IAA Nutzfahrzeuge: Strukturwandel 4.0 im Einkauf

Premiere auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Hannover: Der BME gibt erstmals seine Visitenkarte auf der Leitmesse für Mobilität ab.

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„Driving tomorrow“ ist das zentrale Motto der 67. IAA Nutzfahrzeuge, die vom 20. bis 27. September in Hannover stattfindet. Dabei wird deutlich: Mehr Aussteller, mehr Fläche und mehr Weltpremieren sind ein Beleg dafür, dass sich die gesamte Nutzfahrzeugbranche im Aufbruch befindet. Im Mittelpunkt stehen in diesem Jahr die Zukunftsthemen Digitalisierung, Vernetzung, Automatisierung und Elektromobilität.

Der BME organisierte am 24. September erstmals auf der weltweiten Leitmesse für Transport, Logistik und Mobilität einen Einkäufertag, der in enger Zusammenarbeit mit dem Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA) mehr als 60 Besucher ins Convention Center der Messe Hannover lockte. Zentrales Thema der Fachtagung für Automotive-Beschaffungsprofis war der „Strukturwandel 4.0 im Einkauf der Nutzfahrzeugindustrie“. Unter dem Motto „Synergien heben, Mehrwerte schaffen, Innovationen vorantreiben!“ gingen Vertreter namhafter Automotive-Unternehmen wie MAN Truck & Bus, ZF, Daimler und BorgWarner unter anderem der Frage nach, wie sich der industrielle Einkauf als Garant für den Gesamterfolg eines Produkts oder Projekts im Rahmen der Entwicklung von Nutzfahrzeugen der Zukunft erfolgreich positionieren kann.

Das Programm des 1. BME-Einkäufertages hielt für jeden etwas bereit; es reichte von hochkarätig besetzten Praxisvorträgen über interaktive Round Tables bis hin zu einer VIP Guided Tour über das IAA-Messegelände. Auf die Bedeutung  des digitalisierten Supplier Relationship Management (SRM) ging Peter Hackl, CTO und Geschäftsführer der curecomp Software Services GmbH, in seinem Fachvortrag ein. So ermögliche eine professionell digitalisierte Lieferkette die medienbruchfreie  Kommunikation aller ihrer Glieder zur Effizienzsteigerung und Beschleunigung der Arbeitsprozesse. Die Herausforderung für den Einkauf bestehe darin, dass sowohl eProcurement- als auch SRM-Lösungen mit starken Heterogenitäten umgehen können. Diese eSolutions müssen zudem in der Lage sein, den operativen Einkauf maximal zu automatisieren und diesen mit dem strategischen Einkauf zu verbinden.

Wie die Digitalisierung den Einkauf und die Zulieferqualität verändert, erläuterte Simone Siemes, Senior Manager Strategy & Operations der Deloitte Consulting GmbH, in ihrem Statement. Danach biete die Digitalisierung „hohes disruptives Potenzial entlang der gesamten Wertschöpfungskette und verändert die Art und Weise, wie wir zukünftig einkaufen“. Der Wandel erstrecke sich auf das gesamte Einkaufsspektrum und erfasse sowohl die Warengruppen als auch den Anfrage- und Vergabereifegrad. Darüber hinaus veränderten sich die Kooperationsmodelle, Aufgaben und Schnittstellen zwischen OEM und Lieferanten. Angesichts neuer Technologien wie dem Autonomen Fahren ergeben sich Siemes zufolge neue Handlungsbedarfe für den Einkauf. Diese erstreckten sich über alle Beschaffungsobjekte. Dazu zählten beispielsweise Daten, Internet-Plattformen, Apps und Fahrzeug-Software. Aktuelle Warengruppen wie static mobility-, dynamic mobility- oder environment data würden künftig durch neue Warengruppen wie customer data, 3D models oder Service Platforms ergänzt. Siemes sprach in diesem Zusammenhang von einem „digitalisierten Produktportfolio der Zukunft“. 

Den Weg der Daimler AG hin zur agilen Unternehmenskultur beschrieb Thomas Eisenbarth, Leiter Vertrieb der Zukunft & Mobility Services Region Overseas des Stuttgarter Automobilkonzerns, in seinem Redemanuskript, das dem BME vorliegt. Danach beschäftige sich die konzernweite Initiative „Leadership 2020“ damit, über konkrete Maßnahmen einen Kulturwandel anzustoßen und zu unterstützen. Das betreffe Prozesse der Personalentwicklung und Entscheidungsfindung ebenso wie Organisationstrukturen, Arbeitsmethoden und -werkzeuge. Direkt beteiligt seien mehr als 200 Mitarbeiter und Führungskräfte aller Ebenen, verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität, die sich in acht Projektgruppen mit je einem konkreten Maßnahmenpaket beschäftigen. Mithilfe der neuen Unternehmenskultur sollen vor allem Synergien gehoben, Mehrwert geschaffen und Innovationen vorangetrieben werden. 

Eisenbarth nannte die Gründe für den angestrebten Wandel im Konzern. Dieser sei unerlässlich, um auf die neuen Herausforderungen der Digitalisierung und anderer Technologien wie Künstliche Intelligenz und ‚Smart Data‘ sowie neuer Wettbewerber und verändertem Kundenverhalten adäquat reagieren zu können.“ Gerade bei neuen Geschäftsmodellen müssten sich die Unternehmen zukünftig offener für unterschiedliche Kooperationsmodelle zeigen, um neben Produkten auch ergänzende Dienstleistungen am Markt erfolgreich platzieren zu können bzw. schneller auf unvorhersehbare Entwicklungen Antworten zu finden.

VDA-Präsident Bernhard Mattes hatte zuvor auf der Eröffnungspressekonferenz der IAA betont, dass sich die Automotive-Branche den großen Herausforderungen der Zukunft stelle. Dazu gehörten vor allem Digitalisierung, Vernetzung, automatisiertes Fahren sowie Elektromobilität und weitere alternative Antriebe. Die Unternehmen – Hersteller von schweren Lkw und Transportern, von Trailern, von Bussen und Spezialfahrzeugen sowie die große Zahl der Zulieferer – bereiteten sich intensiv auf diese Transformation vor, die auf der Antriebsseite und bei der Digitalisierung stattfinde.

Mattes: „Digitalisierung und E-Mobilität gehören zusammen, sie sind zwei Seiten einer Medaille. Denn Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung beziehen sich ja nicht nur auf die Kommunikation von Fahrzeugen mit ihrer Umgebung, sondern sie sind auch integraler Bestandteil jeder Neuentwicklung im Antriebsstrang.“

Zudem könne die Verkehrssicherheit durch Digitalisierung, Vernetzung – und künftig noch stärker durch das automatisierte Fahren – erheblich verbessert und gesteigert werden. So brächten Sensoren und Kameras dem Nutzfahrzeug schon in naher Zukunft Sehen und Hören bei: Hochauflösende Monitore ersetzten zusammen mit Kameras die Außenspiegel und schaffen die toten Winkel rundum ab. Das sorge für mehr Sicherheit, besonders im urbanen Umfeld und beim Abbiegen.

An diesen Innovationen sowie an vielen anderen Neuheiten seien die Zulieferer maßgeblich beteiligt. Ihr Anteil an der Wertschöpfung eines Fahrzeugs liege bei über 70 Prozent. Die neuen Technologien böten auch enorme Vorteile bei Flexibilität und Effizienz. Ein Beispiel dafür, welches Potenzial in der Vernetzung und Automatisierung stecke, sei Platooning: Damit könne der Transport über weite Strecken noch effizienter und CO2-sparsamer bewältigt werden. Durch das Fahren im Platoon ließen sich bis zu zehn Prozent Kraftstoff und CO2-Emissionen einsparen. Der Einsatz von gemischten Platoons, also mit Trucks verschiedener Hersteller, sei mittel- bis langfristig ein wichtiges Entwicklungsziel.

Save the Date: Die 68. IAA Nutzfahrzeuge findet vom 24.09.2019 bis 01.10.2019 in Hannover statt.

Frank Rösch, BME

 

 

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