Digitale Lieferkette beschleunigt Prozesse

Der BME-Thementag „Supply Chain Management 4.0“ zeigte Themen auf, die Einkäufer im Hinblick auf die digitale Zukunft bewegen. Immer klarer zeichnet sich ab, dass der manuelle Einkaufsprozess von automatisierten Prozessen abgelöst wird.

Welche Vorteile und Möglichkeiten die Anbindung von Lieferanten bieten kann diskutierten die rund 40 Teilnehmer auf dem BME-Thementag. Foto: Doris Hülsbömer/BME e.V.

In der Fabrik der Zukunft messen unzählige Sensoren Füllstände, Verschleiße oder den Fortschritt von Produktionsabläufen. Sie geben die Daten weiter in die Lieferkette, in der selbstständig Prozesse wie Verhandlungen mit den automatisierten Systemen der Lieferanten oder Nachbestellungen ausgelöst werden. „Am Ende werden schließlich autonom fahrende Fahrzeuge aus dem System heraus eigenständig geordert, die die Waren an den gewünschten Ort bringen“, zeichnete Prof. Holger Schiele von der Universität Twente ein Bild der Entwicklungen, die er als durchaus realistisch einschätzt. „Wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution.“ Kennzeichen sei eine Mensch-Maschine-Kommunikation. Das bedeute, dass sich Systeme selber verbinden und miteinander kommunizieren. „Es gibt dazwischen keine menschliche Schnittstelle mehr.“

Wieweit die Möglichkeiten reichen, hat Schiele am Versuch eines „intelligenten Waschraums“ getestet. Bisher – soweit  die gängige Praxis in den Firmen – prüfen Mitarbeiter die Vorräte von Seife und Papier. An der Uni Twente programmierte Schiele mit seinem Team verschiedene Sensoren: ein Seifensensor für den Seifenstand, ein Drucksensor für den Handtuchautomat. Beide Sensoren funktionierten einwandfrei. Verbunden werden die Daten über ein Wifi-Modul mit einem Marktplatz und von dort dann für die Firmenanwendung wieder ausgelesen. 

Hohe Akzeptanz von Lieferanten

Der Einkauf ist besonders von der Digitalisierung gefordert, darüber waren sich die rund 40 Teilnehmer auf dem BME-Thementag „Supply Chain Management 4.0“ einig. Doch momentan mangelt es in vielen Unternehmen noch an Kapazitäten, um die Möglichkeiten einer digitalen Vernetzung voranzubringen. Welche Vorteile eine digitale Anbindung der Lieferanten mit sich bringen kann, zeigte Sascha Rapp auf. Er ist Einkaufsleiter bei der Heinrich Kipp Werk KG.

Das familiengeführte Unternehmen hatte vor diesem Schritt nur wenige Lieferanten per EDI angebunden. „Mit unseren meist kleineren Lieferanten verlief die Auftragsbearbeitung oft sehr konventionell“, sagte Rapp. Auf jeden Mitarbeiter entfiel eine hohe Anzahl an Bestellpositionen, die Tätigkeiten waren dadurch eher administrativ geprägt. Durch die Anbindung werden das Einlesen und die Verarbeitung von Auftragsbestätigungen, Rechnungen und Lieferscheinen automatisiert. Als Vorteile nannte Rapp die hohe Akzeptanz der Lieferanten, weil Sie keine Prozessänderungen vornehmen mussten und die sehr gute SAP-Integration.

Neue Geschäftsmodelle durch Digitalisierung

„Digitalisierung setzt voraus, dass möglichst viele Lieferanten digital angebunden sind“, unterstrich Reinald Schneller, Geschäftsführer von Netfira. Noch immer laufe der große Teil der Abläufe zwischen Unternehmen manuell ab. Das Potenzial ist groß. Nicht nur die automatisierte Verarbeitung der Auftragsbestätigungen spart Zeit und setzt Kapazitäten frei. Zudem werden Abweichungen direkt identifiziert, Toleranzen können individuell eingestellt werden. Schwachstellen bei den Stammdaten und in der Dokumentenqualität der Lieferanten müssen im Vorfeld identifiziert und behoben werden. Rapp will die Anbindung auch auf Rechnungen und Lieferscheine ausweiten. 

Inwieweit die gewonnenen Daten neue Geschäftsmodelle hervorbringen können, erklärte Jens Adema. Er forscht am FIR an der RWTH Aachen zu Supply Chain Management Themen. Ein Hersteller von Landmaschinen wie Class habe beispielsweise sein Geschäftsmodell in Richtung Nutzung und Vermarktung von Daten ausgeweitet. Das Unternehmen biete unter anderem Geodaten an oder statte Traktoren mit einem Datenset aus, das dem Landwirt die bestmöglichen Erntezeitpunkte zur Erhöhung der Ernteleistung vorgebe. „Durch die Vernetzung von Produkt und Hersteller entstehen über Smart Services neue Märkte für Dienstleistungen“, erklärte der Wissenschaftler. Entscheidend sei dabei, die richtigen Daten zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität zur Verfügung zu haben.

Vom Thementag "Supply Chain Management 4.0" berichtete Doris Hülsbömer, BME

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