17.10.2019 //

Lake Constance Supplier Dialogue: „Digitalisierung ist keine Spielwiese“

Zum vierten Mal trafen sich in Friedrichshafen Einkäufer, Supply Chain Experten, Lieferanten und Start-ups zum Lake Constance Supplier Dialogue. „Change or Die“ war mehr radikaler Appell denn klassisches Veranstaltungsmotto.

Lake Constance Supplier Dialogue Das Graf-Zeppelin-Haus am Ufer des Bodensees war erneut Austragungsort des Lake Constance Supplier Dialogue. Fotos: Tobias Anslinger/BME

Wird der Einkauf die Potenziale und Chancen der digitalen Transformation nutzen oder wird er ihr zum Opfer fallen? „Er steht vor der Herausforderung, sich im Rahmen der Digitalisierung der Arbeits- und Produktionsprozesse entlang der gesamten Supply Chain erfolgreich zu positionieren“, betonte BME-Hauptgeschäftsführer Silvius Grobosch zu Beginn des 4. Lake Constance Supplier Dialogue* vor 180 Teilnehmern im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen. Zukünftig gelte es, bei weitgehend automatisierten Beschaffungsprozessen smarte Supply Chains zu steuern. Der Einkäufer müsse daher Innovationsmanager sein und ein hohes Augenmerk auf ganz neue strategische Aspekte und eine neue Form der Planung legen. Diesen Paradigmen- und Rollenwandel gelte es anzunehmen und aktiv anzugehen.

„Es geht darum, die Möglichkeiten des Netzwerks für sich zu nutzen, “ sagte BME-Vorstandsvorsitzender und Tagesmoderator Horst Wiedmann mit Blick auf die aktuellen Anforderungen des Einkaufs in Unternehmen, aber auch in Bezug auf das Tagesevent, das zwischen den einzelnen Vorträgen abermals durch eine Handvoll Start-up Pitches aufgelockert wurde, die zur Erweiterung des eigenen beruflichen Netzwerks einluden. In den Kurzvorträgen der meist jungen Unternehmer ging es unter anderem um Software für Prozessautomatisierung, Prozessroboter, digitale Zwillinge, die Blockchain oder Computerbedienung durch Blicksteuerung.

Dreiklang Mensch, Technik, Organisation

In ihren Keynotes stellten die Unternehmensvertreter von ZF Friedrichshafen, Oerlikon und Rolls-Royce Power Systems den jeweiligen Stand der digitalen Transformation in ihren Unternehmen vor und ergänzten ausgewählte Aspekte hinterher noch in einer den Vormittag beschließenden Podiumsdiskussion. Deutlich wurde dabei: Der Dreiklang aus Mensch, Technik und passender Organisation muss stimmen.

„Digitalisierung ist keine Spielwiese und kein Selbstzweck“, sagte Wilhelm Rehm, Mitglied des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG. Alle Bemühungen müssten Kundennutzen, Wachstum und in letzter Konsequenz Wettbewerbsvorteile bringen. ZF setze stark auf den Netzwerkeffekt: Zukäufe (zuletzt der Bremsenhersteller Wabco), Beteiligungen, Joint Ventures, die allesamt hülfen, Know-how zu bündeln. Organisatorisch bildet ZF das zunehmend in einem „Dual Operating System“ ab, wie Rehm es nennt: Neben die traditionellen Strukturen der globalen Organisation treten in sogenannten Projekthäusern parallele, agile Strukturen, die die Projekte dann durch die einzelnen Divisionen treiben.

Handlungen, die Raum zur Entwicklung lassen

Doch wie lässt sich und vor allem wer beurteilt überhaupt, ab wann man ein „digitales Unternehmen“ ist? Die Antwort müsse immer branchen- oder sogar unternehmensspezifisch gefunden werden, so Andrea Lai, Head of Group Procurement der OC Oerlikon AG. Der Schweizer Industriekonzern hat ein Digital Hub gegründet, das in drei Schritten die Arbeitsweise und die Kultur des Unternehmens verändern soll: Zunächst lediglich als interner Projektsupport, später als Business Advisor und Accelerator und schließlich als „Geschäftsbringer“ mit Dritten. Die Transformation funktioniere nicht von heute auf morgen – müsse sie aber auch nicht. Sein Appell an die anwesenden Procurement Manager: Tun Sie etwas! Zu handeln sei immer besser als nichts zu tun. Aber es müsse etwas sein, das einen als Unternehmen leben, atmen und sich entwickeln lässt.

Einen „Dreisprung“ hat sich auch Rolls-Royce Power Systems in seiner Strategie 2030 vorgenommen. Das Unternehmen wolle sich noch stärker auf seine Kernkompetenzen besinnen und diese ausbauen, digitaler Lösungsanbieter werden und Services über den gesamten Lebenszyklus seiner Produkte bieten, wie Jürgen Winterholler, Chief IT Digital Officer bei Rolls-Royce Power Systems AG, erklärte. Dafür müsse man aber zuerst die Basis im Unternehmen schaffen, um Vertrauen zu gewinnen und Werte zu schaffen. Für diesen Weg habe man sich bei Rolls-Royce Power Systems entschieden. „Neue, digitale Produkte müssen Schritt für Schritt in die bestehende Organisation integriert werden“, so Winterholler, der auch auf die Bedeutung der – in Unternehmen oft gescholtenen – IT-Abteilung hinwies. Eine frühzeitige Einbindung, etwa in virtuellen Teams, baue Vertrauen auf und helfe der IT-Abteilung auch bei der eigenen Transformation.

Dornier Museum: Zukunftsforscher malt Szenarien

Die traditionelle Dinner Speech am Vorabend des Lake Constance Supplier Dialogue im Dornier Museum hielt in diesem Jahr Zukunftsforscher Prof. Heiko von der Gracht, Steinbeis-Hochschule Berlin, der den anwesenden Gästen unter anderem einem Blick ins „Chancen-Universum“ der Zukunft gab, erklärte wie man „zukunftskompetent“ wird und mögliche Szenarien einer automatisierten Welt von morgen aufzeigte.

*vom 4. Lake Constance Supplier Dialogue berichtete Tobias Anslinger, BME

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