31.01.2020 //

„Deglobalisierung als wichtigster Belastungsfaktor“

Helaba-Chefvolkswirtin im BME-Interview: „Die zahlreichen internationalen politischen Krisen belasten die Märkte und lähmen die Geschäftsaktivitäten der Unternehmen.“

Foto: pixabay.com Foto: pixabay.com

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin und Bankdirektorin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen,gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: Jürgen Mai/Helaba

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BME: Ihrer Einschätzung nach wird sich die globale Konjunktur bis ins Jahr 2020 hinein fangen und die Expansion fortsetzen, wenn auch mit überschaubarer Dynamik. Worauf stützt sich Ihre Prognose?
Traud: Der Grund für meine Annahme ist ganz einfach. Ich erwarte, dass US-Präsident Donald Trump den Handelskrieg mit China nicht weiter fortsetzt. Er wird mindestens einen Waffenstillstand anstreben. Das dürfte die Märkte entlasten und die globale Konjunktur anschieben. Der Konjunkturabschwung lief bislang weitgehend parallel mit dem steigenden Zöllen und setze Anfang 2018 ein, als die US-Administration anfing, Strafzölle gegen China zu verhängen.  Meine Prognose stützt sich auch auf den Umstand, dass Trump 2020 wiedergewählt werden will und alles tun wird, dass sich die Konjunktur wieder erholt. Wenn er aber seinen protektionistischen Kurs beibehält, wird die globale konjunkturelle Abwärtsbewegung auch in den USA stärkere Spuren hinterlassen und die Gefahr einer Rezession erhöhen. Dann würde auch der amerikanische Aktienmarkt negativ reagieren. Das wiederum könnte Trumps Chancen auf eine zweite Amtszeit deutlich schmälern.

Im aktuellen Helaba-Jahresausblick schreiben Sie in einem möglichen positiven Alternativszenario „Die teilweise skurrilen Persönlichkeitszüge einiger Darsteller werden nicht mehr als Belastung wahrgenommen, sondern münden in eine kooperative Zusammenarbeit der Nationen.“ Ist dieses Szenario angesichts der handelnden Personen realistisch?
In unserem Positivszenario sehen wir signifikante Abbaumaßnahmen der Zölle. Die Welt wird wieder kooperativer und die Globalisierung nicht mehr infrage gestellt. Allerdings dürfte sich die schwierige Haltung einzelner Staaten zu vielen wichtigen Themen unserer Zeit kaum verändern. Das gilt auch für das Persönlichkeitsbild des US-Präsidenten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, schließen wir dennoch nicht ganz aus, dass sich Trump und Xi Jinping wieder auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit einigen.

Sie sehen in der Deglobalisierung den wichtigsten Belastungsfaktor für die globale Konjunktur. Warum?
Die zahlreichen internationalen politischen Krisen belasten die Märkte und lähmen die Geschäftsaktivitäten der Unternehmen. Zu den bekannten Irritationen wie Brexit und Handelsstreit kam 2019 ein weiteres politisches Thema hinzu, das in den kommenden Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird. Die Klimadebatte hat das Potenzial, über Jahrzehnte gewachsene wirtschaftliche Strukturen auf relativ kurze Sicht in erheblichem Maße zu hinterfragen oder gar obsolet zu machen. Dies geht über die nicht zuletzt für die deutsche Industrie entscheidende Frage „Wie sieht die Zukunft der individuellen Mobilität aus?“ weit hinaus. Die durch solche strukturellen Faktoren verursachte Verunsicherung kann zusätzlich zur zyklischen Dynamik zu Investitions- und/oder Konsumzurückhaltung führen.

In Ihrer Konjunkturprognose für Deutschland erwarten Sie, dass „der Gegenwind für die hierzulande wichtige Industrie wegfallen“ sollte. Nationale und internationale Störfaktoren können demnach unserem Verarbeitenden Gewerbe nichts mehr anhaben?
Wenn der Gegenwind wegfällt, heißt das noch nicht, dass es einen Rückenwind gibt. Diesen schönen Auftrieb, also eine richtig starke Konjunkturerholung, haben wir natürlich nicht. Dafür sind die strukturellen Probleme Deutschlands zu groß. Ich erinnere beispielsweise an die steigenden Lohnstückkosten und die im Gegensatz zu vielen anderen Staaten hohen Steuern. Hinzu kommen der Klimawandel und die zum Teil hausgemachten Probleme des Automobilsektors. Mit Blick auf den Status quo von Infrastruktur und Industrie 4.0 stellt sich die Frage, ob unsere Wirtschaft richtig positioniert ist. Sie droht zudem im europäischen Vergleich zurückzufallen. So ist unser prognostiziertes Wachstum für Deutschland niedriger als das der Eurozone.

Sie spenden Frankreich Applaus für seine Reformbemühungen. Taugt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone als Vorbild für uns?
Frankreich expandiert seit 2018 schneller als Deutschland. 2019 dürfte mit 1,3 Prozent gut das Doppelte des hiesigen Wachstums erreicht werden. 2020 kann mit 1,5 Prozent gerechnet werden, für Deutschland nur mit 1,0 Prozent. Erste Reformschritte hatte es bereits während der Präsidentschaft François Hollandes mit der Liberalisierung von Dienstleistungsbranchen und der Senkung von Steuern gegeben. Unter Emmanuel Macron wurden bislang Erleichterungen im französischen Arbeitsrecht durchgesetzt. In der Berufsausbildung wird den Unternehmen nun mehr Raum gewährt. Zusätzlich sind Überstunden von Steuern und Sozialabgaben für die Arbeitnehmer befreit worden. Unternehmenssteuern und Sozialabgaben wurden gesenkt und die Vermögensteuer auf eine reine Immobiliensteuer reduziert. Bürokratische Hürden sind verringert worden. Die französischen Lohnsätze nehmen seit Jahren langsamer zu als in Deutschland, was den Anstieg der Lohnstückkosten dort bremst. Insgesamt hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft durch die Maßnahmen verbessert. Frankreichs positive Entwicklung resultiert aktuell allerdings auch aus der geringen Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes.

Wie beurteilen Sie die Bemühungen Chinas, zur stärksten Volkswirtschaft der Erde aufzusteigen?
Die Strategie der politischen Führung in Beijing ist beeindruckend und offensichtlich erfolgreich. Es gibt aber auch Probleme. Dazu zählen beispielsweise wachsende Ungleichgewichte und zunehmende soziale Risiken, auch aufgrund der bestehenden geringen Umweltstandards. Europa muss sich die Frage stellen, wie es sich gegenüber China positionieren will: Schlagen wir uns auf die Seite der Volksrepublik oder auf die Seite der USA?

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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