09.10.2019 //

„Drohende Lieferengpässe frühzeitig erkennen“

Christophe Koenig (Aurubis): „Wir passen unser global Risk Management immer wieder den neuen Marktverhältnissen an.“

Aurubis verarbeitet Metallkonzentrate und Recyclingrohstoffe. Das Hamburger Unternehmen ist in der Wiederverwertung von Kupfer weltweit die Nummer eins. Foto: Aurubis Aurubis verarbeitet Metallkonzentrate und Recyclingrohstoffe. Das Hamburger Unternehmen ist in der Wiederverwertung von Kupfer weltweit die Nummer eins. Foto: Aurubis

Christophe Koenig, Senior Vice President Commercial der Aurubis AG, gab dem BME folgendes Interview*:

Christophe Koenig (Foto: Aurubis)

Christophe Koenig (Foto: Aurubis)

BME: Was gehört zum Aurubis-Kerngeschäft?
Koenig:
Aurubis produziert aus Kupfer- und Metallkonzentraten sowie Recyclingmaterialien hochreines, hochwertiges Kupfer und viele weitere Metalle und Edelmetalle.. Altkupfer und diverse andere Recyclingmaterialien lassen sich so dem Wirtschaftskreislauf wieder zuführen. Pro Jahr stellen wir mehr als eine Million Tonnen börsenfähiger Kupferkathoden her. Die meisten davon werden im Konzern zu Gießwalzdraht, Spezialdraht, Stranggussformaten, Walzprodukten, Bändern und Profilen aus Kupfer und Kupferlegierungen weiterverarbeitet. Daneben erzeugen wir eine Reihe weiterer Produkte wie Schwefelsäure und Eisensilikat als Begleitprodukte der Kupferproduktion.

Wie organisieren Sie Ihren Rohstoffeinkauf?
Unsere Strukturen haben sich in den vergangenen Jahren verändert. So sind wir jetzt funktional aufgestellt. Die früheren Business Units auf Vorstandsebene gehören der Vergangenheit an. Damals gab es beispielsweise die Geschäftsbereiche „Primär“, „Recycling“ und „Kupferprodukte“. Zur BU Primär zählte der Einkauf von Primärrohstoffen, also die Kupferkonzentrate. In der BU Sekundär war der Einkauf von Recyclingmaterial angesiedelt. Heute ist im Bereich Commercial sowohl der Einkauf aller primären und sekundären Rohstoffe als auch der Verkauf von Kupferprodukten, Schwefelsäure, Eisensilikat und Metallen zusammengefasst.

Woher beziehen Sie Ihre Rohstoffe?
Unsere Primärrohstoffe, sprich Kupferkonzentrate, beziehen wir vorwiegend aus Ländern außerhalb Europas. Eine Ausnahme bildet lediglich das Aurubis-Werk in Bulgarien. In Pirdop, knapp 90 Kilometer von Sofia entfernt, verarbeiten über 850 Beschäftigte das aufbereitete Kupfererz zu hochreinen Kupferkathoden. Die Recyclingrohstoffe erhalten wir hingegen zu einem großen Teil aus Europa. Sie beziehen wir von industriellen Großkonzernen, regionalen Betrieben sowie von Unternehmen der Entsorgungswirtschaft und des Metallhandels.

Die Verfügbarkeit von Kupfer gilt langfristig als unkritisch. Haben Sie dennoch mögliche Engpässe im Blick?
Unsere Sourcing-Strategie ist darauf ausgerichtet, mögliche Lieferengpässe oder drohende Versorgungsdefizite frühzeitig zu erkennen und darauf gezielt zu reagieren.

Nutzt Aurubis die Beteiligung an ausländischen Minen als Instrument zur strategischen Rohstoffsicherung?
Nein. Die Beteiligung an ausländischen Bergbaugesellschaften ist nicht Teil unserer Rohstoffstrategie. Dieser Schritt hätte für Aurubis einen zu geringen Impact und würde zu viel Kapital binden. Unser Unternehmen hat sich für einen anderen Weg entschieden. So treten wir frühzeitig mit Minenprojektentwicklern in Kontakt und begleiten sie. Das hilft uns später bei anstehenden Lieferverhandlungen. Beim Abschluss der Verträge achten wir auf möglichst lange Laufzeiten bis zu zehn Jahren. Dadurch verringern wir die Abhängigkeit vom Spotmarkt.

Spielen Offtake Agreements für Sie eine Rolle?
Durchaus. Wir bieten den Minenbetreibern bei der Realisierung ihrer Bergbauprojekte verschiedene Lösungen an. Angesichts zahlreicher unkalkulierbarer Risikofaktoren gibt es eine Reihe von Rohstoffprojekten, die sich gar nicht oder nur schwer finanzieren lassen. Deshalb müssen Offtaker gefunden werden, die das vom Kunden gewünschte Minenprodukt – in unserem Falle sind das Kupferkonzentrate – verarbeiten können. Wir haben mehrere Standorte, die alle ihre individuellen Stärken haben. Durch ihre Kombination können wir auch für komplexe Rohstoffe optimale Verarbeitungsprozesse anbieten – das macht uns als Offtaker attraktiv.

Setzen Sie noch andere Instrumente zur Rohstoffsicherung ein?
Ja, wir nutzen ungebundene Finanzkredite, sogenannte UFK. Sie werden von der Bundesrepublik garantiert und schützen die Fremdkapitalgeber vor politischen und wirtschaftlichen Kreditausfall-Risiken. Dadurch unterstützen sie die Fremdfinanzierung förderungswürdiger Rohstoffprojekte im Ausland. Voraussetzung für eine UFK-Garantie ist der Abschluss eines Vertrages zwischen dem ausländischen Lieferanten und einem deutschen Unternehmen. Wir haben in den vergangenen sechs Monaten drei neue langfristige Versorgungsverträge abgeschlossen, die mit einem UFK verbunden sind.

Kommen Einkäufergemeinschaften oder Rohstoffallianzen für Aurubis infrage?
Beide Instrumente sind unserer Meinung nach praktisch nicht implementierbar. Das zeigte sich bei der mittlerweile aufgelösten RA Rohstoffallianz GmbH – einem Zusammenschluss mehrerer deutscher Unternehmen, dem auch Aurubis angehörte. Ihr Ziel war es, die Versorgung der deutschen Wirtschaft mit strategisch wichtigen Rohstoffen sicherzustellen. Allerdings ließen sich die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Firmen nicht unter einen Hut bringen. Dennoch war die Rohstoffallianz nicht umsonst. Sie hat vielmehr den Weg für zahlreiche Zukunftstechnologien geebnet und den Dialog zwischen Industrie und Politik vorangetrieben.

Erschweren die zahlreichen internationalen politischen Krisen das Aurubis-Rohstoffgeschäft?
Politische und wirtschaftliche Risiken waren schon immer Teil unseres Geschäfts. Deshalb können wir damit umgehen und unser global Risk Management immer wieder den neuen Marktverhältnissen anpassen. Allerdings spüren auch wir den wachsenden politischen Einfluss Chinas in einzelnen Rohstoffsegmenten. Die Volksrepublik ist der weltweit größte Nachfrager von Rohstoffen..  Im Kupfermarkt machen Chinas Minenkapazitäten weniger als 10 Prozent der weltweiten Kapazitäten aus. Die Schmelzkapazitäten belaufen sich jedoch auf rund 40 Prozent des Weltmarkts. Damit gehört China zu den größten Nachfragern nach Kupferrohstoffen und hat dementsprechend einen großen Markteinfluss.

Welchen Stellenwert hat das Aurubis-Recyclingzentrum in Lünen für die Rohstoffstrategie des Konzerns?
In Lünen bei Dortmund befindet sich unser Recyclingzentrum. Mit modernsten Recyclingtechniken erfolgen hier die effiziente Aufbereitung heterogener Recyclingrohstoffe sowie die ressourcenschonende und umweltfreundliche Wiedergewinnung einzelner Metalle. Rund 600 Mitarbeiter stellen dort Kupferkathoden und Begleitprodukte her.

Aber auch an allen anderen Standorten setzen wir Sekundärrohstoffe ein. Konzernweit werden jährlich etwa 700.000 Tonnen Recyclingrohstoffe unterschiedlichster Beschaffenheit und Zusammensetzung verarbeitet. Mehr als ein Drittel unseres Kupfers produzieren wir aus Recyclingmaterialien.

Hat die digitale Transformation Einfluss auf die strategische Rohstoffsicherung bei Aurubis?
Im Moment kann ich noch nicht erkennen, dass Industrie 4.0 unsere Versorgungssicherheit bei Rohstoffen erhöht. Allerdings dürfte die digitale Transformation dazu beitragen, dass die Kosten entlang der Lieferkette sinken. Das industrielle Internet der Dinge wird auch unsere Planungssicherheit verbessern. Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir künftig noch besser und vor allem schneller wissen, welche Rohstoffe und welche Produkte wann, wo und in welcher Qualität auf den verschiedenen Verkehrswegen unterwegs sind. Industrie 4.0 wird mittel- bis langfristig sowohl den Einkauf als auch den Verkauf beflügeln, digitale Beschaffungs- und Vertriebsplattformen zu entwickeln.

Hat die Rohstoffstrategie der Bundesregierung Einfluss auf Ihre Beschaffungsaktivitäten?
Angebotsengpässe, Handelsverzerrungen, drastische Preisanstiege sowie politische Einflüsse erschweren unsere Versorgungssituation sowie den Zugang zu bestimmten Rohstoffen. Hier setzen die UFK-Garantien des Bundes an, die auch Aurubis den Zugang zu Rohstoffen im Ausland erleichtern. Auch die von der Bundesregierung abgeschlossenen Rohstoffpartnerschaften, beispielsweise mit Chile und Peru, sind politische Willenserklärungen, die eine Rahmen vorgeben und uns helfen.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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