07.05.2014 //

Mehr Tempo beim Zahlungsverkehr

Nächste BIP-Ausgabe erscheint: Lesen Sie vorab das Thema Supply-Chain-Finanzierung!

Am 14. Mai erscheint die nächste Ausgabe des BIP-Magazins! Als Vorgeschmack auf das neue Heft lesen Sie hier, wie Einkäufer und Lieferanten von Supplier-Finance-Programmen (SCF) profitieren. Seit der Wirtschaftskrise 2008 diskutieren Einkaufs- und Finanzchefs dieses Thema verstärkt: Damals wurden damit vor allem  Liquiditätsengpässe einzelner Lieferanten überbrückt. Heute nutzen Unternehmen das Instrument, um ihr Umlaufvermögen zu optimieren.

Gute Erfahrungen von DHL mit Supplier-Finance-Programmen

Die Deutsche Post DHL macht seit einigen Jahren gute Erfahrungen mit diesem  Finanzierungskonzept. Das Modell ist einfach: Nimmt ein Lieferant am Supplier-Finance-Programm teil, stellt er seine Rechnung wie gewohnt direkt an Deutsche Post DHL. Sein Geld erhält er jedoch bereits nach wenigen Tagen von einer Bank, die seine Forderungen abzüglich eines Abschlags begleicht. Dieser Diskont bezieht sich auf Finanzierungskonditionen von Deutsche Post DHL, die in der Regel deutlich unter den Konditionen liegen, die der Lieferant seiner Hausbank zur  Zwischenfinanzierung der gleichen Summe hätte zahlen müssen. Deutsche Post DHL zahlt schließlich den vollen Rechnungsbetrag zum vereinbarten, späteren Zeitpunkt an die Bank.

Dabei profitieren alle Beteiligen: „Lieferanten treten weniger in Vorleistung und profitieren von den günstigen Finanzierungskosten des Konzerns, der selbst durch lange Zahlungsziele mit der Bank das Working Capital der einzelnen Unternehmensbereiche verbessert“, bringt es Hans-Jürgen Schulz, Corporate Category Manager und auch im Einkauf für das SF-Programm verantwortlich, auf den Punkt. Das Instrument hat den Charme, die Finanzkraft von Deutsche Post DHL auf die  Lieferantenseite auszudehnen. „Diese Kraft haben wir vorher nie genutzt“, sagt Schulz. Eingesetzt wird das Modell bei langjährigen wichtigen Lieferanten. Nicht bei allen, denn die Anbindung an ein solches Buchhaltungssystem bringt auch Aufwand mit sich, der sich in der weiteren Geschäftsbeziehung rechnen muss. Der Einkauf erstellt eine Vorschlagsliste. Welche Lieferanten aufgeschaltet werden, entscheidet das SF-Projektteam gemeinsam mit dem Businesspartner. „Es ist immer eine Einzelfallentscheidung“, so Schulz. „Wir bieten das Tool an. Wenn der Lieferant das nicht möchte, wird er nicht verpflichtet.“

Die Commerzbank bietet seit geraumer Zeit ihren Kunden individuell abgestimmte SCF-Lösungen an. „Viele Lieferanten haben in der Finanzkrise gelitten, einige sind aufgrund fehlender Liquidität vom Markt verschwunden“, sagt Frank-Oliver Wolf, Global Head Cash Management und International Business. „Wir beobachten heute, dass die Themen Liquidität, Risikoabsicherung und Optimierung des Working Capital an Bedeutung gewinnen.“

Einkauf entdeckt Working Capital Management

Lieferantenfinanzierung hilft Einkäufern eben nicht nur, wichtige Supplier finanziell robust  auszustatten. „Vor zehn Jahren wendeten sich Kunden, die Probleme mit der eigenen Refinanzierung hatten, eher spät und dann meist aus der Not heraus an eine Factoring-Gesellschaft“, erklärt Bernd Sooth, Head of Global Trade Solutions bei BNP Paribas. Die Bank bietet bereits seit 1989 Programme an, die von Forderungsankäufen bis zu kompletten Factoring-Lösungen mit und ohne  Kreditversicherung reichen. „Heute steht mit SCF darüber hinaus ein ganz neues Finanzierungsinstrument zur Verfügung, das eine frühzeitige Optimierung und Steuerung des Working Capital und des Cashflow ermöglicht, und zwar über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.“

„In den Firmen ist das mittlerweile durchgängig ein Thema, vom Einkauf über die Zwischenlagerung der Ware bis zur Lieferung und Endverarbeitung oder dem Verkauf der Ware“, bestätigt Mario Messerschmidt, Leiter Commodity Trade Finance bei der Commerzbank. „Die   Finanzierungsinstrumente, mit denen gebundene Liquidität herausgelöst werden kann, muss sich der Kunde nicht stückweise zusammensuchen. Eine gute Bank deckt heute die gesamte Wertschöpfungskette ab.“ Zurzeit implementiert die Commerzbank eine SCF-Plattform mit mehreren Finanzierungslösungen für Verbindlichkeiten aus Liefergeschäften. Prominentestes Modul ist das Approved Payment Finance. Hier werden offene Rechnungen eingespielt, die vom Käufer akzeptiert wurden. Diese Finanzierung wird unter der Kreditlinie des Käufers zugunsten des Lieferanten ausgeführt, der dadurch von der Bonität des meist großen Käufers profitiert. „So haben beide Seiten etwas davon. Der Käufer kann seine Zahlungsziele verlängern und gleichzeitig dem Lieferanten Liquidität zur Verfügung stellen“, erklärt Frank-Oliver Wolf.

Einkauf und Finanzen in einem Boot

SCF ist die Übertragung des Supply Chain Managements auf den Zahlungsverkehr. Einkauf und Finanzen sollten deshalb immer an einem Tisch sitzen. Beide müssen das Instrument verstehen, denn die physische und die finanzielle Wertschöpfungskette bedingen sich schließlich gegenseitig. Wobei die Finanzabteilung wegen der Vorteile im Working Capital Management sicher schneller für das Modell zu begeistern ist. Bedenken bestehen eher auf der Einkaufsseite, weil Supply Chain Financing die bestehende Lieferantenbeziehung strapazieren, Einkaufsprozesse stören und  Verhandlungspositionen einschränken könnte. „Diese Ängste sind verständlich, aber unbegründet. Die Kundenbeziehungen und die damit verbundenen Prozesse bleiben ungestört“, erklärt Bernd Sooth von der BNP Paribas.

Das sieht auch Harald Schulz von der Deutsche Post DHL so: „Der Einkäufer hat ein schönes Finanzierungsinstrument, mit dem er arbeiten kann. Dabei ist die Liefer- und Leistungsbeziehung zwischen Deutsche Post DHL und den Lieferanten streng getrennt von der Geschäftsbeziehung der Bank zum Lieferanten im Rahmen des Forderungsverkaufs. Der Lieferant bekommt durch SCF eine gute Finanzierung, der Einkauf trägt dazu bei, das Working Capital zu optimieren. Alle Seiten haben einen Vorteil.“ Einschließlich der Bank, die durch den Abschlag mitverdient.

Für jeden Lieferanten ist das Cash-Geschäft sicher das liebste Geschäft. Ein finanziertes Geschäft bringt Anforderungen mit sich, es muss ein Kreditvertrag geschlossen werden, es gibt eine direkte Beziehung zur Bank. „Aber die steht in keiner Konkurrenz zur Beziehung des Unternehmens. Das eine ist eine Lieferbeziehung, das andere eine Kreditbeziehung“, sagt Mario Messerschmidt von der Commerzbank. „Natürlich sind Formalitäten zu erfüllen, die es beim normalen Cash-Geschäft nicht gegeben hätte. Dessen sind wir uns bewusst. Deshalb versuchen wir, die Komplexität möglichst gering zu halten, zum Beispiel auch mithilfe unserer Auslandsvertretungen vor Ort. Wir wollen auf keinen Fall die Lieferbeziehung tangieren, da passen wir sehr auf.“

Lieferantenfinanzierung ist ein Dreiecksverhältnis zwischen Unternehmen, Lieferant und Bank oder Finanzierer. „Die Verhandlungen mit dem Käufer sind meist unkompliziert. Schwieriger kann das Einbinden der Lieferanten sein“, so die Erfahrung von Bernd Sooth. „Man muss genau erklären, warum eine Teilnahme Sinn ergibt und wie die Prozesse nach der Implementierung laufen.“

 

Autor: Volker Haßmann, BME

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