„Ende des Booms nicht in Sicht“

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank AG: "Die deutsche Konjunktur dürfte sich dank des Niedrigzinsumfeldes auch in den nächsten 18 Monaten auf einem relativ hohen Niveau bewegen."

Von Herbst-Blues keine Spur: Die deutsche Wirtschaft wächst weiter. Foto: pixabay.com Von Herbst-Blues keine Spur: Die deutsche Wirtschaft wächst weiter. Foto: pixabay.com

 

 

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt und Leiter Volkswirtschaft & Research der HSH Nordbank AG, gab dem BME folgendes Interview*:

Wo steht die deutsche Wirtschaft im Sommer 2017?
Die Konjunktur läuft glänzend. Die Kapazitäten der Unternehmen sind gut ausgelastet. Das zeigt sich auch am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote betrug im Juli lediglich 5,6 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit 1991. Ein weiterer Beleg für die schwunghafte Konjunktur ist die fieberhafte Fachkräfte-Suche vieler Firmen. Die deutschen Exporte laufen dank einer sich wieder auf breiter Front erholenden Weltwirtschaft ebenfalls gut. Dieser aktuelle Trend der Weltwirtschaft lässt sich mit einem Airbus A380 vergleichen. Das Flugzeug verfügt über vier Turbinen: die eine steht für die USA, die nächsten für die Eurozone, China und die Emerging Markets. Gegenwärtig laufen alle vier Turbinen wenn nicht hochtourig, so zumindest rund. Selbst wenn eine der vier Turbinen ins Stottern geriete, würde das Flugzeug kaum an Höhe verlieren. Vor allem Deutschland als exportorientiertes Land profitiert von der aktuell günstigen Entwicklung.

Zu welcher Bewertung kommen Sie in Ihrem Konjunktur-Ausblick?
Mittelfristig sind die Aussichten für die deutsche Volkswirtschaft weiterhin gut. Ein Ende des Booms scheint zumindest vorerst nicht in Sicht. Unsere Konjunktur dürfte sich dank des Niedrigzinsumfeldes auch in den nächsten 18 Monaten auf einem relativ hohen Niveau bewegen. Für etwas Gegenwind könnte allerdings der wieder erstarkende Euro sorgen. Sorge bereitet mir die anhaltende Investitionszurückhaltung der öffentlichen Hand.

Worin sollte stärker investiert werden?
Zuallererst in die Bildung. Dieser Sektor benötigt mehr Personal, also konkret mehr Lehrer und mehr Erzieher im häufig unterschätzten Bereich der frühkindlichen Erziehung. Dies ist auch wichtig, um die Integration der Flüchtlinge  intensiver vorantreiben zu können. Stärker investiert werden müsste meiner Ansicht nach auch in die Infrastruktur. Es fehlen unter anderem Breitbandnetze. Sie brauchen wir aber, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch der Zustand der Verkehrswege muss wieder besser werden. Am fehlenden Geld kann es nicht liegen, denn die staatlichen Steuereinnahmen sprudeln zurzeit kräftig.

Wie stehen Sie zur kontrovers geführten Debatte um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse?
Die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse betragen gegenwärtig rund neun Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes und sind damit außergewöhnlich hoch. Das Problem ist nicht, dass deutsche Unternehmen so viel exportieren und Produkte Made in Germany weltweit so beliebt sind. Vielmehr geht es darum, dass wir die von uns erwirtschafteten Überschüsse im Ausland anlegen und damit Verluste einfahren. Es ist wie bei einem Zwei-Sterne-Koch, dessen Geschäft bombig läuft: Die Gäste speisen opulent mit tollem Wein und köstlichen Gerichten. Zum Schluss sagen aber einige Restaurantbesucher zum Wirt, dass sie erst Ende des Jahres bezahlen wollen. Andere vertrösten ihn auf zwei Jahre und wieder andere prellen die Zeche. In einer ähnlichen Situation befindet sich Deutschland. Unsere Wirtschaft hat seit 2001 immer größere Bilanzüberschüsse erzielt und das Geld im Ausland angelegt und in diesem Zeitraum rund 600 Milliarden Euro verloren. Besser wäre es, dies im Inland zu tun. Wenn wir an unserem Standort mehr investieren, geht der Leistungsüberschuss automatisch zurück. Das Wachstum würde darunter nicht leiden.

Wie sehr schaden „Dieselgate“ und „Autokartell“ dem Standort Deutschland?
Beide Affären stellen für mich eher kurzfristige Probleme dar. Sie können aber durchaus ein Katalysator sein, um den notwendigen Strukturwandel in der Automobilindustrie voranzutreiben. Ich glaube nicht, dass wegen der jetzt anstehenden Kartellrechtsverfahren die gesamte Branche ins Straucheln gerät. Eine Stolperfalle sehe ich eher durch Tesla. Das US-amerikanische Unternehmen hat kürzlich die Serienproduktion seines Elektroautos vom Typ „Model 3“ aufgenommen und will bis Ende 2018 rund 500.000 Fahrzeuge vom Band laufen lassen. Das ist eine große Herausforderung für die deutsche Automobilindustrie.

Hat das Image „Made in Germany“ Kratzer abbekommen?
Wenn es den deutschen Automobilbauern gelingt, ein hochwertiges Elektroauto mit guter Reichweite zu entwickeln, dürfte der jüngste Skandal schon bald vergessen sein. Dann strahlt auch die Marke „Made in Germany“ wieder in altem Glanz. Es gibt aber auch Gefahren für die deutsche Wirtschaft. Wenn sich die Branche nicht berappelt, stehen 800.000 Jobs in der Automobilindustrie auf dem Spiel. Dazu kommen noch 700.000 Arbeitsplätze aus dem Zulieferbereich. Insgesamt sind demnach 1,5 Millionen Beschäftigte tätig. Ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung beträgt rund sieben Prozent. Kommt es hier zu Produktionsrückgängen und Absatzeinbrüchen, wird man das im Bruttoinlandsprodukt richtig spüren. Das kann sogar eine Rezession auslösen.

Sie bescheinigen Europa „gute Aussichten“. Was macht Sie so sicher, dass die Konjunkturkurve auch in den nächsten Monaten weiter nach oben zeigt?
Die Volkswirtschaften der Euro-Zone wachsen mittlerweile auf breiter Front. Es gibt nicht mehr das asymmetrische Verhältnis, wonach nur die Konjunktur-Lokomotive Deutschland vorausfährt und die anderen mühsam hinterherkommen. Das ist sehr erfreulich und erschwert es den Populisten, Fuß zu fassen beziehungsweise ihre Mehrheiten auszubauen. Die Stimmung in der Euro-Zone hat sich spürbar verbessert. Noch vor fünf Jahren war das anders. 2012 wurde vor dem Hintergrund der einsetzenden Rezession von vielen spekuliert, ob die Euro-Zone in sechs Monaten überhaupt noch Bestand haben würde. Heute ist das Vertrauen der meisten Investoren deutlich gewachsen, dass die Währungsunion auch in zehn Jahren noch existiert. Die Eurozone hat damit als Investitionsstandort wieder deutlich an Attraktivität gewonnen.

Was sagen Sie zu den schleppenden Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel?
Der geplante Ausstieg Großbritanniens aus der EU verläuft chaotisch. Wenn man überhaupt eine Strategie identifizieren kann, dann ist es die Kopf in den Sand-Strategie. Damit ist eine große Unfallgefahr verbunden. Die britische Regierung hat offensichtlich Schwierigkeiten, eigene Verhandlungsmandate zu definieren. Sie sollte sich langsam klar werden, was sie will. Die ersten beiden Verhandlungsrunden mit Brüssel sind daher auch weitestgehend ergebnislos verlaufen. Die Briten müssen aufpassen, dass sie nicht weiter so viel Zeit verstreichen lassen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich das Kabinett May überwirft und es wieder zu Neuwahlen kommt. Dies würde erneut Zeit kosten. März 2019 klingt weit weg. Zu diesem Zeitpunkt muss der Brexit erfolgen.  Zuvor aber muss der Vertrag zwischen EU und Großbritannien noch den einzelnen Regierungen der Europäischen Union vorgelegt und von deren Parlamenten ratifiziert werden. D.h. der Vertrag muss bereits im Herbst 2018 stehen. Würde der Termin nicht eingehalten, wäre das der härteste Brexit, der passieren kann. Darunter hätte neben Großbritannien selber vor allem die Exportnation Deutschland zu leiden. Das Vereinigte Königreich gehört neben China, Frankreich, den USA und den Niederlanden zu unseren fünf wichtigsten Handelspartnern. Allein im deutschen Maschinen- und Anlagenbau entfallen zehn Prozent der Ausfuhren auf Großbritannien. Viele deutsche Branchenunternehmen haben zudem Produktionsstätten in UK. Dies alles stünde zur Disposition.

Ist beiden Seiten der Ernst der Lage bewusst?
Der EU-Kommission sicherlich, im Falle Großbritanniens habe ich meine Zweifel. Dort scheint noch nicht jedem der verantwortlichen Politiker klar zu sein, wie schnell die Uhr tickt und wie groß deshalb der Handlungsbedarf ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen für das Vereinigte Königreich bislang nicht so gravierend gewesen sind. Vieles wurde vom schwachen britischen Pfund aufgefangen. Allerdings hat sich das Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr bereits verlangsamt; auch die Kaufkraft der Verbraucher ist gesunken.

2007 begann die Finanz- und Wirtschaftskrise. Ein einmaliges Ereignis?
So etwas kann sich immer wiederholen und lässt sich nie ausschließen. Dennoch glaube ich, dass in der Folgezeit viel getan wurde. Dank einschneidender staatlicher Regulierungsmaßnahmen stehen heute viele Banken sowohl in den USA als auch in der Eurozone deutlich besser da als noch vor zehn Jahren. In der Euro-Zone gab es 2008 beispielsweise keine einzige Institution, die Leistungsbilanzkrisen beziehungsweise Verschuldungskrisen hätte stabilisieren können. Heute gibt es dafür den Europäischen Stabilitätsmechanismus, kurz ESM. Die europäische Zentralbank verfügt mittlerweile ebenfalls über ganz andere geldpolitische Instrumente als noch vor einer Dekade.

Das Instrument der Stresstests hat sich ebenfalls bewährt?
Ja, ich glaube schon. Stresstests wirken wie ein Katalysator und beschleunigen gegebenenfalls erforderliche Bankenschließungen oder Bankenabwicklungen. Das hat man in Portugal, in Italien, in Spanien gesehen. Durch Stresstests lassen sich auftretende Probleme im Bankensektor frühzeitig erkennen. Und das ist gut so.

Kann ein, wie Sie kürzlich formulierten, „ungewohnt orientierungsloses Nordamerika“ die sich weiter stabilisierende Konjunktur in der Eurozone auf Dauer gefährden?
Die Politik der neuen US-Administration ist nur schwer nachvollziehbar. Die größte Gefahr für die Euro-Zone geht meiner Meinung nach von möglichen protektionistischen Maßnahmen der Trump-Regierung aus. Das würde deutliche Spuren hinterlassen. Hier scheint der neue  Mann im Weißen Haus auch nicht lockerzulassen. Gleich in den ersten Wochen seiner Amtszeit kündigte er das kurz vor der Ratifizierung stehende Transpazifische Partnerschaftsabkommen TPP. Damit hat Trump meiner Meinung nach ein klassisches Eigentor geschossen und die nicht an TPP beteiligten Chinesen unnötig stark gemacht. Denn eigentlich sollte mit dem Abkommen ein strategisches Gegengewicht zur größten Volkswirtschaft Asiens aufgebaut werden. Das ist durch Trump verhindert worden. Jetzt wird das seit 1994 bestehende NAFTA-Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA neu verhandelt. Hier muss abgewartet werden, was dabei für alle beteiligten Länder herauskommt. Davon betroffen sind auch deutsche Interessen. So produzieren deutsche Autobauer schon seit langem in Mexiko. Sie nutzen die Vorteile grenzüberschreitender Lieferketten. Die Gefahr eines US-amerikanischen Protektionismus ist real. Schließlich kann Trump auch Zölle unter Umgehung des Kongresses festlegen.

Kommt der Umbau der chinesischen Wirtschaft voran?
Das traditionelle Wachstumsmodell Chinas beruhte auf Exporte und Investitionen. Die Folge waren eine extrem niedrige Konsumquote und Überkapazitäten, teilweise in Form leer stehender Großstädte. Dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und in China setzte ein Strukturwandel ein. Die Exportüberschüsse gingen zurück und die Bauinvestitionen verloren an Dynamik. Das Wachstum ging zurück, was angesichts des Raubbaus an der Natur in Form vergifteter Gewässer und gesundheitsgefährdender Luftverschmutzung zu begrüßen ist. Ich habe jetzt allerdings den Eindruck, dass dieser Umbau stockt. Die hohen Wachstumszahlen von knapp sieben Prozent im ersten und zweiten Quartal sind ein Zeichen dafür, dass die Volksrepublik doch wieder auf das alte Wachstumsmuster zurückgefallen ist, wonach der Staat sehr viel investiert. Das ist angesichts der schon bestehenden Überkapazitäten keine gesunde Entwicklung. Je länger dieses Wachstum hoch bleibt und durch staatliche Investitionen gestützt wird, desto größere Sorgen müssen wir uns machen. Hinzukommt, dass der Unternehmenssektor hoch verschuldet ist. Die Verschuldungsquote liegt aktuell bei 160 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und ist damit so hoch wie in keinem anderen Schwellenland.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME.

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