„Kein Grund für Pessimismus oder Euphorie“

IKB-Chefvolkswirt Dr. Klaus Bauknecht: „Die deutsche, europäische und die globale Konjunktur marschiert im Gleichtakt. Es besteht also kein Grund zur Sorge.“

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IKB-Chefvolkswirt Dr. Klaus Bauknecht gab dem BME folgendes Interview*:

IKB-Chefvolkswirt Dr. Klaus Bauknecht

IKB-Chefvolkswirt
Dr. Klaus Bauknecht

BME: Sind deutsche Konjunktur-Beurteilungen zu pessimistisch?
Bauknecht: Ja, insbesondere die vergangenen fünf Jahre wurden von deutschen Volkswirten viel zu negativ bewertet. Es fehlte der Glaube an die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung. Stattdessen wiederholen sie gebetsmühlenartig, dass die Geldpolitik der EZB zu einem bösen Ende führt. Es sollte vielmehr überlegt werden, ob dieser Pessimismus der vergangenen Jahre angebracht war. Denn irgendetwas daran kann nicht stimmen. Schließlich befinden sich die deutsche Konjunktur im neunten und die europäische im fünften Jahr hintereinander auf kontinuierlichem Erholungskurs.

Was sagt der Sachverständigenrat dazu?
Er spricht mit Blick auf die hochtourig laufenden deutschen Industriebänder von Überhitzung. Auch hier gilt: Kaum wachsen wir etwas schneller und schon wird wieder das Negative hervorgehoben. Wir bewegen uns mit unseren aktuellen Prognosen in der Mitte. Wichtig ist die Nachhaltigkeit des Aufschwungs. Gleichwohl rechnen wir im zweiten Quartal mit einer leichten Verlangsamung des Wachstums. Auf das Jahr hochgerechnet scheint uns ein BIP-Anstieg um 2,3 eine realistische Prognose zu sein. Das Grundbild ist weiterhin sehr positiv, wobei ein möglicher Handelskrieg die mittelfristigen Perspektiven ab 2019 durchaus eintrüben könnte.

Was stört Sie an der doch eigentlich robusten Konjunktur?
Sorge bereiten mir im Moment die Frühindikatoren. Es wird immer wieder argumentiert, der ifo-Geschäftsklimaindex bewege sich weiter auf hohem Niveau. Aber das ist nicht entscheidend. Die Aussagekraft liegt nicht im Niveau, sondern in den monatlichen Veränderungen. Beim Blick auf die eine oder andere Unterkategorie spüre ich schon die Sorge, ob sich die Konjunktur nicht doch etwas abkühlt. Andererseits sind die Auftragsbücher der meisten Industriefirmen weiterhin gut gefüllt. Das bestärkt uns in der Annahme, dass 2018 für die deutsche Wirtschaft kein schlechtes Jahr wird. Schließlich läuft auch die globale Konjunktur rund. Pessimismus ist nicht angebracht, Euphorie aber auch nicht. Dafür sorgen die jüngsten Ankündigungen des US-Präsidenten, die Importzölle für wichtige Commodities und Industriegüter wie Stahl, Aluminium und Automobile anzuheben, für zu viel Unruhe im Markt. Auch der Brexit – von der britischen Seite übrigens völlig unterschätzt – sowie die jüngsten Spannungen zwischen den USA und dem Iran könnten als Stimmungsdämpfer wirken.

Sie schrieben kürzlich, dass die „Wirtschaft auf die Euphoriebremse tritt, die Fortsetzung des Aufschwungs aber nicht gefährdet“ sei. Wie begründen Sie Ihre These?
Damit spielte ich auf die jüngste Entwicklung des ifo-Geschäftsklimaindex an, der im Februar und März gesunken ist. Offensichtlich trüben sich die Erwartungen der deutschen Wirtschaft etwas ein. Die Unternehmen treten deshalb auf die Euphoriebremse.

Aber es besteht doch kein Grund zur Sorge, oder?
Die deutsche, europäische und die globale Konjunktur marschiert im Gleichtakt. Es besteht also kein Grund zur Sorge. Die US-amerikanische Wirtschaft profitiert zudem von den Steuerreformen der Trump-Administration. Die chinesische Wirtschaft entwickelt sich relativ stabil; auch die anderen Schwellenländer erholen sich weiter und befinden sich auf Wachstumskurs. Aber wie gesagt das Prognoserisiko für 2019 hat sich erhöht.

Die Geldpolitik der EZB wird kontrovers diskutiert. Wie ist Ihre Meinung?
Die von EZB-Chef Draghi praktizierte Geldpolitik ist meiner Meinung nach genau richtig, weil deren Ausrichtung stimmt. Die Europäische Zentralbank wird ihr Aufkaufprogramm dieses Jahr beenden. 2018 ist nicht mit steigenden Zinsen zu rechnen. Die  Schuldenquoten sind hoch, die Verbraucherpreise sind niedrig. Die Eurozone braucht weiter billiges Geld. Wir wachsen, aber es ist keine Inflation am Horizont erkennbar. Warum sollte sich die Geldpolitik dann ändern? Das ist eine Grundsatzfrage. Die EZB hat ein positives Umfeld geschaffen, die Schuldentragfähigkeit der Staaten deutlich verbessert und damit für ein nachhaltig höheres Wirtschaftswachstum gesorgt – und das nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Eurozone.

Wie bewerten Sie die laufenden Brexit-Verhandlungen?
Ich war kürzlich in London und überrascht, wie naiv die Briten sind. Viele von ihnen haben offenbar keine Ahnung, was da auf sie zukommt. Das zeigt sich auch in den Verhandlungen zwischen der Regierung May und der EU-Kommission. Meiner Einschätzung nach kann und darf Brüssel von den sogenannten vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes nicht abweichen; diese lauten: freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Die Briten glauben immer noch, dass sie einen besonderen Deal abschließen können und auch künftig Zugang zum EU-Binnenmarkt erhalten, ohne diese vier Grundfreiheiten zu akzeptieren. Wichtig wird sein, dass die Europäische Kommission nicht nachgibt. Sonst könnte sie andere austrittswillige EU-Staaten ermuntern, es Großbritannien gleich zu tun. Das wäre fatal.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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