10.03.2021 //

„Einbruch und Erholung waren bemerkenswert“

Der Rohstoff-Experte der Commerzbank, Daniel Briesemann, blickt auf ein ereignisreiches Rohstoffjahr zurück und wagt einen Ausblick auf 2021.

Trotzt erfolgreich dem Brexit: Der elektronische Börsenhandel an der Londoner Metallbörse LME läuft auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens reibungslos. Foto: LME Trotzt erfolgreich dem Brexit: Der elektronische Börsenhandel an der Londoner Metallbörse LME läuft auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens reibungslos. Foto: LME

Daniel Briesemann, Abteilungsdirektor und Rohstoff-Analyst der Commerzbank AG, Frankfurt, gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: Commerzbank AG

Fotoquelle: Commerzbank AG

BME: War das Rohstoffjahr 2020 wegen Corona ein Besonderes?
Briesemann:
Mit Blick auf die üblichen Marktvolatilitäten war 2020 ein normales Jahr. Die Preisausschläge hielten sich von Januar bis Dezember im Rahmen. Außergewöhnlich war allerdings der im Frühjahr durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie in China verursachte Einbruch der Rohstoffnotierungen. Ebenfalls bemerkenswert war deren darauffolgende starke Erholung. Sie führte unter anderem dazu, dass sich der Kupferpreis seit seinem Tief im März mittlerweile fast verdoppelt hat.

Die ausgelassene Stimmung an den Finanzmärkten hat den Metallpreisen nach ihrem Absturz im Frühjahr zu einem Höhenflug verholfen. Spiegelt das die tatsächliche Situation von Angebot und Nachfrage wider?
Zunächst haben sich vor allem spekulative Finanzinvestoren die euphorische Stimmung zu eigen gemacht und sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Ihr Verhalten hat die Preisanstiege verstärkt. Diese Anleger sorgen meistens für kurzfristige Aufschläge. Spekulanten sind ausschließlich auf den schnellen Dollar oder auf die Rendite aus. Dieses Verhalten hat allerdings nichts mit Angebot und Nachfrage zu tun. Im Gegensatz zu den Finanzinvestoren hat die Corona-Krise für die Industrie große Auswirkungen auf die Preisentwicklung bei Rohstoffen gehabt.

Wie war es um Angebot und Nachfrage in den Metallmärkten 2020 bestellt?
An allen internationalen Metallmärkten ist die Nachfrage im vergangenen Jahr wegen der Pandemie zum Teil deutlich gesunken. Lediglich Kupfer stellt eine Ausnahme dar. Eine noch stärkere Überversorgung der Märkte wurde durch staatlich verhängte Shutdowns in mehreren Minen Lateinamerikas sowie durch eine generelle Drosselung der Produktion verhindert. Viele Marktteilnehmer waren stark auf die Schließung wichtiger Bergbaustandorte fokussiert. Dabei blendeten sie häufig die zumeist schwache Nachfrageseite aus.

Ist 2021 trotz Überversorgung bei den meisten Industriemetallen mit steigenden Preisen zu rechnen?
Es lohnt sich hierbei, nicht nur den Jahresdurchschnitt unserer Prognosen zu betrachten, sondern auch auf den von mir abgebildeten Quartalsverlauf zu schauen. Danach bin ich für den Verlauf des ersten Halbjahres relativ optimistisch, erwarte aber im dritten und vierten Quartal eine Abkühlung. Ein Beispiel: Den Kupferpreis sehe ich im ersten und zweiten Quartal 2021 bei 7.500 beziehungsweise 8.000 US-Dollar je Tonne. Für das dritte und vierte Quartal lautet meine Preisprognose 7.500 beziehungsweise 7.300 US-Dollar je Tonne.

Worauf stützt sich Ihr Optimismus?
Meinen Optimismus für die ersten sechs Monate des neuen Jahres beziehe ich aus der Hoffnung, dass sich die Corona-Krise dank vorhandener Impfstoffe entspannt, die Wirtschaft wieder Fuß fasst und die Nachfrage, insbesondere nach Industrierohstoffen, anzieht. Dieser Trend sollte dann auch den Preisen eine gewisse Unterstützung geben. Wenn sich die Marktteilnehmer in der zweiten Jahreshälfte wieder stärker auf Angebot und Nachfrage fokussieren, dürften sie feststellen, dass viele Märkte weiter überversorgt sind und die hohen Preise nicht rechtfertigen. Dann sollte eine gewisse Ernüchterung einsetzen und die Preise dämpfen.

Die Corona-Krise fordert auch industrielle Einkäufer heraus. Haben Sie einen Rat parat?
Die Corona-Krise hat gar nicht so viel verändert. Das berichten auch viele unserer Industriekunden. Es gab zwar Monate am Handelstisch, die von einer extrem regen Aktivität geprägt waren. Jedoch führe ich das auf die Volatilität der Preise zurück. Diese Schwankungen gab es auch schon vor Ausbruch der Pandemie. Wir raten unseren Kunden immer wieder, die Märkte genau zu beobachten und unterstützen sie beim Rohstoff-Risikomanagement im Bereich Risikoanalyse. Nur wer Transparenz über die eigene Wertschöpfungskette hat, kann die entsprechenden Risiken identifizieren und absichern. Dies beinhaltet zudem, dass sogenannte Sekundärrisiken wie Währungskurse, Energie-, Transport- und Logistikkosten sowie relevante Verpackungsmaterialien bei der Absicherung von Rohstoffrisiken berücksichtigt werden. Mit Blick auf die Minimierung der finanziellen Risiken unserer Kunden raten wir ihnen, ihre Bedarfe zu hedgen. Denn: Wer nicht absichert, spekuliert. Industrieunternehmen interessieren sich nicht für die Rendite beziehungsweise das schnelle Geld, sondern für das Hedging.

Wie bewerten Sie den Einfluss spekulativer Finanzinvestoren auf die Preisentwicklung bei Rohstoffen?
Spekulanten haben sich im Markt etabliert und sind Teil des daily business. Sie konnten ihren Einfluss in den vergangenen Jahren, vor allem im Tagesgeschäft, beträchtlich ausbauen. Mit Blick auf längerfristige Marktbewegungen dominieren Angebot und Nachfrage beziehungsweise Fundamentaldaten. Der Einfluss spekulativer Finanzanleger muss von zwei Seiten betrachtet werden: Einerseits stellen sie dem Markt durch ihr Agieren eine beträchtliche Menge an Liquidität zur Verfügung. Andererseits führt ihr Verhalten oftmals zu Marktverwerfungen – und das in beide Richtungen. Analysten fällt es deshalb nicht immer leicht, den Markt zu bewerten.

Könnte der wiedererwachende Rohstoffhunger Chinas 2021 die Preise befeuern?
Ja, durchaus. Die größte Volkswirtschaft Asiens verfügt selbst nicht über genügend eigene Vorkommen und muss deshalb weiter Rohstoffe auf dem Weltmarkt einkaufen. Ich rechne im ersten Halbjahr – und hier vor allem nach dem Neujahrsfest im Frühjahr – mit einer regen, vor allem saisonal bedingten Nachfrage in China. Eine überdurchschnittlich starke Nachfrage erwarte ich in diesem Jahr allerdings nicht, weil das Land bereits 2020 beträchtliche Rohstoffmengen importiert hat. Die Chinesen haben wie so oft in der Vergangenheit die niedrigen Preise im Frühjahr für sich genutzt und sind auf Schnäppchenjagd gegangen. Dabei kauften sie fast alles ein, was ihnen in die Finger kam. Mein Eindruck ist, dass sie über Bedarf gekauft und viele Mengen an Rohstoffen auf Halde gelegt haben.

Kann China schon bald wieder seine Rolle als Lokomotive der globalen Konjunktur spielen?
Die chinesische Volkswirtschaft befindet sich in einem Strukturwandel und will insbesondere dem Dienstleistungssektor größeren Raum geben. Es kommen verstärkt neue Technologien zum Einsatz. Auch der Umweltschutz spielt eine größere Rolle als früher. Diese Entwicklungen sind mit einer steigenden Rohstoffnachfrage verbunden. Ob China – wie vor der Corona-Krise – schon bald wieder als Katalysator für die Weltwirtschaft wirken kann, bleibt allerdings abzuwarten.

Beeinflusst der Brexit den Handel an der Londoner Metallbörse?
Bisher gibt es keinerlei Einschränkungen – weder für uns noch für die Kunden. Zumal der Handel rein elektronisch verläuft. Die physische Anwesenheit der Marktteilnehmer vor Ort ist daher nicht unbedingt erforderlich. Allerdings bleibt auch für die LME ein Restrisiko, da der Ausgang der Nachverhandlungen zwischen der EU-Kommission und der Regierung Johnson ungewiss ist.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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