„Einkäufer und Lieferanten vor großen Herausforderungen“

Der CPO der Deutschen Bahn, Uwe Günther, sprach am Dienstag auf dem 6. Railway Forum in Berlin. Die Leitkonferenz der Bahnindustrie steht 2019 unter dem Motto „Digital und automatisiert: Die Zukunftsagenda der Mobilitätsbranche“.

Uwe Günther, Einkaufschef der Deutschen Bahn (im Bild), formulierte für seinen Bereich ehrgeizige Ziele: "Wir wollen eine World Class Procurement Organization werden." Foto: Frank Rösch/BME e.V. Uwe Günther, Einkaufschef der Deutschen Bahn (im Bild), formulierte für seinen Bereich ehrgeizige Ziele: "Wir wollen eine World Class Procurement Organization werden." Foto: Frank Rösch/BME e.V.

„Einkauf und Lieferanten der Deutschen Bahn stehen vor großen Herausforderungen.“ Das sagte Uwe Günther, Chief Procurement Officer der Deutsche Bahn AG (DB), am Dienstag auf dem 6. Railway Forum* in Berlin. Die alle zwei Jahre stattfindende Leitkonferenz der Bahnindustrie ist Treffpunkt der Mobilitätsbranche in Deutschland, an der 2019 mehr als 140 Aussteller und 1.400 Gäste bis Mittwoch teilnehmen.

Die Bahn habe sich vor wenigen Wochen eine neue Dachstrategie gegeben. „Deutschland braucht eine starke Schiene und Deutschland bekommt eine starke Schiene“, so Günther in Anspielung auf die jüngsten Beschlüsse des Klimakabinetts. Mit dieser Dachstrategie werde die DB ihrer Verantwortung gerecht, die Schiene in Deutschland zu stärken, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen und die wachsenden Personen- und Warenströme pünktlich und sicher an ihr Ziel zu bringen.

Die neue Strategie sei auch „eine große Herausforderung für unsere Beschaffungsorganisation“, betonte Günther. Die ehrgeizigen Ziele der DB ließen sich nur mit leistungsfähigen und zuverlässigen Lieferanten erreichen. Dazu bedürfe es neuer strategischer Partnerschaften und einer digitalen Steuerung der gesamten Supply Chain. Günther: „Wir haben den Anspruch, bei den Lieferanten in ihre Produktionsabläufe zu schauen und gemeinsam effiziente Wege für die Gestaltung des End-to-End-Gesamtprozess zu finden. Wir sprechen dabei auch von einem geschlossenen No-Touch-End-to-End-Prozess, den wir von der Beschaffung bis zur Buchhaltung treiben wollen.“

Zum Supplier-Netz der Deutschen Bahn gehörten viele hervorragende Lieferanten. Leider gebe es aber auch immer wieder Ausreißer. So sei er es leid, sich über Terminverzögerungen zu ärgern, fehlenden Zertifikaten oder unzureichenden Zulassungsdokumenten nachzujagen, kritisierte der DB-Einkaufschef, in dessen Bereich mehr als 1.300 Personen als Qualitätsingenieure, Techniker, IT-Spezialisten sowie als operative und strategische Einkäufer arbeiten.

Ein kritischer Punkt seien für den DB-Einkauf die stehenden Fahrzeuge. Um diesen Engpass zu überwinden würden „mehr Kapazität und mehr Fahrzeuge“ benötigt. Es gebe immer wieder Züge, die aufgrund fehlender Ersatzteile nicht einsatzbereit seien. „Das muss der Vergangenheit angehören“, erklärte Günther. Die Versorgungssicherheit lasse sich erhöhen, wenn entsprechende Mitteln innerhalb der Supply Chain – möglichst digital – stärker eingesetzt würden. Seine Organisation sei bereit, einen Beitrag zur Überwindung aller operativen Schwächen zu leisten.

Der DB-Einkauf habe sich das Ziel gesetzt, eine World Class Procurement Organization zu werden. Günther: „Dazu unterziehen wir uns regelmäßig einem externen Benchmark und messen uns an den führenden internationalen Mobilitätsfirmen – auch außerhalb des Eisenbahnsektors.“ Dabei stünden die Kategorien Strategie und Umfeld, organisatorische Ausrichtung, Einkaufsprozesse, funktionsübergreifende Zusammenarbeit und das Lieferantenmanagement im Mittelpunkt. Zurzeit laufe wieder ein Benchmark. Er sei sich sicher, dass die Beschaffung der DB im Professionalbereich abschließen werde, so CPO Günther weiter. Das Ziel „World Class Procurement Organization“ werde der DB-Einkauf nur gemeinsam mit seinen Lieferanten erreichen.

Der DB-Einkauf bewältige mit mehr als 18.000 Lieferanten im Jahr ein großes Marktumfeld. Der Bereich konzentriere sich bewusst auf Systemanbieter mit eisenbahntechnischem Know-how. „Wir versuchen, hohe Bündelungsraten zu erzielen und langfristige Rahmenverträge mit unseren Suppliern abzuschließen“, erläuterte Günther. Damit gebe die Beschaffung dem Partner durch Zusagen über Mindestabnahmen und technische Kriterien die Sicherheit, dass die Deutsche Bahn als zuverlässiger Kunde im Markt agiere. Von den 18.000 Lieferanten haben der DB-Einkauf mit 620 Lieferanten 80 Prozent seines jährlichen Beschaffungsvolumens in Höhe von 16 Milliarden Euro realisiert.

„Die Digitale Schiene ist ein revolutionäres Konzept“, so Alexander Doll, Vorstand Finanzen, Güterverkehr und Logistik der Deutschen Bahn, dem als CFO auch der Einkauf untersteht. Bisher wurde an einem bestehenden System rumgedoktert. Das was mit der Digitalen Schiene passiert, ist ein revolutionärer Sprung in ein begrenztes System deutlich mehr Kapazität reinzubekommen. Das kann man durch den Ausbau, die Modernisierung und die effizientere Nutzung der Infrastruktur erreichen, aber auch durch Investitionen in Rollmaterial und Mitarbeiter. Mit Blick auf die Ausbaustrategie der Bahn nannte Doll drei Schwerpunkte. „Robuster“ bedeuteten künftig mehr Trassen, Züge und Mitarbeiter. „Schlagkräftiger“ heiße einfache Aufstellung, klare Abläufe und so Doll „gemeinsames Anpacken“. „Moderner“ umfasse einen schnelleren Takt, eine stärkere Vernetzung und ein smarterer Service.

Im Rahmen des Programms „Starke Schiene“ plant die Bahn mit ihren mehr als 318.000 Beschäftigten zwischen 2019 und 2023 Bruttoinvestitionen von insgesamt 67 Milliarden Euro. Davon entfallen auf den Personenverkehr ca. elf Milliarden Euro. Im Fernverkehr der Bahn solle die Schienenfahrzeugflotte bis 2024 um 229 neue Züge ausgebaut werden: 137 neue ICE 4, 69 IC 2 und 23 neue Züge der Firma Talkog. Im Regionalverkehr seien ebenfalls die Beschaffung neuer Fahrzeuge sowie der Werkausbau vorgesehen. Die vorhandene Kapazität soll dort bis zum Jahr 2030 durch Ausweitung und Modernisierung der Flotte um bis zu 30 Prozent steigen.

Der Sektor Transport und Logistik – Doll nannte hier Cargo und Schenker – werde mit weiteren vier Milliarden Euro ausgebaut. Der Güterverkehr werde durch die Beschaffung von Lokomotiven und Güterwagen gestärkt werden. Insbesondere bei der DB Cargo sollen mehr als 100 neue Multisystem-Lokomotiven eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um elektrische Schienenfahrzeuge, die ihre Antriebsenergie über mindestens zwei verschiedene Bahnstromsysteme per Oberleitung und/oder Stromschiene beziehen können. Zudem sollen die IT-Systeme der Bahn laut Doll von der Standardisierung und Automatisierung von Prozessen profitieren.

Der größte Betrag – rund 52 Milliarden Euro – verwende die Bahn zur Verbesserung ihrer Schieneninfrastruktur. Konkret gehe es um die Modernisierung und Erweiterung des Netzes sowie die Beschaffung moderner Führungs- und Steuerungstechnik. Zudem sollen vor allem kleine und mittlere Bahnhöfe in den einzelnen Bundesländern erneuert werden.

Doll nannte auch Zahlen zum externen Gesamteinkaufsvolumen der DB AG, das 2018 rund 35 Milliarden Euro betragen habe. Zum Vergleich: Der Konzern erwirtschaftet ein jährliches Umsatzvolumen von 45 Milliarden Euro.

„Der Mobilitätssektor befindet sich in einem grundlegenden Umbruch. Die zurückliegende IAA und die zahlreichen Diskussionen und Konflikte, die auf der Messe offen zutage traten, bestätigen dies“, sagte Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI). Die Automobilbranche habe die Deutungshoheit für Mobilität verloren und suche selbst nach Orientierung. Sie schwanke zwischen individueller Mobilität und neuen gemeinschaftlichen Mobilitätskonzepten, zwischen Verbrennungsmotoren und Elektromobilität, zwischen PS-Boliden und Klimazielen. Ziesemer: „Selbstgewissheit war gestern.“ Es gebe zahlreiche Faktoren, die die Mobilität neu definierten. Dazu zählten die steigende Nachfrage und die damit verbundene Überbeanspruchung der Verkehrsinfrastruktur – beispielsweise in Städten, auf Autobahnen, aber auch bei der Bahn –, die zunehmende Urbanisierung, die Anforderungen und Möglichkeiten  der Digitalisierung und nicht zuletzt der Klimaschutz.

Der ZVEI-Präsident stellte in diesem Zusammenhang drei Thesen vor: „Wir brauchen einen deutlich stärkeren Schienenverkehr, um die Klimaschutzziele im Verkehrssektor zu erreichen. Das Klimakabinett tut gut daran, den Schienenverkehr endlich stärker fördern zu wollen – eine Maßnahme, die überfällig ist und nun zügig umgesetzt werden muss.“ Durch die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene sowie durch Effizienzsteigerungen könnten CO2-Emissionen in bedeutender Höhe vermieden werden. Doch auch das sei nicht einfach.

Die Schienenverkehrstechnik ist laut Ziemer „teilweise in einem beklagenswerten Zustand und in großen Teilen veraltet. Der Bau digitaler Stellwerke kommt seit Jahren kaum voran.“ Nach wie vor fehle die Voraussetzung für das European Train Controll System (das ETCS ist ein Zugbeeinflussungssystem und grundlegender Bestandteil des zukünftigen einheitlichen europäischen Eisenbahnverkehrsleitsystems ERTMS. ETCS wurde bereits 1996 von der EU als europaweiter Standard definiert soll langfristig die über 20 verschiedenen Zugbeeinflussungssysteme in Europa ablösen.).

Der Schienenverkehr könne und müsse erheblich größeren Beitrag zur umweltfreundlichen Mobilität leisten. Doch dafür „muss endlich mehr investiert werden“, forderte Ziemer unter Verweis auf  das Zukunftsbündnis Schiene – einem Zusammenschluss aus Politik, Wirtschaft und Verbänden. Die Politik dürfe jetzt nicht länger zögern. Die Mittel aus dem Klimapaket sollten nicht zuletzt hier eingesetzt werden. Eine wesentliche Stellschraube für die Mobilitätswende sei die Elektrifizierung etwa durch den Antriebswechsel zur Elektromobilität und der Einstieg in eine Ökonomie mit Wasserstoff, der durch grünen Strom erzeugt werde.

Ziemers zweiter These zufolge sei ein geeintes und starkes Europa für die Mobilität der Zukunft .erforderlich, wenn „wir im Wettbewerb mit China bestehen wollen“. Die dritte These fordert neue Geschäftsmodelle in Deutschland und Europa für die Mobilitätsbranche. Daten und ihre Nutzung würden mit der Digitalisierung zu einem zentralen Bestandteil wirtschaftlichen Handelns. Für die Bahnindustrie gelte ähnlich wie auch für die Automobilbranche, dass sich Zulieferer immer mehr vom Komponentenlieferer zum Systemlieferanten entwickeln, die neben Hardware auch Software sowie digitale Dienstleistungen um die Produkte herum anbieten. Im Idealfall werde die Dienstleistung nicht mehr nur durch einzelne Anbieter, sondern durch die Kooperation von mehreren Unternehmen erbracht. Erst dann könne ein intelligenter Datenaustausch im gesamten Mobilitätsökosystem seine Wirkung entfalten und die Kunden begeistern.

Zurzeit sei vielfach zu erleben, dass Investitionen in die Digitalisierung bestehender Geschäftsprozesse und Produkte fließen. Das sei gut, weil sich dadurch Effizienz und Kostenstruktur verbessern. In einem datenbasierten Wettbewerbsumfeld werde die Differenzierung über ein Produkt allein nicht mehr ausreichen. Damit deutsche und europäische Unternehmen an den Wachstumschancen des digitalen Wandels partizipieren können, müssen sie besser als bisher aus Daten neue Geschäftsmodelle entwickeln – und das in enger Abstimmung mit Kunden und Partnern. Auch die Bahnindustrie müsse sich aufmachen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Andernfalls bestehe das Risiko, selbst gute Marktpositionen mittelfristig zu verlieren. Isolierte Mobilitätsangebote seien dabei nicht der Königsweg. Sie erhöhten vielleicht die Effizienz im eigenen System, schaffen nach Ziemers Meinung aber keine ganzheitlichen Lösungen. An der Vernetzung mit Partnern und Kunden führe im digitalen Zeitalter kein Weg vorbei.

Zusammenfassend erklärte der ZVEI-Präsident: Die Schiene müsse gestärkt und modernisiert werden – auch im Hinblick auf die gestellten Klimaziele. Europa brauche eine einheitliche Digital- und Industriestrategie. Andernfalls drohe der Verlust von technologischer Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Schließlich müsse der Übergang in die Daten- und Plattformökonomie konsequenter erfolgen. Alle drei Herausforderungen berührten den Mobilitätssektor, der selbst im Umbruch stehe. Die Herausforderungen ließen sich meistern, das Potenzial sei da. Allerdings sei die Zeit knapp.

„Der Schiene 4.0 gelingt die Quadratur des Kreises. Wir können erstmals mehr Mobilität mit gleichzeitig null Emissionen verbinden“, betonte Dr. Ben Möbius, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) e.V. Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz, Elektromobilität, Batteriehybrid, Wasserstoff, modulare Konzepte, Lebenszyklusmodelle, intermodale Datenplattformen, Cyber Security seien Buzzwords aus dem Wörterbuch einer neuen Epoche der Mobilität. Die Macher dieser Mobilitätsrevolution seien die mehr als 50.000 Mitarbeiter in den Unternehmen der deutschen Bahnindustrie.

Die deutsche und europäische Bahnindustrie könne clean Mobility 2030 liefern. Das Erfolgsgeheimnis dafür sei freier und fairer Wettbewerb.

*Vom 6. Railway Forum in Berlin berichtete Frank Rösch, BME

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: