„Die guten Zeiten der Globalisierung sind passé“

Helaba-Chefvolkswirtin Dr. Gertrud R. Traud: „Die Binnenkonjunktur ist nach wie vor stabil. Der Konsum stützt den Aufschwung ebenfalls. Dafür verliert der deutsche Außenhandel zunehmend an Dynamik.“

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Helaba-Chefvolkswirtin Dr. Gertrud R. Traud gab dem BME folgendes Interview*: 

BME: Der Aufschwung büßt an Tempo ein. Ist, wie Sie kürzlich formulierten, „die schönste aller Welten vorbei“?
Traud:
Es scheint zumindest so. Aber es kann auch nicht das ganze Jahr über Weihnachten sein. Ende 2017 zeigten alle wichtigen Konjunkturindikatoren – von EMI bis ifo – nach oben. Jetzt geht es abwärts. Damit ist klar: Der lange Zeit scheinbar außer Kraft gesetzte Konjunkturzyklus lebt. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die Inflation wiederkommt.

Deshalb trägt Ihr Jahresausblick 2018 auch den Titel „Einkaufszentrum – Nichts ist umsonst“?
Genau. Einkaufszentren sind nichts anderes als Marktplätze, an denen Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Die Stimmung zum Jahresende 2017 war vergleichbar mit der im Shopping Center. Das Geld saß sowohl bei Konsumenten als auch Anlegern locker wie schon lange nicht mehr. Mittlerweile sind aber viele Güter und Vermögensklassen teurer geworden. Für Einkaufszentren und Kapitalmärkte gilt gleichermaßen: „Nichts ist umsonst, alles hat seinen Preis.“

Läuft die deutsche Konjunktur in eine Stagnationsphase oder beginnt die Wirtschaftsleistung zu sinken?
Der Aufschwung wird zwar schwächer, was sich insbesondere am EMI sehr gut ablesen lässt, aber das Wachstum bewegt sich immer noch über Potenzial. Gemessen an den aktuellen Vorlaufindikatoren zeichnet sich bislang nur eine Abschwächung, aber keine Rezession ab. Eine Eskalation des Handelskonfliktes sowie ein Wiederaufleben der Eurokrise sind jedoch Risikofaktoren.

Der EMI liegt bei 56,9. Das hätte früher Begeisterung ausgelöst, heute dagegen nicht mehr. Warum?
Es hat sich ein Gewöhnungseffekt eingestellt. Dies entspricht der menschlichen Psyche. Rückgänge auf dem hohen Niveau werden entsprechend als Verluste wahrgenommen und machen vielen Angst. Allerdings ist die wirtschaftliche Dynamik gemessen an historischen Entwicklungen immer noch hoch. Auch kann nicht davon ausgegangen werden, dass die deutsche Wirtschaft von jetzt an immer über  zwei Prozent wachsen wird. Lange Zeit konnte sich kaum jemand vorstellen, dass dies überhaupt möglich ist. Jetzt denkt jeder, wie schlimm es ist, unter die Zwei-Prozent-Marke zu fallen.

Sind die Stützpfeiler des deutschen Aufschwungs noch intakt?
„Zum Teil - denn die Binnenkonjunktur ist nach wie vor stabil. Der Bausektor wird uns – angesichts des weiter bestehenden enormen Nachholbedarfs – noch eine ganze Weile wirtschaftlich tragen. Der Konsum stützt die Konjunktur ebenfalls. Dafür verliert der deutsche Außenhandel zunehmend an Dynamik.“ Es zeigt sich, dass die guten Zeiten der Globalisierung passé sind. Das fängt beim Brexit an und hört mit Trump auf.

Gibt es weitere Korrekturen?
Nachdem die Marktteilnehmer langsam in die Realität zurückkehren und klar wird, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, haben die zuvor hoch bewerteten Aktienmärkte Anfang des Jahres eine erste Korrektur vollzogen. Eine wirkliche Marktbereinigung hat jedoch noch nicht stattgefunden. Vor dem Hintergrund einer schwächeren Konjunktur und anziehenden Inflationsraten ist mit weiteren Kursrückgängen zu rechnen.  

Welche Gründe heizen Ihrer Meinung nach die Inflation an?
Da ist zum einen die ins Stocken geratene Globalisierung. Trumps protektionistische Handelspolitik sorgt dafür, dass sich viele Staaten abschotten werden. Die Folge sind steigende Zölle und Handelsschranken, die wiederum die Preise treiben. Der zweite Grund sind steigende Löhne aufgrund leergefegter Arbeitsmärkte. Last but not least dürfte die Digitalisierung die Gehälter der IT-affinen Arbeitnehmer stärker ansteigen lassen als der Lohndruck bei den zu substituierenden Jobs ausfallen wird. Dies wird ebenfalls die Inflation befeuern.

Gleicht die hohe Staatsverschuldung in der Welt,  einer tickenden Zeitbombe?
In gewisser Weise schon. Negativ zu Buche schlugen hierbei die von den Staaten geschnürten Rettungspakete nach der Finanzkrise. Durch die Vielzahl an expansiven Maßnahmen wurde die bereits hohe Verschuldung noch weiter nach oben getrieben. Leider ist das Problembewußtsein der Verantwortlichen in Brüssel seit Ausbruch der  Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 nicht wirklich gestiegen.  So macht gegenwärtig die Idee sogenannter Wachstumspakete die Runde. In der Euro-Zone wird der Ruf nach diversen neuen Töpfen lauter, u.a. ein Fonds zur Rettung von Ländern, die in typischer Politikersprache „unverschuldet“ in eine Krise geraten sind. Dies gibt es aber schon, für den Fall, dass die Finanzstabilität im Euroraum in Mitleidenschaft gezogen wird. Gemäß dem Subsidiaritätsprinzip wäre es jedoch sinnvoll, dass die einzelnen Länder für länderspezifische Risiken selbst vorsorgen.

Spiegeln sich in der gegenwärtigen Italien-Krise die Probleme der Eurozone wider?
Durchaus. Klar ist aber auch, dass es in Italien Fehlentwicklungen gibt, die nichts mit der Währungsunion zu tun haben. Dennoch sind in fast allen Euroländern viele der Meinung, dass dies auf den Euro zurückzuführen ist. Dies hat den „Vorteil“, dass die Probleme nicht selbst gelöst werden müssen. Dieses die-Schuld-auf-den-anderen-schieben-Syndrom ist meines Erachtens das größte Problem – und nicht nur in der Eurozone, sondern auch in den USA oder im Rahmen des Brexit in Großbritannien. Mit Blick auf die Flüchtlinge muss aber hervorgehoben werden, dass dies tatsächlich keine Aufgabe eines einzelnen EU-Landes war und ist. Gerade zu Beginn haben die anderen europäischen Länder Italien weitgehend allein damit gelassen. Hier bedarf es einer europäischen Lösung.

Sagt das viel über den schlechten Zustand der EU aus?
Erinnern wir uns: Für Deutschland wurde die Flüchtlingsthematik 2015 akut. In Italien dagegen war sie schon seit Jahren ein Thema. Griechenland kämpfte mit den Flüchtlingsbewegungen seit 2012. In der Gemeinschaft, insbesondere in Brüssel, kümmerte sich keiner um eine Lösung – und wenn, dann nur halbherzig. Auch Frankreich hat sich beim Thema Flüchtlinge einen schlanken Fuß gemacht. Ist das Europa? Ist das Solidarität? Von Brüssel ist lediglich zu hören: „Wir müssen mehr Europa machen.“ Ich sage: Nein, nicht mehr Europa, sondern ein besseres Europa!

Ist die EU überhaupt noch reformierbar?
Die EU ist eine Erfolgsgeschichte, aber es bedarf einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. Wir müssen die drohende politische Spaltung Europas verhindern,  nicht nur aus ökonomischen Erwägungen sondern auch zur dauerhaften Friedenssicherung.  Damit das Vertrauen in das Projekt Europa gestärkt wird, muss der Bürger einen unmittelbaren Nutzen erkennen. Ein Abbau von Bürokratie und mehr Effizienz tragen dazu bei. So würde ich die bestehenden EU-Geldtöpfe nicht vergrößern, sondern eher verkleinern. Viele Kofinanzierungen werden nur geleistet, weil es die Töpfe in Brüssel gibt.

Was benötigt die EU, um mit einer Stimme zu sprechen?
Für die weitere politische Integration bieten sich solche Politikfelder an, bei denen innerhalb Europas Vielfalt keine Vorteile bringt. Der nächste Schritt der europäischen Integration sollte dementsprechend in der Zentralisierung der Außen- und Verteidigungspolitik liegen. So wäre ein Außen- und Sicherheitsminister erstrebenswert. Denn er könnte auch bei der NATO für die EU mit einer Stimme sprechen. Dagegen gibt es Bereiche in der EU, bei denen Subsidiarität wieder in den Vordergrund rücken muss. Dazu zählt die Fiskalpolitik. Einen EU-Finanzminister benötigen wir somit nicht.

Ist die protektionistische Handelspolitik der USA in der Lage, die EU zu sprengen?
Diese Gefahr sehe ich nicht. Alle Handelsfragen müssen europäisch beantwortet werden. Einzelne EU-Staaten können keine nationalen „Deals“ mit der Trump-Administration abschließen.  

Taugt der Ölpreis als Konjunkturbarometer?
Der Ölpreis ist nur bedingt als Konjunkturbarometer zu gebrauchen. Einmal wird seine Funktion als Kostenfaktor für die ölkonsumierenden Länder überbetont, ein anderes Mal seine Rolle als Nachfrageindikator. . Zudem wird er stark von politischen Faktoren getrieben.

Nach Meinung des Philosophen Richard David Precht wird die Vernichtung der Arbeitsplätze durch Robotisierung und Künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren zu einer Krise der Kaufkraft führen. Der Konsum breche ein, die Wirtschaft gerate ins Schlingern. Teilen Sie seine düsteren Prognosen?
Ich verstehe seine Argumente, teile aber seine Schlussfolgerung nicht. Jede größere Innovation in der Geschichte hat letztendlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Klar werden auch im Zuge der digitalen Transformation Stellen wegfallen. Das Neue an der Digitalisierung ist, dass jetzt zum ersten Mal auch „White Collar-Jobs“ ersetzt werden. Früher waren es meist Blaumänner, die weichen mussten. Die Veränderungen können aber bewältigt werden. Dabei kommt es weniger auf das einmal erworbene Wissen an, sondern vielmehr auf die Bereitschaft sich auf das Neue einzulassen.  

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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