05.12.2013 //

„Einsparungen in der Tasche haben“

Einkaufsexperte Horst Crombach, Saint-Gobain, im BME-Interview

Benutzung zu Online-Bewerbungszwecken frei Crombach: "Die Bedeutung des indirekten Einkaufs für den Geschäftserfolg des gesamten Unternehmens wird noch nicht überall erkannt." Foto: Saint-Gobain

„Strategien der Kostenoptimierung für den indirekten Einkauf“ und „Talentmanagement in der Beschaffung“ standen im Mittelpunkt des 3. Euregionalen Einkäufertreffens in Maastricht. Zu den mehr als 130 Kongressteilnehmern gehörte auch Horst Crombach, Purchasing Director der Compagnie de Saint-Gobain/Zweigniederlassung Deutschland in Aachen. Die Redaktion des BME-Mitgliedermagazins "BIP – Best in Procurement" fragte ihn, wie sein Unternehmen mit diesen wichtigen Zukunftsthemen umgeht:



Wie ist Ihr Einkauf strukturiert?
Der Baustoffhersteller Saint-Gobain gehört heute zu den 100 größten Unternehmen in Europa. Hauptfirmensitz ist Paris. Unsere Unternehmensgruppe ist weltweit in 64 Ländern vertreten – fünf davon befinden sich in meiner Region Mitteleuropa. Die Dachorganisation des Einkaufs „Saint-Gobain Achats“ wird von unserem CPO geleitet. Von der französischen Hauptstadt aus steuern Category Manager unsere weltweiten Procurement-Aktivitäten. Ihre Aufgabe ist das Zusammenstellen, Überprüfen und Optimieren von Warengruppen.

Wie organisieren Sie Ihren Einkauf?
Unser Unternehmen ist in vier Hauptsparten aufgeteilt. Dazu zählen Innovative Werkstoffe, Bauprodukte, Baufachhandel und Verpackung. Innerhalb dieser Bereiche gibt es Einkaufsorganisationen, die vor allem für den direkten Einkauf zuständig sind. Als Einkaufsdirektor der Generaldelegation Mitteleuropa bin ich verantwortlich für den Koordinierung des Einkaufs in Deutschland, Österreich und Benelux. Dazu gehört auch der komplette indirekte Einkauf. Entsprechend einer typischen Matrixorganisation ist es die Aufgabe der Einkaufsdirektoren der Hauptsparten und auch der Delegationen, die in Paris definierte Einkaufsstrategie  zu unterstützen und in die einzelnen Einkaufsbereiche zu übertragen.

Woraus besteht Ihr indirekter Einkauf?
Wir fassen darunter alle Materialien, die nicht-produktionsbezogene Prozesse unterstützen. Dazu zählen unter anderem Telefonie (Festnetz und Mobilfunk), Tablett-Computer und Geschäftsreisen. Um Kosten zu sparen, haben wir ein Reisebüro ausgewählt, welches unsere kompletten Reiseaktivitäten koordiniert. Des weiteren haben wir i Rahmenverträge mit Fluggesellschaften und Hotels abgeschlossen. Dabei kooperieren wir insbesondere mit dem Hotel Reservation Service HRS. Marketingleistungen, Werbeartikel und Drucksachen sowie persönliche Schutzausrüstungen für die Beschäftigten gehören ebenfalls zu den Kategorien des  indirekten Einkaufs, die der Delegationseinkauf verhandelt. Größter Unternehmensposten ist das Fuhrparkmanagement. Wir haben 2.400 Pkw in Deutschland, 1.100 in Benelux und weitere 150 Autos in Österreich. Für diesen Fuhrpark verhandelt der Delegationseinkauf in Aachen mit den Fahrzeugherstellern und Leasinggesellschaften. Für die operative Verwaltung des Fuhrparks haben wir Competence Center Fleet gegründet, die ebenfalls dem Einkauf zugeordnet sind.

Strategisches Ziel des indirekten Einkaufs ist die Kostensenkung. Wie geht Saint-Gobain dabei vor?
Ein wichtiger Stellhebel zur Kostendämpfung im indirekten Einkauf ist das Bündeln von Beschaffungsaktivitäten, die sich zentral und möglichst auch länderübergreifend bearbeiten lassen. So streben wir zurzeit im Mobilfunkbereich an, von unserem Vertragspartner in den Niederlanden die gleichen günstigen Konditionen wie von  demselben Partner in Deutschland zu erhalten. Nach erfolgreicher Vertragsunterzeichnung kontrollieren wir dann sehr genau, ob die Vereinbarung auch von unseren Tochtergesellschaften im Alltagsgeschäft umgesetzt wird. Wir wollen am Ende „die Einsparungen in der Tasche“ haben. Es geht nicht darum, nur ein Stück Papier zu unterschreiben.

Betrachten Sie den indirekten Einkauf als kleinen Bruder des direkten Einkaufs?
Wir unterscheiden zwischen fünf großen Beschaffungskategorien: Zur ersten Kategorie zählen die Produktionsmaterialien, darunter auch Verpackungen. Als zweite und dritte Kategorie folgen die Investitionen bzw. der Energiebereich. Die vierte Kategorie bilden Transport und Logistik, die fünfte Kategorie entfällt auf den indirekten Einkauf. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen spielt der indirekte Einkauf bei uns eine entscheidende Rolle. Sein Beschaffungsvolumen beträgt weltweit 3,5 Milliarden Euro. Von stiefmütterlicher Behandlung des indirekten Einkaufs kann angesichts dieser Volumina keine Rede sein. Bereits 2001 starteten wir das Projekt „Procure“ – zusammengesetzt aus den Worten Procurement und Reengeneering. Unser Ziel war es, alle Allgemeinkosten, die sogenannten General Expenses, zu definieren und zu clustern. Gleichzeitig bestimmten wir Category Manager. Die Bedeutung des indirekten Einkaufs für den Geschäftserfolg des gesamten Unternehmens wird noch nicht überall erkannt. Wir sind hier schon sehr weit vorangekommen.

Welche Beschaffungsinstrumente kommen im indirekten Einkauf zum Einsatz?
Mithilfe eigener Tools führen wir sowohl regelmäßige Ausschreibungen bei immer wiederkehrenden Bedarfen als auch elektronische Auktionen durch. Das hat u.a. den  Vorteil, dass auch die Kollegen in Paris einen Blick auf unsere lokalen Aktivitäten werfen können.

Das Thema „Talentmanagement“ kam in Maastricht auch zur Sprache. Wie gehen Sie damit um?
Es fällt uns nicht leicht, an gut qualifizierten Einkäufernachwuchs heranzukommen. Probleme bereitet uns die derzeitige Altersstruktur im Unternehmen. Von 125 Saint-Gobain-Einkäufern in Deutschland sind viele bereits über 50 Jahre alt. Hier müssen wir schnell etwas tun. Allerdings ist es momentan schwierig, geeignete Nachwuchseinkäufer in ausreichender Zahl und Güte zu rekrutieren. Sie sind einerseits relativ teuer am Markt, andererseits entspricht ihre Qualität nicht immer unseren Erwartungen. Deshalb haben wir vor einem Jahr ein eigenes Trainee-Programm ins Leben gerufen. Wir stellten eine Nachwuchseinkäuferin mit  MBA-Studienabschluss ein, die ein 18-monatiges Trainee-Programm erfolgreich absolvierte. Dazu war sie jeweils ein halbes Jahr an drei verschiedenen Unternehmensstandorten und wurde sowohl im Tagesgeschäft als auch an einem konkreten strategischen Einkaufsprojekt ausgebildet. Des weiteren hat sie alle Saint-Gobain internen Einkaufsseminare besucht. Aufgrund der guten Erfahrungen mit dieser Aktion werden wir im Februar 2014 den nächsten Trainee einstellen.

Auf BME-Young-Professionals-Veranstaltungen wächst der Anteil junger Einkäuferinnen. Können Sie diesen Trend bestätigen?
Ja. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich. Wir hatten für unser erstes Trainee-Auswahlverfahren 80 Bewerbungen, darunter jeweils zur Hälfte männliche und weibliche Einkäufer. Wir haben uns letztlich für eine Frau entschieden. *Das Interview führte Frank Rösch, BME.

 

Der 3. Euregio Purchasing Congress (EPC) führte Einkäufer aus dem Dreiländereck Deutschland, Niederlande und Belgien in Maastricht zusammen. Mehr als 130 Beschaffungsprofis waren der Einladung der drei Partnerorganisationen Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME Region Aachen), Vereniging voor Inkoop en Bedrijfslogistiek (VIB Belgien) und Nederlandse Vereniging voor Inkoop Management (NEVI Niederlande) in die Aula der Universität Maastricht gefolgt. Der 4. Euregio Purchasing Congress ist für Herbst 2015 geplant.
 

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