09.03.2020 //

„Erwarten für die Industrie relativ flachen Aufschwung“

IHS Markit-Konjunkturexperte Ken Wattret: „Die Entwicklung des Welthandels hat auf die weiteren Aussichten des Verarbeitenden Gewerbes in den Deutschland den größten Einfluss.“

IHS Markit versorgt Unternehmen der wirtschaftlich bedeutendsten Branchen und Märkte sowie Finanzinstitutionen und Regierungen mit erfolgskritischen, zukunftsentscheidenden Informationen, Analysen und Lösungen. Foto: pixabay.com IHS Markit versorgt Unternehmen der wirtschaftlich bedeutendsten Branchen und Märkte sowie Finanzinstitutionen und Regierungen mit erfolgskritischen, zukunftsentscheidenden Informationen, Analysen und Lösungen. Foto: pixabay.com

Ken Wattret, Chief European Economist von IHS Markit in London, gab dem BME folgendes Interview*: 

Foto: IHS Markit

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BME: Die deutsche Industrie hat das Jahr 2019 mit einer schwachen Performance abgeschlossen. Erwarten Sie ein kurzfristiges Ende des Abschwungs?
Wattret:
Die deutsche Industrie dürfte aus einer Reihe von Gründen weiter zu kämpfen haben. Das liegt unter anderem an der Art der Güter, auf deren Herstellung sich die größte Volkswirtschaft der Eurozone spezialisiert hat, nämlich vor allem Automobile und Investitionsgüter. Die Automobilindustrie befindet sich in einem radikalen Wandel, der die Nachfrage der Verbraucher nach traditionellen Fahrzeugen beeinträchtigt. Gleichzeitig dämpft die hohe Unsicherheit hinsichtlich der wirtschaftlichen Aussichten derzeit die allgemeine Nachfrage nach hochpreisigen Produkten und Maschinen – und das sowohl bei Verbrauchern als auch bei Unternehmen. Die Wachstumsraten der Investitionen waren in der Zeit nach der Krise weltweit vergleichsweise verhalten. Dies dürfte sich angesichts der zahlreichen Unsicherheiten in den Prognosen auch weiterhin fortsetzen.
Die deutsche Industrie hat viele Vorteile, nicht zuletzt die seit Mitte der 2000er-Jahre nachhaltig verbesserte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern der Eurozone. Doch solange sich die konjunkturellen Aussichten weltweit nicht deutlich verbessern, bleibt es für sie schwer.

Ist bereits eine Wende in Sicht?
Einige Frühindikatoren haben sich in letzter Zeit positiver entwickelt, darunter die PMI-Zahlen von IHS Markit. Die vorausschauenden Indizes der PMI-Daten wie Auftragseingänge und Produktionserwartungen begannen im Herbst 2019 nach oben zu drehen. Mit einer Verzögerung von einigen Monaten geht dies normalerweise in die tatsächlichen Aufträge und die Produktion über. Allerdings ist eine gewisse zeitliche Perspektive erforderlich. Die Umfragedaten einschließlich der PMIs signalisieren lediglich, dass die Kontraktionsrate im Industriesektor abnimmt. Sie deuten noch nicht auf eine Expansion hin. Wir glauben jedoch, dass diese im Laufe des Jahres 2020 eintreten wird. Bisher haben das die Frühindikatoren noch nicht bestätigt, doch wenn der Aufschwung kommt, wird er wahrscheinlich relativ flach ausfallen.

Was fehlt Ihrer Meinung nach dem deutschen Verarbeitenden Gewerbe, um sich langfristig zu stabilisieren und auf den Wachstumspfad zurückzukehren?
Die Binnenkonditionen in Deutschland bleiben positiv. Das spiegelt sich beispielsweise in der sehr niedrigen Arbeitslosenquote wider. „Der wichtigste Einfluss auf die Aussichten des Verarbeitenden Gewerbes ist die Entwicklung des Welthandels.“ Die dortigen Frühindikatoren werden allmählich positiver; so auch der globale PMI-Auftragseingangs-Index. Dieser signalisiert allerdings ebenfalls noch keine Rückkehr zu einem Wachstum, sondern lediglich eine geringere Kontraktion.
Eine Belebung der Nachfrage nach Investitionsgütern ist ein wichtiges fehlendes Glied. Die weltweite Lockerung der Geldpolitik im vergangenen Jahr wird sich im Laufe der Zeit positiv auf das Wirtschaftsklima auswirken – normalerweise mit einer Verzögerung von etwa zwölf Monaten. Aber angesichts der durch so viele Unsicherheiten getrübten Geschäftsaussichten ist zu erwarten, dass das Investitionswachstum nur mäßig anziehen wird.
Eine dynamischere chinesische Wirtschaft wäre auch für Deutschland ein großer Pluspunkt, aber angesichts des eigenen wirtschaftlichen Gegenwinds in der größten Volkswirtschaft Asiens ist damit im Moment kaum zu rechnen. Doch je besser die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China (und auch den USA und Europa) werden, desto geringer wird die Unsicherheit sein. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Rückkehr zu Wachstum in den Jahren 2020-21. Die politische Situation in den USA lässt jedoch vermuten, dass die Handelsspannungen noch einige Zeit eine Quelle der Unsicherheit sein dürften.

Die Industrieproduktion im Euroraum hat ihren Abwärtstrend im Dezember nochmals beschleunigt. Wie hoch schätzen Sie die Rezessionsrisiken ein, die sie für die betroffenen Volkswirtschaften birgt?
Deutschland selbst flirtet angesichts des hohen Anteils seiner Industrie am Bruttoinlandsprodukt schon seit mehreren Quartalen mit der Rezession und ist um ein Haar an ihr vorbeigeschrammt). Ein wesentlicher Unterschied zwischen der aktuellen Situation in der Eurozone und früheren BIP-Rezessionen ist, dass die Geldpolitik sehr entgegenkommend ist und dies auch noch einige Zeit so bleiben wird.
Dennoch gibt es zwei Risiken, die genau zu beobachten sind und die industrieempfindliche europäische Volkswirtschaften in eine Rezession treiben könnten – und beide sind konsumentenbezogen. Das eine ist eine stärkere Auswirkung der schwächeren Produktion auf die Beschäftigung. Das andere ist ein anhaltender, angebotsbedingter Anstieg der Ölpreise. Beide würden die Verbraucherausgaben beeinträchtigen, die bisher der Lichtblick der Expansion waren.

Was bedeutet der Ausstieg Großbritanniens aus der EU für den Wirtschaftskreislauf des Vereinigten Königreiches und der Europäischen Union?
Das akute Risiko eines „No Deal“ hat sich mit dem revidierten Austrittsabkommen zwischen der EU und der britischen Regierung gefolgt vom Wahlergebnis zum britischen Parlament verringert. Das chronische Problem der Ungewissheit, wie die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU im Endeffekt aussehen werden, ist jedoch nicht verschwunden. Das Risiko hat sich lediglich auf das geplante Ende der Übergangsperiode im Dezember 2020 verschoben. Für exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland, die stark mit dem Vereinigten Königreich verbunden sind, ist dies ein anhaltendes Problem. Deutsche Produkte stellen den höchsten Anteil an den britischen Importen aus einem einzigen Land, und die schwache britische Nachfrage nach großen Konsum- und Investitionsgütern seit dem Referendum 2016 hat mit zum Einbruch der deutschen Industrie beigetragen.

Könnte ein unregulierter Brexit als Folge des Scheiterns der Verhandlungen zwischen Brüssel und London im schlimmsten Fall auch zu einem massiven Einbruch der Weltwirtschaft führen?
Sollte sich ein Handelsabkommen in diesem Jahr als unerreichbar erweisen und das Vereinigte Königreich aus der EU austreten, um ab Januar 2021 zu WTO-Bedingungen zu handeln, wäre dies ein sehr störendes Szenario für die europäische Wirtschaft und würde wahrscheinlich eine weitere Phase der Volatilität auf den Finanzmärkten auslösen.
Als gute Nachricht erweist sich die derzeitige Stärke der US-Wirtschaft und die Bereitschaft der dortigen Zentralbank, die Politik zu lockern, um die Abwärtsrisiken zu mindern. Dies war auch für die Schwellenländer, mit denen Deutschland ebenfalls über den Handel verbunden ist, hilfreich. Aber es gibt Grenzen, wie weit dies gehen kann. Da die US-Expansion bereits ungewöhnlich lange andauert, könnte eine größere Schockwelle aus Europa erhebliche negative Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft und die Finanzmärkte haben. Ein „massiver“ Abschwung ist wahrscheinlich eine Übertreibung. Es würde mehr als nur einen Ausstieg Großbritanniens zu WTO-Bedingungen erfordern, um eine massive globale Rezession auszulösen, auch wenn dies der Stimmung sehr abträglich sein würde.

Wie hoch schätzen Sie die Hoffnungen britischer Unternehmen ein, gestärkt aus dem Brexit hervorzugehen?
Für die britischen Hersteller stellt sich der wirtschaftliche Ausblick aktuell als sehr herausfordernd dar. Die Regierung in London scheint eine Strategie der regulatorischen Divergenz zu bevorzugen, die den Zugang britischer Exporteure zu den EU-Märkten wahrscheinlich einschränken wird. Erhöhte Handelsschranken mit dem wichtigsten Handelsgebiet des Vereinigten Königreichs werden zu erheblichen Störungen führen, insbesondere bei den heutigen stark verzahnten Lieferketten. Auch dem Dienstleistungssektor stehen schwierige Zeiten bevor und hier vor allem den Banken. Denn mit dem Brexit endet Großbritanniens freier Zugang zum EU-Finanzmarkt (Ende des ‘Passporting‘-Rechts).

Wie groß ist Ihrer Meinung nach der Einfluss politischer Krisen auf die Weltwirtschaft?
Die deutschen Exporteure leiden unter der Verunsicherung der Weltwirtschaft. Würde diese abnehmen, könnte sich die Nachfrage nach Gütern „Made in Germany“ erholen. Zollbedingte Spannungen und die Sorge um die Auswirkungen der Nahost-Konflikte auf die Ölversorgung sind zwei wesentliche Hemmnisse bei den aktuellen Investitionsentscheidungen. Es gibt viele andere Risiken, die ebenfalls eintreten könnten. Dennoch werden in unserem Basis-Szenario einige dieser Unsicherheiten allmählich verschwinden. Im Laufe der Jahre 2020-21 dürfte sich unserer Ansicht nach eine allmähliche Erholung abzeichnen.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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