„Erleben eine ausgeprägte Schwächephase“

DekaBank-Chefvolkswirt Kater: „Der seit fast zehn Jahren andauernde Aufschwung zeigt erste Ermüdungserscheinungen.“

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DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: DekaBank

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BME: Der EMI ist im Januar erstmals wieder unter die 50-Punkte-Referenzlinie gefallen. Was sagt das über den Zustand der Industrieproduktion?
Kater:
„Der seit fast zehn Jahren andauernde Aufschwung zeigt erste Ermüdungserscheinungen.“ Es gibt aber keinen Hinweis auf einen konjunkturellen Absturz, denn die Binnenkonjunktur erweist sich weiter als stabile Stütze. Das gilt sowohl für Deutschland als auch für die europäischen Volkswirtschaften. Das heißt aber nicht, dass eine technische Rezession in Teilen der EU, einschließlich in Deutschland, ausgeschlossen wäre. Dazu würde es kommen, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Mittlerweile ist die deutsche Konjunktur in eine flache Seitwärtsbewegung eingetreten. Nochmal: Das ist keine klassische Rezession, sondern eine ausgeprägte Schwächephase.

Laut IfW ist die „deutsche Wirtschaft immer noch überausgelastet“. Hat das Institut Recht?
Für mich ist das eher ein Grund, warum es nicht weiter nach oben gehen kann. Schließlich sind Industrie und Arbeitsmarkt annähernd ausgelastet. Das wiederum behindert die Expansionspläne der Unternehmen. Die Firmen wissen, dass sie für neue Projekte keine zusätzlichen Arbeitskräfte bekommen werden. Deshalb können die Investitionen nicht steigen. Ich sehe in der Überauslastung der Industrie vielmehr eine natürliche Bremse; sie tritt ein, wenn die maximale Kapazitätsgrenze erreicht wurde.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann rechnet mit einer „längeren Wachstumsdelle“. Sie auch?
Es wird holprig bleiben. Wir erleben die Belastungsfaktoren für die deutsche Wirtschaft schon ein Jahr lang. Ich nenne Stichworte wie Grippewelle, Streiks und heißer Sommer sowie die anhaltenden Probleme der Automobilbranche. Zwar sehen wir für das zweite Quartal 2019 erste Erholungseffekte, aber es ist doch alles sehr zäh. Sollte es zum „harten Brexit“ kommen, könnte sich die Lage zuspitzen. Dann würde sich die Kette von Negativfaktoren noch verlängern. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn sich das Thema bald klärt und es zu einem geregelten Austritt Großbritanniens aus der EU kommt, fällt ein Krisenherd weg. Trotzdem ist nicht allzu viel für die deutsche Konjunktur drin – weder in diesem noch im kommenden Jahr.

Kann der drohende „harte Brexit“ die deutsche Wirtschaft in die Rezession treiben?
Angesichts der bisher erkennbaren Belastungsfaktoren kann ein solcher Effekt im zweiten und dritten Quartal 2019 durchaus zu einer Verlängerung der ohnehin vorhandenen temporären Wachstumsdelle führen. Das ist aber auf mittlere Konjunktursicht nicht von Bedeutung. Europa als Ganzes ist zu groß, um von einem harten Brexit massiv beeinträchtigt zu werden. Gleichzeitig ist der Außenhandelspartner Großbritannien zu klein, um nicht selbst massiv von dem Außenhandelsschock eines harten Brexit getroffen zu werden. Auf Seiten der EU würde es zwar Abriebeffekte beim Wachstum geben, die allerdings so gering sind, dass sie das europäische BIP nicht unter null drücken würden.

Der Global Risks Report 2019 des WEF sieht die Welt in einem „katastrophalen Zustand“. Wie bewerten Sie den Status quo der Weltwirtschaft?
Davos hat erkannt, dass sich die Welthandelsordnung so wie bisher nicht länger halten lassen. Ich teile die dort beschriebenen Risiken, vermisse aber Antworten des WEF auf die zentrale Frage „Was machen wir denn jetzt?“. Mir fehlen die Ansätze zur Lösung der im Global Risks Report genannten Probleme. Unabhängig davon kühlt sich die Weltkonjunktur weiter ab. Die rückläufige globale Nachfrage ist neben den politischen Risiken der wesentliche Faktor, der uns zu schaffen macht. Denn die deutsche Binnennachfrage ist nach wie vor intakt. Der Außenbeitrag hat unsere Wirtschaft bereits 2018 voraussichtlich sechs Zehntel Wachstum gekostet. In diesem Jahr dürfte das nicht anders sein. Das sinkende Interesse an Waren und Dienstleistungen „Made in Germany“ hat allerdings auch etwas mit der rückläufigen Wirtschaftsleistung Chinas und dem Umbau des chinesischen Geschäftsmodells zu tun.

Der globale Abschwung beeinflusst auch die Rohstoffpreise. Können industrielle Einkäufer 2019 mit weiter sinkenden Notierungen rechnen?
Die Preisausschläge sind 2018 vor allem am Rohölmarkt deutlich geworden. Hier könnte in diesem Jahr eine Beruhigung eintreten, wenn es nicht zu politischen Spannungen im Nahen Osten kommt. Ansonsten rechnen wir eher mit volatilitätsdämpfenden Effekten. Deshalb ist unser Rohstoffausblick nicht dramatisch. Wir sehen keine weiteren Preiseinbrüche, sondern erwarten vielmehr eine Stabilisierung, insbesondere im Rohölbereich. Dort könnte sich der Preis für ein Barrel der Nordseesorte langfristig um die Marke von 70 bis 80 US-Dollar einpendeln. Trotz nachlassender globaler Wirtschaftskraft bleibt die Rohstoffnachfrage stabil. Gleichzeitig weiteten die Minenbetreiber ihre Produktion und damit das Marktangebot nicht aus. Angesichts der konjunkturellen Gegebenheiten ist aber auch klar: Der Beginn eines neuen Superzyklus ist nicht in Sicht. Deshalb gehen wir für 2019 von einer fortgesetzten Seitwärtsbewegung der Rohstoffpreise aus.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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