14.08.2019 //

Die deutsche Konjunktur gerät ins Trudeln

Destatis: Das Bruttoinlandsprodukt der größten Volkswirtschaft Europas ist im 2. Quartal 2019 um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal gesunken. Damit ist klar: Die Rezessionsgefahr wächst.

Die deutsche Konjunktur kann sich dem globalen Abwärtstrend wohl nicht entziehen. Die jüngsten Destatis-Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes lassen für die nächsten Monate nichts Gutes ahnen. Foto: pixabay.com Die deutsche Konjunktur kann sich dem globalen Abwärtstrend wohl nicht entziehen. Die jüngsten Destatis-Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes lassen für die nächsten Monate nichts Gutes ahnen. Foto: pixabay.com

Ist die deutsche Wirtschaft auf dem Weg in die Rezession? Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) lassen dies befürchten. Danach war das reale (preisbereinigte) Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 2. Quartal 2019 saison- und kalenderbereinigt um 0,1 Prozent niedriger als im in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Somit habe sich die deutsche Wirtschaftsleistung etwas abgeschwächt. Im 1. Quartal 2019 hatte es noch einen BIP-Anstieg von 0,4 Prozent zum 4. Quartal 2018 gegeben.

Positive Impulse kamen im Vorquartalsvergleich (real, saison- und kalenderbereinigt) nach vorläufigen Destatis-Berechnungen aus dem Inland: Die privaten Konsumausgaben seien höher als im 1. Quartal gewesen. Der Staat habe seine Konsumausgaben ebenfalls gesteigert. Daneben sei mehr investiert worden als im 1. Quartal, wobei die Bauinvestitionen rückläufig waren. Die außenwirtschaftliche Entwicklung habe das Wirtschaftswachstum gebremst, da die Exporte im Vergleich zum Vorquartal stärker zurückgingen als die Importe.

Im Vorjahresvergleich stagnierte das reale BIP. Bereinigt um den Kalendereffekt ergebe sich ein Anstieg um 0,4 Prozent, da im 2. Quartal 2019 ein Arbeitstag weniger zur Verfügung stand als ein Jahr zuvor. Im 1. Quartal 2019 hatte das reale BIP den weiteren Destatis-Angaben um 0,8 Prozent (kalenderbereinigt: 0,9 Prozent) höher gelegen als im Vorjahresquartal.

„Die erstmals wieder rückläufige Wirtschaftsleistung hat uns nicht überrascht. Sie bestätigt nur den Trend, der sich auch bei der Entwicklung des IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index bereits seit Jahresbeginn abzeichnet“, teilte BME-Hauptgeschäftsführer Dr. Silvius Grobosch in einer ersten Reaktion auf die Destatis-Veröffentlichung mit. So bewege sich der wichtige Frühindikator für den Zustand des Verarbeitenden Gewerbes  in Deutschland bereits den siebenten Monat in Folge unter der magischen 50-Punkte-Referenzlinie, ab der Wachstum signalisiert wird.

Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrum des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), kommentiert die jüngsten Wachstumszahlen für Deutschland wie folgt.  „Die deutsche Wirtschaftsleistung hat im 2. Quartal stagniert. Damit hat sich der Abschwung fortgesetzt, nachdem Aufholeffekte infolge von Sonderfaktoren und günstige Witterungsbedingungen zum Jahresauftakt noch für eine recht dynamische Expansion gesorgt hatten. Ein Gutteil der Überauslastung der Produktionskapazitäten, die sich in dem vorangegangenen Aufschwung aufgebaut hatte, dürfte damit mittlerweile wieder abgeschmolzen sein, insbesondere in den exportorientierten Industriebereichen.“

Die aktualisierten Werte deuteten darauf hin, dass die Konjunktur den Wendepunkt bereits Anfang 2018 überschritten hatte, so dass die deutsche Wirtschaft nunmehr seit mehr als einem Jahr im Abschwung sei. Diese Entwicklung könne laut Kooths bislang im Wesentlichen als konjunkturelle Abkühlung gelten, die angesichts der vorangegangenen Überhitzung noch kein Grund zur Sorge sei. Bei einem fortgesetzten Abschwung werde auch die gesamtwirtschaftliche Normalauslastung der Produktionskapazitäten allmählich unterschritten. Die im Abgaben- und Transfersystem angelegten automatischen Stabilisatoren sollte man dann wirken lassen. Anlass zu konjunkturpolitischem Aktionismus bestehe damit nicht.

Nach Ansicht von Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank AG, sei das deutsche Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal wie erwartet um 0,1 Prozent geschrumpft. Die bis zuletzt gefallenen Frühindikatoren legten auch für das zweite Halbjahr kein Wachstum nahe. Mit einer nachhaltigen Wende zum Besseren sei auch 2020 nicht zu rechnen. Zum einem werde der Handelskrieg eine nennenswerte Erholung des wichtigen deutschen Exportmarktes Chinas verhindern. Zum anderen beginne die Schwäche in der exportorientierten Industrie auf die bislang robuste Binnennachfrage durchzuschlagen. Krämer: „Die deutsche Wirtschaft bleibt im einem Graubereich zwischen Magerwachstum und Rezession.“

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben meint: „Die Konjunktur hat sich merklich abgekühlt. Nach dem guten Jahreseinstieg sind die Unternehmen in der harten konjunkturellen Realität angekommen.“ Dabei sei derzeit keine Wende in Sicht. In der DIHK-Konjunkturumfrage berichteten die Betriebe von einem deutlich verdunkelten Ausblick. Die Geschäftserwartungen gingen in allen Branchen zurück. Die Erwartungen an das Auslandsgeschäft seien so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die internationalen Handelskonflikte, Unsicherheiten in zentralen Regionen der Ölversorgung sowie ein noch immer ungelöster Brexit hinterließen deutliche Spuren. Die deutschen Hidden Champions im Maschinen- und Anlagenbau bekämen die Abschwächung der Weltkonjunktur sehr früh und stark zu spüren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den nächsten drei Monaten eine Rezession erlebt, hat sich weiter erhöht. Das zeigen die neuesten Werte, die der Konjunkturindikator des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung liefert. Für den Zeitraum von August bis Ende Oktober weise der Indikator, der die aktuellsten verfügbaren Daten über die Wirtschaftslage bündelt, ein Rezessionsrisiko von 43 Prozent auf. Im Juli waren es noch 36,6 Prozent.

Das nach dem Ampelsystem arbeitende Frühwarnsystem zeige damit zwar noch „gelb-rot“ - eine Situation erhöhter konjunktureller Unsicherheit jenseits von 30 Prozent Rezessionsrisiko. Berücksichtige man aber zusätzlich die prognostische Unsicherheit, die anhand der Streuung der für die Gesamtprognose relevanten Einzelgleichungen derzeit in Höhe von knapp 22 Prozent gemessen werde, sei die Schwelle nicht mehr weit entfernt, ab der die IMK Konjunkturampel auf Rot schaltet und damit das Signal für eine Rezession gibt. Diese Schwelle liege bei einer Rezessionswahrscheinlichkeit von 70 Prozent.

Der erneute Anstieg lasse sich vor allem zurückführen auf ein Zusammenspiel schlechterer Produktionszahlen für das Verarbeitende Gewerbe und einer weiteren Eintrübung der Stimmung, gemessen am ifo Geschäftsklimaindex. Die nach den jüngsten Zentralbankentscheidungen mittelfristig günstigen Finanzierungsbedingungen sowie eine Zunahme der Auftragseingänge für das Verarbeitende Gewerbe aus dem Ausland stabilisierten hingegen die Konjunkturaussichten. Bei den Auftragseingängen sei allerdings der aktuelle Wert für den Monat Juni durch Großaufträge aus dem außereuropäischen Ausland positiv verzerrt.

„Deutschlands Konjunktur steht auf der Kippe. Wir hatten - wie die anderen führenden Wirtschaftsforschungsinstitute - bislang damit gerechnet, dass es im zweiten Halbjahr zu einer raschen Erholung der Wirtschaft und insbesondere der Industrie kommen würde. Die Chancen für ein solches Positivszenario sind nun deutlich gesunken“, sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK. „Die deutsche Industrie schwächele bereits seit einem Jahr, vor allem wegen globaler Unsicherheiten. Bislang habe die Inlandskonjunktur - vor allem der starke Konsum und die Baunachfrage - die deutsche Wirtschaft vor einer Rezession bewahrt. Zuletzt aber sei der Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe so stark gewesen, dass es immer fraglicher werde, ob eine Rezession noch vermieden werden könne. 

Zusammengestellt von Frank Rösch, BME Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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