22.01.2014 //

"Mehr Schatten als Licht im Koalitionsvertrag"

Ex-Superminister Clement sprach beim Jahresauftakt der BME-Region Düsseldorf.

Foto: BME / Timo Hausdorf Foto: BME / Timo Hausdorf

Fast 300 Besucher waren am 14. Januar der Einladung der BME-Region Düsseldorf/Mittlerer Niederrhein gefolgt, um sich in Neuss mit hochkarätigen Gästen auf das Jahr 2014 einzustimmen. Nach der Begrüßung durch den Regionsvorstand Klaus Strümpel und den neuen BME-Hauptgeschäftsführer Dr. Christoph Feldmann zog vor allem der frühere Bundesminister Dr. h. c. Wolfgang Clement, mittlerweile 73 Jahre alt und für seinen Pragmatismus und seine klaren Worte bekannt, die Aufmerksamkeit auf sich. Gut gelaunt trat der bis 2005 als ”Superminister“ für Wirtschaft und Arbeit aktive Ex-Politiker vor das Plenum und bezog kritisch Stellung zu den aktuellen Kernthemen, die derzeit die politische und wirtschaftliche Diskussion in Deutschland bestimmen.

Energiewende in ihrer heutigen Form stoppen

”Wir müssen die Energiewende, so wie sie heute ist, stoppen und verändern, sonst gehen die großen Investitionen in Zukunft an Deutschland vorbei“, kritisiert Clement die aktuelle Energiepolitik. Strittig ist seiner Meinung nach vor allem die fehlende Koordination innerhalb Europas. ”Nichts von dem, was bisher auf den Weg gebracht wurde, ist bisher miteinander synchronisiert“, sagte Clement und machte dies am Beispiel deutlich, dass mit Fördermitteln produzierter Strom in Spitzenzeiten billig nach Österreich verkauft und dann teuer reimportiert werde, wenn der Wind mal nicht weht und die Sonne nicht scheint. So lange Energie nicht speicherbar ist, müsse das Tempo der Energiewende daher gedrosselt werden.

Außerdem kritisierte er, dass es keinen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Erneuerbaren Energien gebe. Hoffnung legt Clement, der 2008 aufgrund verschiedener Auffassungen in der Energiepolitik aus der SPD austrat, dabei in den neuen für Wirtschaft und Energie zuständigen ”Superminister“ Sigmar Gabriel aus den Reihen seiner früheren Partei: ”Es ermutigt mich, dass Gabriel sagt, wir brauchen einen Neustart.“ Um wieder Investitionen zu ermöglichen, müsse er so schnell wie möglich versuchen, zur Orientierung verlässliche Eckpunkte zu setzen.

Gefahr großer Koalitionsmacht: Selbstgefälligkeit

Bezüglich der neuen Regierung hob er hervor, dass es in der Nachkriegszeit noch nie eine so große Koalitionsmacht gegeben habe. ”Das schwierigste, was solche großen Mehrheiten mit sich bringen, ist die Gefahr der Selbstgenügsamkeit“, übte Clement Kritik an dieser Konstellation. In den Vereinbarungen von CDU/CSU und SPD sieht der Ex-Minister insgesamt mehr Schatten als Licht, insbesondere innenpolitisch.

Mehr Regulierung am Arbeitsmarkt durch Mindestlöhne und Hürden in der Zeitarbeit bedeute, dass vieles, was unter Ex-Kanzler Gerhard Schröder in seiner Verantwortung eingeführt wurde, wieder zurückgenommen werde. Die Tariffreiheit hob er neben der dualen Berufsausbildung und dem Mittelstand als große Stärken Deutschlands hervor. ”Was aus freien Stücken geschieht, ist immer besser als das, was von oben, also von Gesetzes wegen zustande kommt“, so Clement.

Demographische Entwicklung erfordert Mentalitätswandel

Hinsichtlich der tarifpolitischen Lage sprach der Ex-Minister hierzulande von einer besser funktionierenden Sozialpartnerschaft als sonst irgendwo. ”Wir sollten die Leistungen aber nur denen zukommen lassen, die wirklich darauf angewiesen sind“, kritisierte er das aktuelle Vorgehen mit der ”Gießkanne“ — und verzichtete dabei nicht auf einen humorvollen Seitenhieb: ”Wir gehen davon halt mal essen“, formulierte er spöttisch die Verwendung von 28 Euro mehr Mütterrente, die seine Frau künftig bekommen soll.

Einen Fehler sieht er in den Plänen der Koalition, wonach es Arbeitnehmern möglich sein soll, künftig wieder früher abschlagsfrei in Ruhestand zu gehen. ”Wir müssen endlich einen Mentalitätswandel vollziehen“, so Clement. Wegen des demographischen Wandels reiche es nicht aus, weniger zu arbeiten. Eine Alternative zu neuen Gesetzen seien womöglich individuelle Lösungen, mit denen die Regelungen ganz dem Einzelfall überlassen würden.

Europa muss sich auf wirklich wichtige Aufgaben konzentrieren

Eine spannende Frage sieht Clement, der mittlerweile als Buchautor, freiberuflicher Kolumnist und Mitglied verschiedener Aufsichtsräte, Beiräte und wissenschaftlichen Einrichtungen tätig ist, in der Skizzierung eines zukünftigen Modells für Europa. Sein Favorit ist das ”Schweizer Modell“, bei dem auf nur die nötigsten Themen zentral reguliert werden, während alles weitere die Kantone selbst regeln. ”Wir müssen zurückkehren zu einem subsidiären System“, so Clement. ”Europa muss sich mehr mit Substanz beschäftigen, als mit Kleinigkeiten“, folgerte er daraus, dass sich Brüssel zu intensiv mit Nebensächlichkeiten wie etwa dem Stromverbrauch von Glühbirnen oder dem Wasserdurchlauf bei Duschköpfen beschäftige. 

Abschließend berichtete Marc Kloepfel, Geschäftsführer des Einkaufsoptimierers Kloepfel Consulting, in seinem Vortrag "Renditemotor Einkauf" davon, welch großes Margen- und Innovationspotenzial im Einkauf stecke. ”Vielen Unternehmen ist das nach wie vor nicht bewusst. Nicht einmal 40 Prozent davon besitzen ein Einkaufscontrolling“, so Kloepfel. Fest machte er dies auch an den Schulungsaufwendungen, wo zehnmal mehr für den Vertrieb getan werde, als für den Einkauf. Zu den größten Stellschrauben zählt der auf kleine und mittelständische Unternehmen konzentrierte Berater die Bündelung von C-Teile-Lieferanten, die Standardisierung von Produkten sowie die Qualifizierung neuer Lieferanten. Er zog das Fazit, dass sich im Einkauf viele Renditeschätze heben lassen, die meisten Einkäufer sich dessen aber bewusst sind.

 

Autor: Timo Hausdorf, BME

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