13.06.2019 //

IWH: Schwacher Welthandel trifft deutsche Industrie

Die Sommerprognose des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) geht für 2019 nur von einem geringen Wirtschaftswachstum aus.

Die angedrohten Handelshemmnisse der US-Regierung würden vor allem der exportorientierten deutschen Wirtschaft schaden. Foto: Hafen Hamburg Die angedrohten Handelshemmnisse der US-Regierung würden vor allem der exportorientierten deutschen Wirtschaft schaden. Foto: Hafen Hamburg

Die anhaltenden Handelsstreitigkeiten belasten und verunsichern die Weltwirtschaft. In besonderem Maß leidet darunter die exportorientierte deutsche Wirtschaft, geht aus der Sommerprognose des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte deshalb 2019 nur um 0,5 Prozentpunkte zunehmen, heißt es weiter. Der Arbeitsmarkt bleibe trotz der Konjunkturflaute weitgehend robust.

Gegenwärtig deute vieles darauf hin, dass die neuerliche Verschärfung der US-amerikanischen Handelspolitik den Welthandel und die internationale Konjunktur schwächt. Auf chinesische Waren sollen neue Zölle erhoben werden, und der global stark verflochtene IT-Sektor werde durch die Genehmigungspflicht von Geschäften mit wichtigen chinesischen Anbietern der Telekommunikationstechnik belastet. In der Folge hätten sich die von den Finanzmarktteilnehmern wahrgenommenen Risiken gemessen an impliziten Volatilitäten wichtiger Aktienindizes deutlich erhöht. Gleichzeitig ließen die  Konjunktursorgen die Preise für wichtige Industriemetalle sowie für Erdöl sinken. Mittlerweile erwarten die Finanzmärkte, dass die US-Notenbank den Leitzins im Herbst senken wird.

Auch die Finanzpolitik sei laut IWH-Angaben vielerorts, etwa im Euroraum, in Großbritannien und in China, expansiv ausgerichtet. Dies gelte, wenngleich in schwindendem Maß, auch für die USA. Trotzdem dürfte der US-Aufschwung im Sommerhalbjahr zu Ende gehen, und für die Produktion im Euroraum sei für diesen Zeitraum mit einer Expansion unterhalb der Potenzialrate von knapp 1,5 Prozent zu rechnen.

„Von der Schwäche des Welthandels ist die international stark vernetzte deutsche Industrie besonders betroffen“, so Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH. Der deutliche Rückgang der Industrieproduktion im April lasse erkennen, dass die Belebung vom Jahresanfang vor allem auf temporäre Faktoren zurückging und die Grundtendenz der Konjunktur weiterhin schwach sei. Auch die Auftragseingänge für das Verarbeitende Gewerbe seien im Trend rückläufig. Was die deutsche Konjunktur in diesem und wohl auch im nächsten Jahr stützen werde, sei die nach wie vor robuste Binnennachfrage. So bleibe der Zuwachs des privaten Konsums kräftig, denn die Einkommensentwicklung sei weiter positiv.

Die robuste Binnenkonjunktur lasse zusammen mit der schwächelnden Auslands-nachfrage den Außenbeitrag deutlich zurückgehen. Alles in allem liege die Produktion nach vorliegender Prognose 2019 um 0,5 Prozent höher als im Vorjahr, im nächsten Jahr steige die Rate auch wegen der höheren Zahl an Arbeitstagen auf 1,8 Prozent. Der Auslastungsgrad der deutschen Wirtschaft nehme deutlich ab und die Produktionslücke dürfte 2019 leicht negativ sein.

Das Hauptrisiko für die Konjunktur in Deutschland und in der Welt bestehe laut IWH-Einschätzung darin, dass die US-Regierung ihre Drohungen, weitere Handelshemmnisse vorzunehmen, in die Tat umsetzt.

„Sanktionen, Boykotts oder schwarze Listen: Sie bedrohen alle die Produktivität und Effizienz der stark verflochtenen globalen Technologieunternehmen“, betonte David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland der Bank Julius Bär Deutschland AG, in Frankfurt bei seinem Ausblick auf die Finanzmärkte im zweiten Halbjahr 2019. Mit Blick auf die deutsche Wirtschaft merkte Kohl an, dass inländische Faktoren wie Konsum und Bau die wesentlichen Stützen der Konjunktur seien. Dagegen stabilisierten sich Industrie und Auslandsnachfrage nur langsam. „Diese Konstellation ist sehr untypisch für Deutschland. Sie erschwert uns die BIP-Prognose“, sagte Kohl auf eine Frage des BME. Für 2020 erwarte sein Haus ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent. In diesem Jahr sei mit einem Anstieg von 0,7 Prozentpunkten zu rechnen, fügte Kohl hinzu. 

„Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Abschwung, nicht im Absturz. Ähnlich wie der langgezogene Aufschwung könnte nun auch die Entspannung nach dem Boom milder ausfallen als in früheren Zyklen“, äußerte Stefan Kooths, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel), bei der Vorstellung der IfW-Konjunkturprognose. So bilde sich die Kapazitätsauslastung in der Industrie langsamer zurück als sonst; auch die Unternehmensinvestitionen seien noch nicht eingebrochen. Anlass zu konjunkturpolitischem Aktionismus bestehe nicht. Ohne den Rückenwind aus den Boomjahren trete nun lediglich die eigentliche Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland klarer hervor. Auch wachstumsbehindernde Regulierungen machten sich im Abschwung eher in den BIP-Ergebnissen bemerkbar.

Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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