17.04.2019 //

„Halten am Standort Deutschland fest“

Wiwa-Einkaufsleiter Marco Lang: „Angesichts unserer relativ geringen Stückzahlen würde sich eine Verlagerung der Fertigung ins Ausland nicht rechnen.“

Der 125 Mitarbeiter zählende hessische Familienbetrieb ist auf Lackierarbeiten und Verklebungen im Maschinen- und Fahrzeugbau, Großflächen- und Dickschichtbeschichtungen in der Marine- und Offshore-Industrie sowie im Bauten-, Korrosions- und passiven B Der 125 Mitarbeiter zählende hessische Familienbetrieb ist auf Lackierarbeiten und Verklebungen im Maschinen- und Fahrzeugbau, Großflächen- und Dickschichtbeschichtungen in der Marine- und Offshore-Industrie sowie im Bauten-, Korrosions- und passiven Brandschutz spezialisiert. Foto: Wiwa

Marco Lang, Einkaufsleiter der Wiwa Wilhelm Wagner GmbH & Co. KG, Lahnau, gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: Wiwa

Foto: Wiwa

BME: Wie organisieren Sie Ihren Rohstoff- und Materialeinkauf?
Lang:
Wiwa hat mit mir seit 2011 den ersten strategischen Einkaufsleiter und somit auch seit diesem Zeitraum einen klar definierten Bereich, der die mittel- und langfristige Steuerung, Planung und Kontrolle der Beschaffung übernimmt. In unserem fünfköpfigen Beschaffungsteam übernehmen mein Stellvertreter und ich diese strategischen Aufgaben, die restlichen drei Mitarbeiter kümmern sich um den operativen Einkauf.

Welche Rohstoffe und Produktionsmaterialien kaufen Sie ein?
Die wichtigste Commodity in unserem Bereich sind nichtrostende Stähle. Wir beziehen das Rohmaterial von unseren Lieferanten; es wird dann von uns selbst bearbeitet. Ähnlich verhält es sich bei den eingekauften Aluminium-Gusslegierungen. Von mehreren lokalen Handwerksbetrieben beziehen wir zudem Blechware in Form fertiger Gestelle. Hinzu kommen Dreh- und Frästeile. Sehr wichtig für uns sind Hochdruckfarbspritzschläuche, die wir ebenfalls beschaffen. Dafür gibt es am Markt nur sehr wenige Lieferanten. Deshalb müssen wir im Umgang mit ihnen ein gewisses Feingefühl entwickeln. Da es bei den kundenspezifischen Thermoplastschläuchen schnell zu Engpässen kommen kann, spielt die Absicherung der Lieferungen für uns eine enorm wichtige Rolle. Anders sieht die Situation bei Stahl aus, den wir wirklich salopp gesagt an jeder Straßenecke kaufen können.

Wie viele Mengen kaufen Sie ein?
Als Anlagenbauer, der seinen Kunden Sonderlösungen anbietet, haben wir im Vergleich zu anderen Branchenunternehmen nur relativ kleine Bedarfe. Bei Stabstahl liegen wir jährlich um die 200 Tonnen. Hinzu kommen 75 Tonnen Aluminiumguss. Rechnen wir noch die fremdbeschafften Blech-, Dreh- und Frästeile hinzu, sind es 150 Tonnen. Unser jährliches Beschaffungsvolumen liegt im einstelligen Millionen-Euro-Bereich.

Beobachten Sie die Rohstoffmärkte?
Ja, natürlich. Ich verfolge die Preisentwicklung sehr genau. Wenn sich beispielsweise Stabstahl verteuert, kann ich mich bei den anstehenden Verhandlungen mit den Lieferanten darauf einstellen. Die benötigten Zahlen und Fakten beziehe ich aus Gesprächen mit unseren Lieferanten sowie über Fachmedien. Hier sind vor allem die Marktinformationen des BME eine große Hilfe.

Wo kaufen Sie Ihre Rohstoffe und Materialien ein?
Die für uns infrage kommenden nichtrostenden Industriemetalle kaufen wir nur innerhalb der Europäischen Union ein. Schwerpunktländer sind hier Spanien, Frankreich und Italien. Wir lassen uns die Herkunft dieser Rohstoffe bescheinigen. Denn wir wollen genau wissen, woher die Ware kommt. Anders sieht das bei Rohstahl aus. Das sogenannte schwarze Material erhalten wir aus vielen Teilen der Welt.

Kann Ihr Einkauf Rohstoffpreisrisiken minimieren?
Ja, das ist möglich. Wir schließen beispielsweise beim Einkauf von Edelstahl eine Preisvereinbarung mit unseren Lieferanten ab. Unser Ziel ist es, den Basispreis und damit die Verfügbarkeit des benötigten Rohstoffs oder Materials zu sichern. Der Legierungszuschlag wird dabei offen gelassen. Das ist vor allem deshalb hilfreich, weil wir nicht immer genau wissen, wie viele Mengen eines benötigten Rohstoffs wir später in der Produktion verbrauchen werden. Wenn Forecasts bekannt sind, schließt der Einkauf auch Rahmenverträge mit einzelnen Lieferanten ab und lässt bestimmte Waren zum fixierten Effektivpreis dort einlagern. Bei Rohmaterial wie beispielsweise Normalstahl lassen sich unsere Lieferanten zurzeit nicht auf Preisvereinbarungen ein. Deshalb melden wir beim Lieferanten unsere aktuellen Bedarfe an und bestellen sofort die benötigten Rohstoffe und Materialien.

Wiwa produziert fast ausschließlich in Deutschland. Was spricht gegen kostengünstigere Produktionsstätten im Ausland?
Wir haben eine Tochtergesellschaft in den USA, die den amerikanischen Markt vom Produktions- und Vertriebsstandort Alger im Bundesstaat Ohio aus bedient. Am Standort Deutschland hält Wiwa fest, weil es der Firmenphilosophie unseres familiär geprägten Unternehmens entspricht. Dabei achtet auch unser Unternehmen darauf, dass – wie in anderen Teilen der Welt – effektiv und somit kostengünstig produziert wird. Hinzu kommt, dass der Wiwa-Kundenkreis das Label „Made in Germany“ und unsere hohe Flexibilität am Markt sehr schätzt. „Angesichts unserer relativ geringen Stückzahlen würde sich eine Verlagerung der Fertigung ins Ausland nicht rechnen.“ Ein weiterer Punkt: Wir haben im Laufe der Jahre einen großen Kreis an verlässlichen Zulieferern aufgebaut, den wir anderswo nur schwer etablieren könnten.

Wirkt sich der von der Trump-Administration ausgehende Protektionismus negativ auf Ihr US-Geschäft aus?
Ganz im Gegenteil. Während der vom Weißen Haus angezettelte Handelskrieg mit China und der EU vielen europäischen Unternehmen Nachteile bringt, hat er unser Geschäft eher belebt. Die von unserer US-Tochter in den Vereinigten Staaten verkauften Farbspritzgeräte und -anlagen sind von den Trumpschen Importzöllen nicht betroffen. Deshalb können wir uns problemlos am amerikanischen Markt behaupten. Das aktuelle Geschäft läuft bestens. Die Bedarfe steigen kontinuierlich. Wiwa LLC beliefert mehrere Großkunden, darunter die US Navy und den amerikanischen Farben-, Lack- und Baustoffhersteller Sherwin-Williams.

„America first“ hat demnach auch positive Effekte für europäische Firmen?
In einem gewissen Maße schon. Die US-Regierung greift der einheimischen Stahlindustrie zurzeit massiv unter die Arme. Stahl korrodiert leicht und muss deshalb zur besseren Stabilität und Haltbarkeit von Bauteilen beschichtet werden. Das ist unsere Geschäftschance. Denn die Anlagen dafür können wir liefern. So profitieren beide Seiten.

Wie ist das Verhältnis zu den Wiwa-Lieferanten?
Es ist sehr kooperativ. Wir behandeln unsere 80 strategischen und mehr als 300 Stammlieferanten partnerschaftlich, fair und offen. Sie alle schätzen an Wiwa deren Liquidität, Solidität und die gute Auftragslage angesichts regelmäßig wiederkehrender Abnahmemengen.

Hat die digitale Transformation auch Ihren Einkauf bereits erreicht?
Ja. Wir haben erst kürzlich ein neues Dokumentenmanagementsystem mit automatisierter Belegerkennung eingeführt. Damit lassen sich die Geschäftsprozesse in unserem Einkauf effektiver steuern. Unser Bestellverhalten hat sich ebenfalls deutlich verändert. Das Fax gehört nun der Vergangenheit an, heute geht bei uns im Einkauf alles per Knopfdruck. So hat sich die Bearbeitungszeit für eine Bestellung um die Hälfte verringert.

Haben Sie eine Vision für die weitere Entwicklung Ihres Einkaufs?
Der verstärkte Einsatz elektronischer Lösungen und das Nutzen der mit dem industriellen Internet der Dinge verbundenen Geschäftsvorteile soll uns den Rücken für die eigentliche Aufgabe freihalten: die Optimierung des Einkaufs. Unsere Beschaffung soll langfristig noch effizienter und bestehende Risiken weiter minimiert werden.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: