28.05.2019 //

Global Sourcing: Mitteldeutsche Einkaufsleiter im Dialog

Quo vadis, Global Sourcing? Diese Frage stellten die BME-Regionen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Mittelpunkt ihres gemeinsamen jährlichen Einkaufsleitertreffens, zu dem die Organisatoren in diesem Jahr auf Schloss Breitenfeld in Leipzig luden. Die Resonanz war positiv.

3. Mitteldeutsches Einkaufsleitertreffen Die BME-Regionsvorstände Roland Löffler (Sachsen-Anhalt, ganz links), Elvira Buchholtz (Sachsen) und Nasko Dimitrow (Thüringen, ganz rechts) nehmen den inhaltlichen Organisator des 3. Mitteldeutschen Einkaufsleitertreffens, Prof. Holger Müller, in ihre Mitte. Fotos: Tobias Anslinger/BME

Global Sourcing – für viele Unternehmen war das in der Vergangenheit vor allem Einkauf in China. Viele Jahre galt die Volksrepublik als nahezu alternativlos für alle Unternehmen, die Kostenvorteile im Einkauf realisieren wollten. „Den China-Boom vergangener Jahre erleben wir nicht mehr so“, leitete Moderator Holger Müller, Professor für Supply Chain Management an der HTWK Leipzig in das 3. Mitteldeutschen Einkaufsleitertreffen* ein.

Entwicklungshilfe ist fehl am Platz

Die China-Alternative Indien beleuchtete Carolin Hambrügge, Geschäftsführerin GPS Procurement India, in ihrem Impulsreferat. Ähnlich wie China machte auch die größte Demokratie der Welt in den vergangenen Jahren eine Entwicklung vom „Low Cost Country“ hin zum Systempartner durch. Komplette Baugruppen anstatt einzelner Komponenten zu beschaffen, Nähe zum Lieferanten sowie Wertschöpfungsnetzwerke aufzubauen, seien die Gebote der Stunde. Und in Zukunft gehe es in Indien – auch weil politisch gefordert – noch viel stärker um Nachhaltigkeit, Local Content und Absatz – also nicht nur sourcen, sondern auch fertigen und verkaufen im Land.

Auch die Frage, ob die „Globalisierungskarawane“ weiterziehe und wohin, versuchte Hambrügge zu beantworten: „Lokal geht es im reinen LowCost Bereich weiter nach Afrika, mental sehen wir eine Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft in Indien. „Wir Deutschen machen immer noch vielfach den Fehler, Entwicklungshilfe leisten zu wollen. Diese Zeiten sind aber vorbei.“

Global Sourcing gegen die Produktivitätslücke

„Sonst stirbt der Osten aus.“ So lautete die provokante Antwort von Christoph Neuberg, stv. Hauptgeschäftsführer und Geschäftsführer Standortpolitik IHK Chemnitz auf die Frage, warum auch mittel- und ostdeutsche Unternehmen unbedingt global sourcen müssten. Natürlich lieferte Neuberg in seinem Vortrag aber auch eine etwas komplexere Antwort: Durch Beibehaltung einer Praxis, die vor allem auf Wertschöpfungsketten „rund um den eigenen Schornstein" setzt, werden u.a. Chancen zur Kostenoptimierung vergeben. In einem zunehmend globalen Wettbewerbsumfeld wird nur der langfristig erfolgreich bleiben, der die sich bietenden Chancen beherzt aufgreift. „Vorwärtsverteidigung“ im Global Sourcing würde insofern zur Pflicht, weil ostdeutsche Unternehmen dadurch Wachstum generieren, Wettbewerbsfähigkeit gewinnen und ihre Produktivität steigern könnten.

Immer noch liege die Produktivität ostdeutscher Betriebe 20 Prozent unter der der westdeutschen, und zwar unabhängig von der Unternehmensgröße. „Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen, dass der Auslandsumsatz westdeutscher Unternehmen rund 14 Prozent über jenem der ostdeutschen liegt. Meine Vermutung ist, dass sich mit höherer Internationalisierung auch der Produktivitäts-Gap schließen ließe“, so Neuberg. Einen Wermutstropfen, stellt in dieser Hinsicht der zunehmende Fachkräftemangel dar. Er wird immer mehr zu einem Wachstumshemmer. Aber auch hier weist Internationalisierung einen möglichen Ausweg. Ostdeutsche Unternehmen müssten sich in ihrem Fachkräfte-Recruiting verstärkt international orientieren.

Gebremste Internationalisierung, China weiterhin wichtig

Für die ökonomische sowie rechtliche Einordnung des Themas Global Sourcing an diesem Nachmittag sorgten Axel Lindner, Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomische Analysen und Prognosen am Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und Prof. Cornelia Manger-Nestler, Wirtschaftsrechtsprofessorin an der HTWK Leipzig.

Auch wenn es auf den ersten Blick verwundern mag: Axel Lindner zeigte anhand aktueller Zahlen auf, dass die Internationalisierung von Wertschöpfungsketten in Deutschland faktisch zum Stehen gekommen ist. Der Anteil der Vorleistungsgüter an deutschen Importen stagniere seit 2010. Als Gründe nannte er die steigenden Reallöhne in Asien, neue Formen des Protektionismus, zunehmende Finanzierungsrisiken globaler Wertschöpfungsketten sowie die Digitalisierung, die den Kostenfaktor „Arbeit“ zunehmend senke. „Ob sich allerdings die Globalisierungsprozesse ebenfalls verlangsamen, ist eine andere Frage“, so der Ökonom. Denn gleichzeitig steige seit 2012 der Anteil von Dienstleistungen am internationalen Handel stark.

Dass China als Sourcing-Markt insgesamt an Bedeutung verliere, sieht Lindner nicht: Die Zahlen zeigen, dass sowohl China und auch Mittel- und Osteuropa für deutsche Unternehmen weiterhin an Bedeutung für Vorleistungsgüter gewinnen würden.

„EU-Mitgliedsstaaten sollen nächsten Schritt machen“

Cornelia Manger-Nestler spannte in ihrem Referat den Bogen von den EU-Grundfreiheiten, über die Wirtschafts- und Währungsunion der EU bis hin zu Wirtschaftsbeziehungen der EU zu Drittstaaten. In ihrem Vortrag wurde deutlich, wie schnell man sich beim Global Sourcing durch den Dreiklang Nationalstaat – Europäische Union – Welthandelsordnung mit zunächst national anmutenden unternehmerischen Fragestellungen im Netz der internationalen Wirtschafts(rechts)politik verheddern kann.

Deutlich zeigte sie die Probleme der Europäischen Union in Wirtschaftsfragen auf: Die EZB interpretiere ihr Mandat extensiver als erwartet, das Europarecht sei zwar eine einheitliche, aber keine in sich konsistente Rechtsordnung und in vielen Fragen (z.B. Nachhaltigkeit) fehle es in der EU an einer gemeinsamen inhaltlichen Position. Ihr Plädoyer: „Die Mitgliedsstaaten sollten den nächsten Schritt zur gemeinsamen Wirtschaftspolitik wagen.“ Ansonsten würde die EU immer wieder an ihre rechtlichen Grenzen stoßen. „Wir brauchen andere Mechanismen“, so die Europarechtlerin.

Eine Podiumsdiskussion mit allen Impulsreferenten beschloss schließlich den offiziellen Teil des 3. Mitteldeutschen Einkaufsleitertreffens.

Global-Sourcing-Potenzial noch nicht ausgeschöpft

„Mit über 50 Teilnehmern war die Resonanz auf das Mitteldeutsche Einkaufsleitertreffen in diesem Jahr äußert zufriedenstellend“, betonten die BME-Regionsvorstände Elvira Buchholtz (Sachsen), Roland Löffler (Sachsen-Anhalt) und Nasko Dimitrow (Thüringen) unisono. „In den Vorträgen und der anschließenden Diskussion zeigte sich, wie wichtig Global Sourcing auch für die mitteldeutschen Unternehmen ist und welches Potenzial hier von vielen Einkäufern noch gar nicht ausgeschöpft wird.“

Einen besonderen Dank richteten die Vorstände an den Spiritus Rector der Veranstaltung, Prof. Holger Müller. „Global Sourcing ist ein so vielschichtiges Thema, es war schön, es an diesem Nachmittag von verschiedenen Seiten beleuchten zu können“, betonte der Hochschullehrer.

Gedenken an Gert Pfeilschmidt

Das 3. Mitteldeutsche Einkaufsleitertreffen stand auch im Gedenken an Gert Pfeilschmidt: Der langjährige Vorstandsvorsitzende der Region Sachsen war im Juli 2018 verstorben. Seine Aktivitäten und Initiativen in der Region wirken bis heute nach.

Bei einem gemeinsamen Abendessen ließen die Teilnehmer den informativen Nachmittag auf Schloss Breitenfeld ausklingen. Möglich, dass in geselliger Atmosphäre bereits erste internationale Sourcing-Strategien besprochen wurden.

*vom 3. Mitteldeutschen Einkaufsleitertreffen in Leipzig berichtete Tobias Anslinger, BME

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