17.07.2019 //

„Die Warnzeichen mehren sich“

UBS-Konjunktur-Experte Dr. Felix Hüfner: „Es ist zwar zu früh, die immer noch mögliche Erholungsphase abzuschreiben. Wir können aber nur hoffen, dass der Boom der Binnenkonjunktur und des Dienstleistungssektors möglichst lange die Schwächephase der Industrie kompensiert.“

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Dr. Felix Hüfner, Chief German Economist der UBS Investment Bank in Frankfurt, gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: UBS

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BME: Erlebt die deutsche Konjunktur zurzeit nur eine vorübergehende Schwächephase oder ist der Einbruch von Dauer?
Hüfner: Es lässt sich im Moment nicht genau sagen, ob wir es mit einem beginnenden Abschwung zu tun haben oder nur mit einer Delle. Fakt ist, dass die deutsche Wirtschaft besser als gedacht ins neue Jahr gestartet ist. Das BIP-Wachstum war im ersten Quartal mit plus 0,4 Prozentpunkten erstaunlich stark und von vielen so nicht erwartet worden, der Konsum ist lebhaft wie seit vielen Jahren nicht mehr und die Unternehmen investieren weiter. Dennoch bleibt die Stimmung in den Chefetagen schlecht, vor allem in der Industrie. Je länger diese Vertrauenskrise anhält, desto größer werden die Gefahren für den weiteren Konjunkturverlauf. Im Moment ist es noch zu früh, von einem beginnenden Abschwung zu sprechen. Aber eine Eskalation der Handelskonflikte zwischen den USA und China würde den Aufschwung bedrohen. So haben sich die Konjunkturrisiken deutlich erhöht und die Unsicherheit in den Märkten ist gestiegen.

Was sind die Gründe für den guten Konjunkturstart ins neue Jahr?
An der Industrie hat es nicht gelegen, denn diese ist zurzeit sehr schwach. Dafür laufen die Binnenkonjunktur und der Dienstleistungsbereich sehr gut. Werden diese aber vom kriselnden Verarbeitenden Gewerbe angesteckt – etwa durch eine Verschlechterung der Situation am Arbeitsmarkt, könnte es zu einem stärkeren Abschwung kommen. Wir befinden daher an einem Scheideweg. Denn die Warnzeichen für eine Konjunkturflaute mehren sich. Es ist zwar zu früh, die immer noch mögliche Erholungsphase abzuschreiben. Wir können aber nur hoffen, dass der Boom der Binnenkonjunktur und des Dienstleistungssektors möglichst lange die Schwächephase der Industrie kompensiert. Wie lange diese Zweiteilung funktionieren kann, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur schwer prognostizieren. Das hängt entscheidend auch davon ab, ob der Arbeitsmarkt weiter robust bleibt oder wir höhere Arbeitslosigkeit sehen. Sollte es zu letzterem kommen, ist der Konsum als Wachstumsmotor bedroht.

Haben die zahlreichen politischen Krisen eine neue Dimension erreicht?
Wir erleben eine dramatische Änderung der internationalen Handelsbedingungen. Damit einher geht die Unsicherheit vieler Marktteilnehmer über das, was noch kommen wird. Vieles ist auch von der Politik getrieben und lässt sich ebenfalls nur schwer abschätzen. Im Gegensatz zu früheren Schwächephasen sind die Möglichkeiten der EZB-Geldpolitik, massiv gegenzusteuern, heute sehr beschränkt. Alles in allem ist die gegenwärtige Unsicherheit in Politik und Wirtschaft bedrohlicher als früher.

Der Industrie-PMI für die Eurozone ist im Mai abermals gesunken. Droht gar eine Rezession?
Soweit sind wir noch nicht. Allerdings hat vor allem der sinkende Handel das Wirtschaftswachstum vieler EU-Staaten, insbesondere der Exportnation Deutschland, nach unten gezogen. Dieser Negativtrend war bereits 2018 zu beobachten und setzt sich im neuen Jahr fort. Auf der anderen Seite ist die Binnenkonjunktur weiter stabil. Der Konsum der Bevölkerung in der Eurozone ist lebhaft, die Löhne steigen, die Steuerbelastung sinkt, die Unternehmen investieren und der Arbeitsmarkt präsentiert sich extrem robust. In früheren Zyklen war die jetzt zu beobachtende Binnennachfrage in der EU, insbesondere in Deutschland, nie so stark. Von der Weltwirtschaft gingen in schöner Regelmäßigkeit Schockwellen aus, die den Aufschwung in der EU abbremsten oder ganz stoppten. Dieses Mal besteht die Hoffnung, dass die Binnenkonjunktur sich als robuster erweist. Das ist für den Euroraum eine völlig neue Dimension. Aber wie bereits angemerkt, wenn die Flaute im Handel noch länger andauert oder sich gar verstärkt, wird es für die Binnenkonjunktur zunehmend schwieriger, sich von diesem Trend abzukoppeln.

Was ist mit den europäischen Sorgenkindern Großbritannien und Italien?
Jeder erwartet mittlerweile, dass der Brexit kommen wird. Die Frage ist nur, ob es einen harten EU-Ausstieg Großbritanniens ohne Freihandelsabkommen oder einen soft Brexit mit einer vertraglichen Regelung gibt. Bei einem hard Brexit – was nicht unser Basisszenario ist – würde das europäische Wirtschaftswachstum deutlich leiden. In einem solchen Fall rechnen wir damit, dass das Wachstum in der Eurozone rund 0,6 Prozentpunkte niedriger ausfällt als sonst. Dieses Szenario ist von den Märkten nicht eingepreist.

Und Italien?
Italien ist aufgrund seiner anhaltend schlechten Fiskalsituation schon seit langem ein ökonomisches Risiko für die Eurozone und wird es auch bleiben. Das Wirtschaftswachstum ist schwach, die neue Regierung gibt mehr aus als sie einnimmt und der Schuldenstand steigt. Deshalb besteht die latente Gefahr, dass die Finanzmärkte darauf negativ reagieren und die Zinsen steigen. Das hat Italien bereits 2018 in die Rezession getrieben. Die Länder der Eurozone verfügen nur über wenige Instrumente, um mit den von Italien ausgehenden Risiken für die Märkte umzugehen. So könnte beispielsweise die EZB nicht ohne weiteres italienische Anleihen kaufen.

Dann wäre ja auch noch der Streit um mögliche US-Sonderzölle auf Fahrzeuge aus der EU.
Richtig. Wenn die US-Administration ihre Absicht wahrmacht und die Zölle auf EU-Fahrzeuge drastisch erhöht, wäre die Eurozone direkt betroffen. Das hätte auch gravierende negative Auswirkungen auf den Automobil-Standort Deutschland.

Schwenkt die Weltwirtschaft wieder auf den Wachstumspfad ein?
Wir erlebten zuletzt vor allem einen Abschwung des Welthandels als Folge des politischen Streits zwischen den USA und China. Zudem schwächelten die Emerging Markets. Zwar sind in einigen Ländern wirtschaftliche Verbesserungen erkennbar. Über allem schwebt allerdings die Angst der Marktteilnehmer, dass der Handelskonflikt zwischen Trump und Xi eskaliert und die US-Amerikaner auf sämtliche chinesische Importe Zölle erheben. Das wäre ein enormer Gegenwind für den Welthandel.

*Das Interview führte Frank Rösch
BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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