19.09.2019 // Strategien, Methoden & Tools

IAA-Einkäufertag: Mobil bleiben im Einkauf

Mit 90 Teilnehmern war der Zulauf groß zum 2. BME/VDA Einkäufertag auf der IAA in Frankfurt. Die Automobilindustrie sendet neue Signale, der Einkauf zieht mit. Dabei zeigt sich, dass er über das Schaffen und Managen neuer Netzwerke wesentliche Impulse im Unternehmen setzen kann.

Einsteigen inklusive: Auf der VIP-Tour über die IAA nahmen viele Einkäufer die Gelegenheit wahr, die neuen Tools im Innenraum des elektrischen Taycans von Porsche zu erkunden. Fotos: Doris Hülsbömer / BME e.V.

Der Wandel der Automobilindustrie zeigt sich deutlich auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. „Diese IAA unterscheidet sich von anderen Messen durch die Einbeziehung von Start-ups und neuen Mobilitätskonzepten. Zudem ist die gesamte Wertschöpfungskette auf der IAA vertreten“, betonte Dr. Joachim Damasky, technischer Geschäftsführer des VDA auf dem 2. BME/VDA Einkäufertag am Mittwoch auf der IAA. Rund 90 Teilnehmer diskutierten auf der ausverkauften Veranstaltung mit Experten und konnten aus den Keynote-Vorträgen interessante Impulse gewinnen.* VDA und BME haben diese Austauschplattform gemeinsam ins Leben gerufen, die erste Auflage fand 2018 auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover statt. Neben Expertenvorträgen erhielten die Einkäufer auch Einblicke in Studien wie den ID.3 von VW auf dem Messegelände sowie in ein autonom agierendes Fahrgestell von Schaeffler. Besonderes Highlight auf dem Rundgang war der neue vollelektrische Taycan von Porsche.

„Keine Branche hat den Einkauf so professionell gestaltet wie die Automobilbranche“, sagte BME-Hauptgeschäftsführer Dr. Silvius Grobosch in seiner Eröffnung des Einkäufertages. Durch eine Wertschöpfungstiefe in Höhe von 80 Prozent komme dem Einkauf in der Automobilindustrie eine besondere Bedeutung zu. Angetrieben durch eine gemeinsame Produktentwicklung von OEM und Zulieferern sei deren enge Verzahnung ein Muss. „Das wird für die e-Mobilität genauso gelten.“

Große Fußstapfen für das Automobil

Auf der diesjährigen Automobilmesse ist die Wende greifbar. Dialoge, Networking sowie neue Antriebskonzepte mit alternativen Antrieben dominieren das Geschehen. Die Industrie signalisiert Bereitschaft zum Dialog mit allen Beteiligten. Anders dürfte es auch nicht funktionieren. In den vier Zukunftsszenarien der Automobilindustrie, die David Heider, Senior Manager Sourcing and Procurement bei Deloitte, vorstellte, werden die OEMs in einem Zukunftsszenario nur noch zu bloßen Lieferanten eines sehr starken Endkunden herabgestuft (Szenario 4). Der Einkauf beschränkt sich darauf, operativen und strategischen Einkauf weiter zu trennen und entlang dieser Leitlinien zu agieren. Als Prof. Moritz Peter von der Hochschule Pforzheim, Moderator der Veranstaltung, die Teilnehmer zum wahrscheinlichsten Szenario abstimmen ließ, fanden sich neben Szenario 1 die meisten Stimmen für diese Variante. Immerhin: In Szenario 1 wird der Einkauf zum Innovationsmotor und managt ein heterogenes Team in einer hocheffizienten automobilen Supply Chain; die OEMs behalten ihre Vorrangstellung.

Bad Bank für Zulieferer

Der Wandel in der Automobilindustrie führt auch bei Zulieferern zu steigender Volatilität und Komplexität, die im Einkauf hohe Kosten verursachen kann. „Wir verzeichnen eine Zunahme bei den gefährdeten Zulieferern sowie den Eskalationen“, sagte Dr. Michael Karrer von ZF Friedrichshafen. Steigende Kosten bei Eskalationsprozessen, wie bspw. kurzfristige Verlagerungen, haben ZF zur Entwicklung innovativer Lösungsansätze bewogen. Eines dieser Konzepte orientiert sich am, aus dem Finanzbereich stammenden, Konzept einer „Bad Bank“. Hierbei werden für den kritischen Lieferanten nicht-lukrative Kleinvolumen präventiv an einen spezialisierten Hersteller verlagert. Darüber hinaus wies Dr. Karrer auch auf Erfolgsfaktoren im Risikomanagement hin, wie den fokussierten Ressourceneinsatz sowie schnelle Entscheidungswege.

KI als Bürogehilfe

Mit der Group Procurement Suite (GPS) strebt die Konzernbeschaffung der Volkswagen AG an, im Hinblick auf Effizienz, Durchgängigkeit und Bedienung einen weltweiten Benchmark für Einkaufssysteme zu setzen. In der ersten Stufe werden 18 der 48 Kern-Beschaffungssysteme konzernweit durch die neue Lösung abgelöst. Diese sind aktuell für 65 Prozent der Betriebskosten verantwortlich. Parallel zu GPS verfolgt Volkswagen mit digitalen Mehrwertprojekten einen innovativen Ansatz, um kurzfristige Nutzeneffekte im Einkauf zu heben und neue Technologien zu erproben. „Ein inhouse entwickelter Bieterlistengenerator ermittelt mittels Machine Learning passgenau mögliche Anbieter“, erklärte Jens Fraterman, der in der Konzernbeschaffung der Volkswagen AG für Digital Innovations verantwortlich ist. Ebenfalls neu ist der breite Einsatz von Robotic Process Automation (RPA) in den Beschaffungsprozessen. „Ein Bot verarbeitet die Vergabeentscheidung bei Neuteilen und erstellt daraus automatisiert einen Bestellvorschlag für den Einkäufer“, so der Digitalisierungsexperte. Damit entfällt die manuelle Erstellung von Bestellungen durch den Einkäufer.

Neuer Fokus bei Porsche

„Wir müssen wissen, welche Kernkompetenzen uns auch in Zukunft stark machen“, sagte Olaf Bollmann, der bei Porsche die strategischen Einkaufsprozesse verantwortet. Die Kunden würden erwarten, dass schneller neue Netzwerke geschaffen würden. Damit steige die Komplexität in der Beschaffung. „Unsere Partner kommen teilweise aus ganz anderen Branchen, daraus ergeben sich neue Aufgaben in der Zusammenarbeit.“ Netzwerke würden komplexer werden. Aber. „Wer, wenn nicht die Beschaffung, soll das managen?“ Neben Kooperationen und Partnerschaften sitzt der Einkauf auch bei M&A mit am Tisch, wie bei der jüngsten Beteiligung von Porsche an dem kroatischen Elektroauto-Start-up Rimac.

 *Vom 2. BME/VDA-Einkäufertag berichtete Doris Hülsbömer, BME

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