Nachhaltigkeit: „Einkäufer sind erstaunt über Einflussmöglichkeiten“

Welche ersten Schritte in Richtung nachhaltige Beschaffung können Einkäufer machen, die mit dem Thema bislang eher Berührungsängste zeigen? BIP hat darüber mit Nachhaltigkeitsexpertin Yvonne Jamal vom Jaro Institut e.V. gesprochen.

Nachhaltigkeit Einkauf Einkäufer müssten den „Aha-Effekt“ erleben, sagt Yvonne Jamal. Foto: ElisaRiva/Pixabay

Frau Jamal, Sie sind nicht nur Nachhaltigkeitsexpertin, sondern haben selbst auch viele Jahre im Einkauf gearbeitet: Wie nachhaltig ist der Einkauf aus Ihrer Sicht schon?

Yvonne Jamal: Die Masse der Einkäufer steht bei diesem Thema noch recht weit am Anfang. Nachhaltige Lieferketten, Menschenrechte, Klimaneutralität, Code of Conduct, Compliance, SDGs, Berichterstattung – viele wissen noch gar nicht, was konkret auf sie zukommt und wie sie einen Beitrag leisten können. Demzufolge sind sie dem Thema gegenüber zunächst kritisch eingestellt.

Warum sollten sich Einkäufer überhaupt mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen?

Kein Unternehmen wird künftig daran vorbeikommen, sich neben ökonomischen auch Gedanken über seine ökologischen und sozialen Ziele zu machen. Das Besondere des Einkaufs ist, dass sein Hebel als Multiplikator für das Thema im Vergleich zu anderen Funktionen enorm hoch ist: Er sitzt an den Schnittstellen, kann Einfluss darauf nehmen, wie und wo beschafft wird. Allerdings fehlt ihm oft die Entscheidungskompetenz, diesen Hebel nicht nur für den Einkauf, sondern im Sinne des gesamten Unternehmens nutzen zu können.

Woran liegt das?

Wichtig ist eine nachhaltige Unternehmenskultur – wenn die internen Stakeholder kein Interesse an Nachhaltigkeit zeigen, wird es für den Einkauf schwierig. Der obersten Managementebene fehlt zudem oft der vielzitierte „Business Case“. Hier ist die Unterstützung des Einkaufs gefragt.

Wo können Einkäufer ansetzen, diesen Business Case zu liefern?

Risikosenkung, Einsparungen durch nachhaltige Beschaffung und Reputations- bzw. Imagegewinn können erste Anknüpfungspunkte sein.

Yvonne Jamal Nachhaltigkeit Jaro Institut e.V.

Yvonne Jamal. Foto: Jaro Institut e.V.

Was empfehlen Sie Einkäufern in einem ersten Schritt?

Nachhaltiger Einkauf beginnt bei der Strategie, geht über Bedarfsmanagement, Sourcing und Vertragsgestaltung bis hin zum operativen Einkauf. Im ersten Schritt geht es darum, sich selbst bewusst zu werden: In welche Unternehmensentscheidungen bin ich als Einkauf eingebunden? Welches Wissen muss ich mir zu Nachhaltigkeit noch aneignen? Wo bekomme ich externe Unterstützung? Wie kann ich Aufwand und Nutzen meiner Bemühungen in ein ausgewogenes Verhältnis bringen, ohne meine übrigen Einkaufsaufgaben und -ziele zu vernachlässigen? Der „Aha-Effekt“ muss eintreten. Viele Einkäufer sind erstaunt, wie groß ihre Einflussmöglichkeiten sind.

Und nach dieser Phase der Selbstreflexion? Wie kann man inhaltlich loslegen?

NGOs oder auch die Presse greifen regelmäßig Missstände auf, in der eigenen Branche, im schlimmsten Fall im eigenen Unternehmen. Deshalb fürchten viele Unternehmen, sofort kritisiert zu werden, wenn sie sich auf den Weg machen und nicht gleich alles richtig und vollumfänglich umgesetzt ist.

Ein Stakeholder-Dialog (Standardinstrument des CSR-Managements, Anm.d.Red.) mit kritischen Interessensgruppen, wo man gemeinsam Maßnahmen priorisiert, kann eine erste Initiative sein. Der erste Schritt kann auch darin bestehen, sein Bedarfsmanagement im indirekten Einkauf zu überprüfen: Braucht es beispielsweise wirklich standardmäßig für alle Mitarbeiter alle zwei Jahre neue Laptops?

Wer mit E-Procurement-Tools arbeitet, dem empfehle ich, kritisch zu prüfen, welche Lieferanten dort bereits Nachhaltigkeitskriterien erfüllen und ob diese Lieferanten und deren Produkte gekennzeichnet und bevorzugt gelistet werden. Was nutzt es mir, wenn ich zwar nachhaltige Lieferanten habe, diese aber im Bestellverlauf für den Nutzer nicht erkennbar sind?

In allen Beschaffungsprozessen gibt eine Vielzahl an nachhaltigen Maßnahmen, die umgesetzt werden können. Wichtig ist es, die richtige Strategie zu finden, gemeinsam mit den internen Stakeholdern und den Lieferanten den ersten Schritt zu machen und dann das Engagement konstant auszubauen.

Der BME erarbeitet mit Ihrem Institut aktuell ein Zertifizierungssystem für Nachhaltige Beschaffungsorganisationen. Wie soll das genau aussehen?

Das Zertifizierungssystem wurde in Anlehnung an die international gültige High-Level-Structure für ein ganzheitliches Managementsystem entwickelt und wird Einkaufsorganisationen systematisch dabei unterstützen, eine nachhaltige Beschaffung einzuführen bzw. diese weiter zu entwickeln. Das dreistufige System unterteilt sich in einen Online-Selbstcheck mit Mindestkriterien, eine Umsetzungsprüfung der Nachhaltigkeitsaktivitäten und eine unabhängige Auditierung der Einkaufsorganisation für Stufe 3.

Das Gespräch führte Tobias Anslinger, BME

Zur Person: Yvonne Jamal ist Vorstandsvorsitzende des Jaro Institut e.V. für Nachhaltigkeit und Digitalisierung in Berlin (www.jaro-institut.de). Die studierte Betriebswirtin (BA) und hat mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Tourismusbranche. In den letzten Jahren war sie in leitender Position im indirekten Einkauf bei Zalando tätig und engagiert sich seitdem als Vorstand der Region Berlin-Brandenburg ehrenamtlich beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) im Bereich Nachhaltige Beschaffung.

Alles zu Nachhaltigkeit im BME gibt es hier.

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