08.07.2019 //

„Wir müssen für alle Mitglieder Lösungen parat haben“

Im zweiten Teil des großen BIP-Interviews spricht BME-Hauptgeschäftsführer Silvius Grobosch über den Bedeutungsgewinn des Einkaufs, erklärt, warum ihm der Einkäufernachwuchs besonders wichtig ist und was er sich für die kommenden anderthalb Jahre seiner Amtszeit vornimmt.

Silvius Grobosch Dr. Silvius Grobosch ist seit dem 1. Februar 2018 Hauptgeschäftsführer des BME. Der studierte Unternehmer war zuvor bereits mehrere Jahre ehrenamtlich in Führungspositionen des BME tätig: Seit 2004 ist er Mitglied des Bundesvorstandes, von 2013 bis zu seiner Bestellung zum Hauptgeschäftsführer war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Grobosch bekleidete in der Vergangenheit über viele Jahre leitende Funktionen in der Thyssenkrupp AG. Foto: Tobias Sauer/ProBild Fotografie

Herr Grobosch, 2015 gab es eine Studie der Uni Leipzig und der Quadriga Hochschule Berlin, die die Wichtigkeit unterschiedlicher Funktionen in Unternehmen untersuchte. Einkauf gehöre mit IT und Unternehmenskommunikation zu den unwichtigsten Funktionen, lautete das Ergebnis damals. Alle drei Bereiche erfahren aktuell jedoch eine große Aufwertung ihrer Bedeutung. Für den Einkauf gesprochen: Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Silvius Grobosch: Vor allem an einem Umdenken, das derzeit stattfindet. Die Sichtweise, dass Unternehmen nur Produkte und Dienstleistungen herstellen und dafür die entsprechenden Vorprodukte und Komponenten einkaufen, ist nicht mehr für alle Unternehmen haltbar.

Unternehmen kaufen heute 50 bis 80 Prozent ihres Umsatzes extern ein. Sie müssen daher heute viel mehr im Netzwerk komplette Lösungen und Innovationen einkaufen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Künftig zählt nicht mehr nur das Produkt, sondern Produkt plus Service plus digitale Vertriebswege – die Lösung für den Kunden. Der Einkauf besetzt hier die neuralgischen Schnittstellen.

Er kümmert sich – oder sollte sich darum kümmern –, dass jene Partner ins Netzwerk geholt werden, die diese Innovationen bringen. Das verstehen zunehmend mehr Unternehmen und billigen dem Einkauf auch diese Rolle zu. So entsteht am Ende der angesprochene Bedeutungsgewinn des Einkaufs.

Spricht man mit Einkäufern und hört deren Erzählungen aus der Praxis, gewinnt man den Eindruck, dass die Herausforderungen dieser Berufsgruppe dennoch weiterhin sehr heterogen sind. Stimmen Sie zu?

Absolut, allerdings gibt es eine sehr einfache Erklärung dafür: Jedes Unternehmen befindet sich in seinem Transformationsprozess in einer anderen Stufe. Das hat nicht zwangsweise mit der Größe zu tun. Für ein Unternehmen ist es gerade die Herausforderung, ein E-Procurement-System einzuführen. Ein anderes kümmert sich schon aktiv um die Suche nach Innovationspartnerschaften. Wir finden im Einkauf die komplette Bandbreite.

Was bedeutet das für die Arbeit des Verbandes?

Für alle diese Unternehmen und für unsere Mitglieder müssen wir eine Lösung parat haben. Wer auf Stufe 1 steht, muss Antworten im BME finden, um auf Stufe 2 zu kommen. Der, der auf Stufe 4 ist, muss sich mit Gleichgesinnten austauschen können, um auf Stufe 5 zu kommen. Beide sind gleich wichtig für uns.

Wir befinden uns mittendrin im sogenannten War for Talents. Was kann ein Verband wie der BME dafür tun, seine Mitgliedsunternehmen auf der Suche nach geeigneten Fach- und Führungskräften zu unterstützen?

Er kann – und muss – das auf mehreren Ebenen tun. Bleiben wir zunächst auf der obersten Ebene: Bei der Suche nach passenden Fach- und Führungskräften bietet der BME die Plattform „Jobsource“ an. Dort können Unternehmen nach passenden Kandidaten suchen, die sich dort registrieren.

Unsere Arbeit geht aber weiter: Eine Stufe darunter müssen wir an den Unis und Hochschulen dafür werben, dass gut ausgebildete junge Menschen sich für Einkauf und Supply Management begeistern. Wir sind gefragt, Perspektiven aufzuzeigen, dass Einkauf ein interessanter und einflussreicher unternehmerischer Schnittstellenbereich ist. Sonst suchen sich die jungen Leute andere Themenfelder. Dafür gibt es inzwischen zehn BME-Hochschulgruppen und die Young-Professionals-Initiative.

Und schließlich müssen wir Wissenschaft und Lehre fördern, denn diese forschen nach den Ideen und Themen für die Zukunft und bilden die Talente von morgen aus. Das tun wir durch unseren Stiftungslehrstuhl an der Universität Mannheim. Wenn wir den wissenschaftlichen Nachwuchs an unser Thema binden, können auch Forschung und Lehre unser Ziel unterstützen, möglichst viele gute Fach- und Führungskräfte hervorzubringen.

Was müssen Fach- und Führungskräfte Ihrer Meinung nach künftig neben dem Fachlichen vor allem können?

Für Fachkräfte werden Methodenkompetenz und analytische Kompetenz eine erheblich größere Rolle spielen als in der Vergangenheit. Für Führungskräfte wiederum sind es interkulturelle Kompetenz sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Und über allem steht die Fähigkeit, mit Menschen zu arbeiten. Der Erfolg wird sich nur dann einstellen, wenn ich es schaffe, alle in der Funktion und in den Teams zur crossfunktionalen Zusammenarbeit zu bewegen. Denn der Einkauf der Zukunft ist crossfunktional.

Welche Arbeitsschwerpunkte möchten Sie in den kommenden anderthalb Jahren setzen?

Der erste Schwerpunkt liegt im Bereich Nachhaltigkeit: Wir haben ein eigenes Nachhaltigkeitsteam gegründet und eine Fachgruppe im BME aufgesetzt. Wir werden in diesem Jahr eine diesbezügliche Fachveranstaltung ins Leben rufen. Wir wollen das Thema über mehrere Stellen fokussiert an unsere Mitglieder bringen. Aber nicht losgelöst als nachgelagerte Aufgabe, sondern als ein Kernthema von Einkauf und Supply Management, damit das eines Tages als Selbstverständlichkeit gesehen wird. Aber um dieses Ziel zu erreichen, muss man zunächst erst mal Akzente setzen, sich damit beschäftigen, das Thema sichtbar machen.

Ein zweites Thema, das mir wichtig ist, ist der Mittelstand: Wir haben im BME 9.750 Mitglieder und über 330 Ehrenamtler, viele davon sind Mittelständler. Wir wollen in diesem Bereich weiter wachsen und haben dafür eine Mittelstandsinitiative aufgesetzt. Wir setzen bei unseren existierenden Formaten an und wollen künftig eigene Teilangebote für den Mittelstand schaffen, zum Beispiel einen Mittelstands-Stammtisch oder gezielte Vorträge für Mittelständler. Neue Services etwa im Bereich Recht und Compliance sollen dieses Angebot ergänzen. Mittelständler haben oft ihren Hausjuristen, dieser deckt aber nicht alle Spezialfragen ab. Zusammen mit einem ausgewählten Expertenkreis können wir unsere Mitglieder exklusiv in rechtlichen Angelegenheiten in Einkauf und Supply Management begleiten.

Auch unsere internationalen Aktivitäten werden wir weiter ausbauen. Dies tun wir immer im Interesse unserer Mitgliedsunternehmen. Wir werden weiterhin in Europa, insbesondere Osteuropa, aber auch in China aktiv sein. Wir werden die dortigen Erfolgsformate, zum Beispiel die Westbalkan-Initiative und das CEE Forum, fortsetzen und dort, wo es Bedarf gibt, weiter ausbauen. Afrika ist ein aufstrebender Kontinent. Wir sehen Chancen für unsere Mitgliedsunternehmen in den stabilen Ländern Afrikas, die an Europa grenzen, und sind daher im Rahmen eines Förderprojekts in Marokko tätig.

Und welche Projekte nehmen Sie sich für den BME als Verband vor?

Um international an Gewicht zu gewinnen und den BME in einem Netzwerk stark zu machen, werden wir viel intensiver mit anderen Verbänden und Organisationen zusammenarbeiten müssen.

Künftig gewinnen im Wettbewerb keine Einzelorganisationen, sondern das bessere Netzwerk. Das gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Verbände. Wir werden diese Zusammenarbeit mit Kooperationen beginnen, die sich dann bis hin zu Allianzen weiterentwickeln können.

Das Gespräch führte Tobias Anslinger, BME

Den ersten Teil des großen BIP-Interviews mit Silvius Grobosch finden Sie hier.

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