03.01.2020 //

„Das Land selbst ist quasi ein Start-up“

BME goes Silicon Wadi: Im Interview spricht Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer, über die Entstehung der Start-up-Nation Israel, die Rolle des Militärs, die Internationalität und die Bedeutung des Landes für die deutsche und europäische Wirtschaft heute.

Silion Wadi USB-Stick Der USB-Stick ist eine israelische Erfindung, die gemeinsam mit vielen weiteren technologischen Innovationen im Peres Center for Peace and Innovation in Tel Aviv besichtigt werden kann (im Bild eine Auswahl von Sticks aus der Sammlung des Erfinders Dov Moran). Foto: Tobias Anslinger/BME

Herr Alroi-Arloser, was kann man Europäern erzählen, was Israel nicht ist?

Dass es die Größe von Texas hat, dort nur Orthodoxe, Soldaten und Kamele leben und die Wirtschaft vorwiegend aus dem Export von Jaffa-Orangen besteht. Das nämlich waren die Ergebnisse einer Befragung des israelischen Außenministeriums unter Europäern, was sie mit Israel verbinden.

Eher peinlich. Und was erzählen Sie gern über Israel?

Dass wir mit 8.500 Start-ups die höchste Start-up-Dichte weltweit haben, das Risikokapitalaufkommen in diesem Land doppelt so hoch ist wie in den USA, dass wir Platz zwei bei der Anzahl der Start-ups pro Einwohner belegen und dass wir im Global Innovation Ranking immer auf den vordersten Plätzen liegen – und das alles, obwohl unser Land nur in etwa so groß ist wie Rheinland-Pfalz und die Einwohnerzahl Österreichs hat.

Dabei war Israel bei seiner Gründung 1948 faktisch ein Entwicklungsland. Wie konnte es sich zu dem entwickeln, was es heute ist?

Ich beantworte diese Frage gern mit „Not macht erfinderisch“. Die militärische Notlage des Landes verbunden mit der Angst vor Boykotten war die erste Herausforderung, der man nur mit entsprechender Technologie begegnen konnte. Das haben wir früh erkannt. Wir konnten uns aber nicht auf Importe dieser Technologien verlassen, deshalb haben wir unsere eigene Rüstungs- und Verteidigungsindustrie aufgebaut. Mindestens 50 Prozent der Start-ups hierzulande basieren auf der Konversion von Verteidigungstechnologe. Das Militär ist die Technologieschmiede dieser Nation.

Die zweite Herausforderung war die Wasserknappheit bei der Gründung Israels: Wassermangel bedeutet Lebensmittelknappheit. Wir mussten das in den Griff bekommen, um den Aufbau des Staates Israel zu sichern. Deshalb kamen die Technologiefelder Bewässerung, Entsalzung und Wasseraufbereitung dazu. Das Land selbst ist quasi ein zionistisches Start-up.

Aber mit Krieg und Wassermangel haben ja auch andere Länder zu kämpfen. Ist das also wirklich eine hinreichende Erklärung für den Aufstieg des Landes zur Start-up Nation?

Nein – es gibt noch eine Kür, die sich aus drei Prinzipien zusammensetzt.

Die wären?

Erstes Prinzip: Impossible is irrelevant – geht nicht, gibt’s nicht. Von Kindesbeinen an lernen die Israelis, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt und man sich nur genügend anstrengen muss. Die Lösung lässt sich finden, wenn man kreativ ist.

Zweites Prinzip: No risk, no fun. Wir leben seit 70 Jahren im Krieg; haben also mit Risiko umzugehen gelernt. Das wird auch ins Persönliche übertragen. Unternehmertum, Karriere, Investitionen. Das alles ist aber nur möglich, wenn man auch bereit ist, mit Niederlagen umzugehen. Scheitern ist eine konstruktive Erfahrung in Israel. Ein israelischer Gründer, der mit seinem ersten Unternehmen gescheitert ist, erhält eher Geld eines VC Fonds als einer, der es zum ersten Mal versucht.

Drittes Prinzip: Chuzpe, also eine gewisse Form von Dreistigkeit und Unverfrorenheit. Lieber unbeliebt und lebendig, als beliebt und tot. Autoritäten werden beargwöhnt, infrage gestellt und herausgefordert. Formale Statussymbole zählen nicht. Widerspruch wird erwartet, nicht geduldet. Hierarchien sind flach, weil sie austauschbar sind. Ein Professor an der Uni kann zum Beispiel der untergebene Gefreite eines Studenten im Reservedienst der Armee sein.

Durch das Militär ist die Gesellschaft sehr dicht vernetzt. Das hat auf Unternehmensführung und das Leben der Menschen großen Einfluss. „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ gibt es in Israel nicht, wir bringen die Arbeit mit nach Hause, aber immer wieder auch die Kinder mit ins Büro. Letztendlich entsteht aus Nähe, Knappheit, Ungeduld und einem enormen Pool an klugen Köpfen ein Kreislauf, der sich immer wieder neu befeuert: Start-up, Grow-Up, Exit, Repeat. Und das immer schneller.

Grisha Alroi-Arloser ist Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen AHK.

Grisha Alroi-Arloser, Deutsch-Israelische AHK

Welche Rolle spielte der Staat bei diesem Aufbau?

Zum einen hat er die Weichen zur eigenen Forschung und Entwicklung gestellt. Die Fachkräfte dafür kamen durch die ständige Zuwanderung aus vielen Teilen der Welt, aber ganz stark aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Allein in den vergangenen zehn Jahren kamen über 120.000 Einwanderer aus Russland, der Ukraine und Weißrussland, weitere 70.000 aus Frankreich und den USA.

Um diesen die Verwirklichung ihrer wissenschaftlichen und technologischen Aspirationen zu ermöglichen, hat der Staat 28 Technologieinkubatoren gegründet, nahe an den Hochschulen, um die Fachkräfte gezielt zu fördern. Jeder Inkubator konnte zehn bis 15 Projekte für zwei Jahre beherbergen und zu 85 Prozent finanzieren. Nach diesen zwei Jahren mussten sich die Jungunternehmen selbst am Markt finanzieren oder verkauft werden. Dieses Modell war irrsinnig erfolgreich und wurde später auf der ganzen Welt kopiert. Heute gibt es diese Inkubatoren immer noch, aber der Staat finanziert sich nicht mehr, sondern vergibt nur mehr Lizenzen für sieben Jahre. Internationale Konsortien reißen sich darum, für diesen Zeitraum einen solchen Inkubator zu finanzieren.

Zum anderen hat die Regierung mit Steuergeldern zehn Venture Capital Fonds gegründet, gleichzeitig aber auch private Investoren reingeholt, für die die Technologien interessant waren. Daraus hat sich die Risikokapitalszene des Landes entwickelt, die dabei hilft, das „Tal des Todes“ einer Innovation zwischen Power Point und Proof of Concept zu überwinden.

Woher kommt diese Internationalität, die in der Szene überall zu spüren ist, noch?

Nach der Staatsgründung Israels ist man schnell zu dem Schluss gekommen, dass das Land zu klein ist, um für einen lokalen Markt zu produzieren. Obst und Gemüse ja, aber keine Technologien. Und so wurde von Beginn an die Welt unser Markt. Ein israelisches Start-up ist bei seiner Gründung ein kleines multinationales Unternehmen.

Inwiefern?

Ein Beispiel: Von den sieben Gründern sind statistisch vier in Israel zur Welt gekommen und drei nicht. Von den Vieren haben zwei Eltern aus Europa, und zwei haben Eltern aus Marokko, Tunesien, Türkei oder Persien. Von den drei Anderen ist einer Franzose, einer aus einer ehemaligen Sowjetrepublik und der Dritte irgendwo anders her. Diese sieben Gründer sprechen 12 Sprachen und bringen vielfältige Erfahrungen und Erwartungen mit.

In Deutschland haben alle sieben Gründer eine ähnliche Biografie. Sie kommen von gleichen Unis und produzieren für den deutschen Markt, denn der ist ja groß genug. Das ist eine völlig andere Situation.

Welche Bedeutung hat Deutschland bzw. die EU für die Wirtschaft des Landes?

Die EU ist die bedeutendste Wirtschaftspartnerregion Israels. Israel ist Deutschlands drittgrößter Handelspartner im Nahen und Mittleren Osten nach den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Deutschland ist Israels viertgrößter Handelspartner nach den USA, China und Großbritannien. 1960 betrug das Israelische Handelsvolumen mit Deutschland 100 Millionen Dollar, im Jahr 2018 waren es neun Milliarden inklusive der Dienstleistungen. Daran sieht man, welche Bedeutung Israel für deutsche Unternehmen bereits hat.

Warum ist es wichtig, Dienstleistungen im Handelsvolumen zu berücksichtigen?

Weil alles, was in Start-ups „produziert“ wird, sich in Dienstleistungen versteckt. 50 Prozent der Dienstleistungen die Israel an Deutschland verkauft, sind Softwareentwicklungen, 25 sind F&E-Leistungen. Das ist die Arbeit der Start-up-Szene.

Was sind die Vorteile einer Kooperation zwischen deutschen und israelischen Unternehmen?

Ein hoher Qualitätsstandard wegen der permanenten Konversion zwischen militärischer und ziviler Nutzung der Technologien, keine Berührungsängste zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Militär, das vielfältige Kulturverständnis und gute Erfahrungen mit Turnkey-Projekten. Man sagt, Israelis kennen den kürzesten Weg zur zweitbesten Lösung – und die reicht in der Regel auch.

Zur Person: Grisha Alroi-Arloser ist Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv.

Ein Reisebericht der BME-Delegationsreise nach Israel Mitte Dezember 2019 ist hier zu finden.

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