„Erwarte keine langanhaltende und tiefe Rezession“

HWWI-Direktor Henning Vöpel: „Die deutsche Wirtschaft steckt nicht im tiefen Tal. Es gibt weiter hohe Vollbeschäftigung und der Dienstleistungssektor ist noch robust.“

Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: HWWI

Fotoquelle: HWWI

BME: Wie gefährlich können die politischen Krisen der globalen Konjunktur werden?
Vöpel: Wir haben es mittlerweile nicht mehr mit einer robusten Weltwirtschaft zu tun, sondern mit einer sich abschwächenden, in Teilen sogar auch rezessiven Konjunktur. Die geopolitischen Risiken beginnen jetzt stärker mit der sich eintrübenden Konjunktur zu interagieren. Solange diese gut lief, nahmen die Marktteilnehmer das zur Kenntnis und widmeten sich ihren Geschäften. Jetzt befinden wir uns in einem neuen Zustand der Fragilität, weil die geopolitischen Risiken auf eine rezessive globale Wirtschaft treffen. Diese Bad News werden ganz anders aufgenommen und in den Investitions- und Produktionsentscheidungen der Unternehmen berücksichtigt als zuzeiten des Aufschwungs.

Haben die unter Druck stehenden politischen Institutionen Einfluss auf den Konjunkturverlauf?
Wir erleben gerade die nächste Phase einer sich neu sortierenden Weltordnung. Viele politische Institutionen geraten immer mehr unter Druck und verlieren bei den Bürgern an Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Dieser Trend hat historische Dimensionen. Es findet eine geopolitische Verschiebung der Weltwirtschaft statt. Das wird am Beispiel der WTO sichtbar.

Die Welthandelsorganisation wird nicht mehr von allen Staaten akzeptiert. Gemeinsame Handelsregeln werden infrage gestellt. Auch die Europäische Union und die Eurozone stehen in der Kritik. Zudem gibt es Zweifel an der Unabhängigkeit der Geldpolitik. Alles in allem ist das schon ein kritischer Moment.

Könnte ein realer Brexit die Konjunkturprognosen platzen lassen?
Unser Haus geht weiter davon aus, dass der Brexit weitgehend kontrolliert ablaufen wird. Wir glauben auch, dass der Handelskonflikt zwischen China und den USA nicht weiter eskaliert und uns ein Platzen der Blase auf dem Anleihemarkt erspart bleibt. Dennoch sind die Ansteckungsgefahren für die Volkswirtschaften nicht zu unterschätzen.

Trotz zahlreicher internationaler Krisen haben sich die Märkte bisher gut gehalten. Ist die Lage besser als die Stimmung?
Die Märkte haben sich an das tägliche Auf und Ab ein wenig gewöhnt. Man kann Entscheidungen nicht täglich revidieren. Zur Beruhigung trägt die aktuelle Geldpolitik der EZB teil. Die meisten Marktteilnehmer wissen, dass sie nicht richtig tief fallen können. Sie agieren wie in einem abgesicherter Krisenmodus. Erwartet wird nicht der ganz große Knall, viele sehen aber, dass es in die falsche Richtung geht. Daraus entsteht die derzeit zu beobachtende Melange aus Stimmung und Lage.

Rechnen Sie mit einer baldigen Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China?
Ich glaube, dass dieser Konflikt länger andauern wird. Denn es geht nicht allein um Zölle und Vergeltungszölle, sondern um die neue geopolitische und auch technologische Machtverteilung. Das ist ein ganz anderes Spiel als sich nur um Handelsgewinne zu streiten. Ich erwarte keine Eskalation des Handelsstreits, weil letztlich die Abhängigkeit zwischen den USA und China zu groß ist. Dafür dürfte der Konflikt meiner Einschätzung nach weder im nächsten noch im übernächsten Jahr beendet sein, weil das Kräftemessen Teil des Spiels ist. Damit bleiben uns die Marktvolatilitäten, insbesondere im Rohstoffsektor, erhalten.

Wie steht es um die deutsche Wirtschaft?
Deutschland hat sich nach zehn Jahren Daueraufschwung lange Zeit für unverwundbar gehalten. Jetzt aber kommen die Einschläge näher. Das hat nicht nur mit konjunkturellen und geopolitischen Risiken, sondern zunehmend auch mit strukturellen Problemen etwas zu tun. Die Wirtschaft befindet sich in einer technischen Rezession. Allerdings steckt sie nicht im tiefen Tal. Es gibt weiter hohe Vollbeschäftigung und der Dienstleistungssektor ist noch robust. Deshalb können wir noch nicht von einer echten Rezession sprechen, sondern eher von einer Delle. Es ist auch völlig klar, dass nach einer langen Phase der Hochkonjunktur jetzt eine Abschwächung folgt. Wenn sich die geopolitischen Risiken nicht materialisieren, dürfte die Investitionsbereitschaft der Unternehmen wieder steigen. Ich erwarte keine langanhaltende und tiefe Rezession. Vielmehr ist im Laufe des nächsten Jahres eine moderate Stabilisierung denkbar.

Die Ökonomen von DIW, IfW und RWI sind sich einig, dass die wirtschaftliche Schwäche nur durch ein langfristig angelegtes Investitions- und Innovationsprogramm überwunden werden kann. Sind Sie auch dieser Ansicht?
Ich halte ein langfristig angelegtes Investitionsprogramm für sinnvoll – allerdings mehr aus strukturellen und wachstumspolitischen Gründen als aus konjunkturellen. Deutschland hat sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor großen Investitionsbedarf. Darüber hinaus sehe ich auch einen Transformationsbedarf. Die Bildungseinrichtungen müssen reformiert, die digitale Infrastruktur vorangetrieben und die Industrie klimagerecht gemacht werden. In gesellschaftlich wichtigen Bereichen wie dem Bausektor, aber auch in Technologie und Forschung sind ebenfalls Investitionen erforderlich. Allerdings halte ich die konjunkturelle Wirkung eines solchen Programms für relativ überschaubar.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: