsprozesse schon vor Jahren globalisiert. Deshalb glauben wir nicht, dass ein wichtiger technologischer Trend einfach so an ihnen vorbeigeht. Es wird zwar behauptet, die deutsche Automobilindustrie habe die strategische Bedeutung der Elektromobilität verschlafen. Das ist aber angesichts von Innovationsdynamik, Patentanmeldungen und Investitionsvorhaben nur schwer nachvollziehbar.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring.

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