08.11.2019 //

„Haben unser Rohstoffpreisrisiko im Griff“

Christian Reisenberg, Director Purchasing der RKW Group: „Die Absicherung von Warentermingeschäften ist für uns kein Thema, wenn nicht einer unserer Kunden das unbedingt möchte.“

Die in Frankenthal ansässige RKW Group ist auf die Herstellung von Polyolefinfolien spezialisiert. Foto: RKW Die in Frankenthal ansässige RKW Group ist auf die Herstellung von Polyolefinfolien spezialisiert. Foto: RKW

Christian Reisenberg, Director Purchasing der RKW Group, gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: RKW

Fotoquelle: RKW

BME: Wie organisieren Sie Ihren Einkauf?
Reisenberg: Ich leite den Einkauf der Unternehmensgruppe seit bald zehn Jahren. Der Einkauf besteht insgesamt  aus 40 Mitarbeitern, das Team mit dem ich eng zusammenarbeite, macht in etwa die Hälfte davon aus. Es realisiert die strategischen und operativen Beschaffungsprozesse der großen Spend Categories, zu denen vor allem die zur Folien- und Vliesproduktion benötigten industriellen Rohstoffe und Materialien gehören. Die Spend Categories werden von unseren Lead Buyern betreut. Ihre strategische Aufgabe ist es, den für uns wichtigen Polyolefin-Markt regelmäßig zu scannen und nach möglichen Savings und besseren Produkten Ausschau zu halten. RKW besitzt 20 Standorte rund um den Globus. Wir steuern den Einkauf von der Firmenzentrale in Frankenthal aus. Für gewisse Einkaufssachgebiete  können aber auch die RKW-Auslandsgesellschaften vor Ort sourcen. Bei einem Umsatz von rund 878 Millionen Euro beträgt unser jährliches Beschaffungsvolumen mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Welche Rohstoffe und Materialien kaufen Sie ein?
Unsere Produktpalette umfasst unter anderem Hygiene- und Agrarfolien, Folien für die Getränkeindustrie und Verpackungen für pulvrige Güter. Wir liefern aber auch Folien und Vliesstoffe für Medizinanwendungen, für die chemische und weiterverarbeitende Industrie sowie für den Bausektor. Dafür benötigen wir große Mengen an Polyolefinen. RKW verarbeitet jährlich rund 400.000 Tonnen Rohstoffe. Polyethylen und Polypropylen sind für uns die mit Abstand wichtigsten Rohstoffe. Wir kaufen aber auch recyceltes Polyethylen – der Fachmann spricht hier von Regenerat – sowie PE-Industrieabfallfolien ein. Daraus wiederum können wir selbst Regenerat  erzeugen. Die benötigten Tonnen ordern wir direkt bei den darauf spezialisierten Konzernen, die über ganz Europa verteilt sind.

Können Sie sich gegen Preisrisiken und -schwankungen beim Rohstoffeinkauf absichern?
Das ist theoretisch möglich. So gibt es beispielsweise Geschäftsbanken, die dem Einkäufer das Hedging von PE und PP anbieten. Die Absicherung von Warentermingeschäften ist für uns aber kein Thema, wenn nicht einer unserer Kunden das unbedingt möchte. Ein Beispiel: Eine Gießerei, die Aluminiumdruckguss herstellt, verkauft ihr Produkt niemals zu einem Festpreis an den Kunden. Das ist vielmehr ein Preis mit einem zusätzlichen Aluminiumzuschlag. Bei RKW ist es ähnlich. Unsere Verkaufspreise werden an die geltenden Marktpreise für PE und PP angepasst. Damit entfällt das Rohstoffpreisrisiko zum größten Teil, da wir uns sowohl auf der Kunden- als auch auf der Einkaufsseite parallel mit dem Markt bewegen.

Die zahlreichen Krisenherde rund um den Globus lassen den Rohölpreis heftig schwanken. Ist das auch für RKW ein Problem?
Vor rund vier Jahren ist der Rohölpreis von ungefähr 100 US-Dollar je Barrel auf 50, 60 Dollar gefallen. Das führte 2015 zu einer sehr guten Ertragslage bei unseren Lieferanten, denn die Preise für PP und PE sind nicht im gleichen Maße gefallen wie Brent oder WTI. Diese Korrelation ist seitdem durch die recht hohen Margen auf dem Markt für Polyethylen nicht mehr so erkennbar. Importe aus Regionen, in denen PE auch überwiegend gar nicht mehr aus Rohöl sondern Erdgas hergestellt wird, haben einen viel größeren Einfluss auf die Preise in Europa und Asien. Der Ölpreis wird erst dann wieder einen größeren Einfluss auf die europäischen Preise haben, wenn er das Band von etwa 50-70 Dollar pro Barrel, in dem er sich seit vier Jahren bewegt, deutlich nach oben durchstößt.

Spüren Ihre RKW-Auslandsstandorte die Auswirkungen des Handelsstreits zwischen den USA und China?
Durchaus. Der Handelskonflikt zwischen den USA und Chinabeeinflusst unser Geschäft viel stärker als der Rohölpreis. Aufgrund der günstigen geologischen Bedingungen sind die USA ein bedeutender Exporteur von Polyethylen. Davon sind beträchtliche Mengen für den asiatischen Markt, insbesondere für China, bestimmt. Denn dessen Rohstoffhunger, also auch sein Bedarf an PE, ist enorm. Polyethylen ist auch für die Volksrepublik der Massenkunststoff schlechthin. Wegen der Strafzölle stocken die PE-Lieferungen der Vereinigten Staaten nach China. Dafür suchen sich die jetzt frei werdenden Mengen ihren Weg in andere Märkte, beispielsweise nach Vietnam, wo sie zu einem spürbaren Preisverfall führen. Die RKW ist sowohl in China als auch Vietnam mit Produktionsstandorten vertreten.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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