11.05.2017 //

„Es fehlt der Glaube an die Nachhaltigkeit“

IKB-Konjunktur-Experte Dr. Klaus Bauknecht: "Das Vertrauen in nachhaltiges Wachstum, das die Grundlage von Investitionsentscheidungen bildet, ist erschüttert."

Foto: Artur Marciniec / Fotolia

Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf, im Interview mit dem BME:

Dr. Klaus Bauknecht

Dr. Klaus Bauknecht

Warum ist die Stimmung der deutschen Wirtschaft trotz guter Konjunkturdaten pessimistisch?
Von Pessimismus würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Vielmehr fehlt sowohl den Unternehmen als auch den Finanzmärkten der Glaube an die Nachhaltigkeit. Dadurch entsteht immer wieder Panik, wenn die Zahlen schlechter ausfallen als zuvor erwartet. Dabei können sich die Fakten durchaus sehen lassen: Wir erleben jetzt das vierte Jahr der konjunkturellen Erholung in der Euro-Zone, deren Bruttoinlandsprodukt seit 2014 per annum um über ein Prozent gestiegen ist. Diese Entwicklung kann vielleicht nicht als beeindruckend bezeichnet werden, dafür ist sie stabil. Auch liegt das BIP in der Euro-Zone mittlerweile weit über dem Vorkrisenniveau. Hätten Unternehmen und Märkte ein grundsätzlich größeres Vertrauen in die aktuelle Wirtschaftslage, wäre ihnen ein schlechter Konjunkturindikator egal. Der Glaube an die fehlende Nachhaltigkeit des Aufschwungs äußert sich auch im Investitionsverhalten vieler Firmen. Sie verkennen, dass unsere Volkswirtschaften zwar nicht schnell wachsen, dafür aber kontinuierlich. Aus diesem zögerlichen Verhalten wird deutlich: Das Vertrauen in nachhaltiges Wachstum, das die Grundlage von Investitionsentscheidungen bildet, ist erschüttert.

Angesichts stabiler Wirtschaftsdaten ist die „Wellblechkonjunktur“ also abgehakt?
Der von IW-Direktor Michael Hüther geprägte Begriff beschreibt kurzlebige und damit nicht nachhaltige Konjunkturerholungen. Auch der Grund für diese Wellblechkonjunktur ist mangelndes Vertrauen, das viele Investitionen verhindert. Dennoch erweisen sich die Wachstumsparameter für Deutschland als durchaus robust. Die IKB prognostiziert für 2017 und 2018 einen BIP-Anstieg von kalenderbereinigt 1,7 beziehungsweise 1,8 Prozent.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist demnach überstanden und aufgearbeitet?
Überstanden ja, aufgearbeitet nein. So ist bei der nachhaltigen Reduzierung der Staatsschuldenquoten innerhalb der Euro-Zone bis jetzt nicht viel passiert. Zwar wurde die Schuldenlast durch die Zinspolitik der EZB zum Teil deutlich reduziert, ein fundamental höheres Wachstum ist jedoch immer noch nicht  erreicht. Dennoch ist in Folge von Zinssenkungen, Sparanstrengungen und konjunktureller Erholung die Schuldenquote in der Euro-Zone im dritten Quartal 2016 leicht gesunken. Insbesondere in Krisenstaaten wie Spanien, Italien und Frankreich zeichnet sich eine Stabilisierung ab. Damit deutet sich eine Wende in der Staatsschuldenquote ab. Allerdings ist dieser positive Trend weniger auf Reformen zurückzuführen, sondern vor allem auf die anhaltend niedrigen Zinsen.

Also alles im Lot?
Keineswegs. Europa hat noch viele Probleme zu lösen. Es stehen Wahlen an, deren Ausgang entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der EU haben dürfte. Das jüngste Wahlergebnis in den Niederlanden lässt hoffen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, wie von vielen befürchtet. Dann ist da aber noch der Brexit, der politische wie auch konjunkturelle Risiken birgt. Hier müssen  die Gesprächsergebnisse zwischen Brüssel und London abgewartet werden. Aktuell scheint die EZB jedoch nicht genug Vertrauen in ihre Wachstumsprognosen bzw. in die Nachhaltigkeit der europäischen Erholung zu haben, um eine Zinswende kurzfristig in Aussicht zu stellen. Dafür sind ihr die bestehenden globalen Risiken offensichtlich zu groß.

Sie denken dabei an China?
Ja. Die dort zu beobachtende Entwicklung wird kontrovers diskutiert. Die einen meinen, dass die chinesischen Konjunkturindikatoren ganz gut aussehen. Die anderen kritisieren, dass sich seit dem Börsencrash im Reich der Mitte ökonomisch nichts verbessert habe. Wir glauben, dass die größte Volkswirtschaft Asiens weiterhin relativ stabil wächst – egal, ob nun mit vier oder sechs Prozent. Für Investitionsvertrauen ist letztendlich entscheidend, ob die Konjunktur einbricht oder nicht. Unserer Ansicht nach verfügt die politische Führung in Beijing über genügend Spielraum, um die nationale Fiskal- und Geldpolitik in ihrem Sinne zu steuern.

Wie bewerten Sie die neue US-Administration?
Meiner Meinung nach wird Präsident Donald Trump die US-Wirtschaft spätestens 2018 ankurbeln. Seine Aktionen mögen nicht nachhaltig sein. Aber wer so viel Geld in die Wirtschaft pumpen will wie er, dürfte zumindest das Unternehmer- und Konsumentenvertrauen kurzfristig stärken. Von der geplanten Reform des amerikanischen Steuersystems könnten sowohl die einheimischen als auch die vor Ort agierenden deutschen Firmen profitieren. Das gilt insbesondere für die Änderung der Unternehmenssteuer, die seit 30 Jahren nicht mehr angetastet wurde. Entscheidend wird sein, in welchem Maße Trump seine Vorschläge durch den Kongress bekommt und somit umsetzten kann.

Wie beurteilen Sie die Weltwirtschaft?
Alles in allem, auch vor dem Hintergrund der sich weiter stabilisierenden Emerging Markets, dürfte die globale Wirtschaft 2017 deutlich stärker zulegen als in den vergangenen zwei Jahren. Sie ist zudem in einer robusten Verfassung, da es viele Wachstumstreiber in der Weltwirtschaft gibt. Allerdings ist das Risiko im aktuellem Umfeld hoch.  

Industrie 4.0 ist in aller Munde. Bei Ihnen auch?
Wir beobachten das Internet der Dinge unter dem Aspekt des aktuellen Investitionsverhaltens unserer Industriekunden. Weite Teile der Wirtschaft haben die sich aus Industrie 4.0 ergebenden Wettbewerbsvorteile erkannt. Offen ist nur die Frage, wann in die digitale Vernetzung investiert werden soll. Viele Firmen, insbesondere Mittelständler zögern angesichts bestehender Konjunkturunsicherheiten ihre Entscheidung hinaus. Zu ihrer Ehrenrettung muss allerdings gesagt werden, dass sie schon heute global bestens vernetzt sind und ihre Produktionsprozesse ständig optimieren. Daher bedeutet die Digitalisierung für sie zwar eine neue technologische Herausforderung, aber keinen Neuanfang.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME.

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