„Neue Qualität an Marktunsicherheiten“

Commerzbank-Rohstoff-Experte Eugen Weinberg: „Die Volatilität auf den internationalen Rohstoffmärkten wird bis Ende dieses Jahres und darüber hinaus zunehmen.“

Foto: Rio Tinto Foto: Rio Tinto

Eugen WeinbergHead of Commodity Research der Commerzbank AG, gab dem BME folgendes Interview*:

BME: Unterscheidet sich das Rohstoffjahr 2018 von früheren?
Weinberg: Es gibt in diesem Jahr eine neue Qualität an Marktunsicherheiten. Dieser Trend dürfte auch in den nächsten Monaten anhalten. Es gibt nicht nur Bedenken in Bezug auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung der größten Volkswirtschaft Europas und einer zu erwartenden Zinsanhebung durch die EZB, sondern auch Ängste vor einer Eskalation politischer Krisen. Ich nenne nur die Stichworte Handelskrieg, Brexit und mögliche Neuwahlen in Deutschland. „Das alles spricht dafür, dass die Volatilität auf den internationalen Rohstoffmärkten bis Ende dieses Jahres und darüber hinaus zunehmen wird.“

Wären davon alle Rohstoffsegmente betroffen?
Nein, denn die Preise für Energierohstoffe sowie Edel- und Industriemetalle haben sich in den vergangenen Monaten unterschiedlich entwickelt. So stehen beispielsweise die Metallnotierungen schon seit geraumer Zeit unter Druck. Hier gibt es die Befürchtung, dass die Nachfrage wegen des Handelskrieges zwischen den USA auf der einen Seite sowie China, Kanada, Mexiko und die EU auf der anderen Seite tendenziell nachgeben wird. Es könnte aber auch sein, dass die US-Strafzölle, insbesondere auf Aluminium und Stahl, auf die Preisentwicklung negativ durchschlagen.

Wie sieht es bei Rohöl aus?
Angesichts der angekündigten Sanktionen der USA gegenüber Iran befürchten wir eine Angebotsverknappung und damit steigende Rohölpreise. So knackte der Preis für Nordseeöl Anfang Oktober die 80-Dollar-Marke und erreichte damit ein Vierjahreshoch.

Und die Edelmetalle?
Auch sie sind in jüngster Zeit immer wieder unter Druck geraten. Gold und Silber dienen vielen Marktteilnehmern als traditioneller Schutz vor möglichen Risiken in der Zukunft. Diese Angst ist jetzt einer gewissen Zuversicht gewichen. Es heißt bei ihnen, dass die Märkte schon viele Krisen erfolgreich gemeistert haben. Warum nicht auch dieses Mal? Deshalb sinkt die Nachfrage nach Edelmetallen und lässt folglich die Preise bröckeln. Dieser Trend dürfte auch in den kommenden Monaten anhalten.

Wie geht es jetzt an den Rohstoffmärkten weiter?
Sollten Stimmung und Nachfrage der Marktteilnehmer aufgrund sich zuspitzender oder eskalierender Krisen unter Druck geraten, werden die Preisen quer durch alle Rohstoffsegmente auf breiter Front nachgeben. Würde beispielsweise die Konjunktur einbrechen wären nicht nur Metalle betroffen, sondern auch Rohöl.

Kann der Handelskrieg zwischen den USA und China die Märkte dauerhaft schädigen?
Problematisch ist, dass ein Ende dieses Streits nicht in Sicht ist. Die Volksrepublik ist seit mehreren Jahrzehnten in einem Umschwung. Die politische Führung in Beijing hat den Anspruch, in der Zukunft die unangefochtene Wirtschaftsmacht in der Welt zu sein. Dieses Ziel lässt sich allerdings nicht ohne Konflikte erreichen. Damit ist klar: Die Eskalationsspirale zwischen beiden Supermächten wird sich weiterdrehen. Ich bin etwas erstaunt, dass der Markt der Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und der größten Volkswirtschaft Asiens eine so geringe Bedeutung beimisst. So geben gegenwärtig zwar die Preise für Industriemetalle nach; aber in Wirklichkeit rechnet niemand damit, dass der Konflikt zwischen den USA und China einen gravierenden Einfluss auf die globale Rohstoffnachfrage haben wird. Viele Marktteilnehmer glauben vielmehr, dass die beteiligten Regierungen und Zentralbanken in der Lage sein werden, die bestehenden Handelsprobleme zu lösen. Ich bezweifle das.

Warum reagiert der Markt so gelassen?
Das sind die Lehren aus der Vergangenheit. Letztlich wurden alle Krisen mehr oder weniger unbeschadet überstanden und haben zu kaum spürbaren negativen Effekten geführt. Das trägt zur Beruhigung vieler Marktteilnehmer teil. Sie meinen, es sei doch bisher immer alles relativ glimpflich verlaufen. Heute herrscht Zuversicht bei den Konsumenten, aber auch in der Industrie, insbesondere bei den Einkäufern. Dieser Optimismus ist in den vergangenen Monaten eher noch gestiegen – denn auch von der Konjunkturseite kommen weiterhin gute Nachrichten: Das Bruttoinlandsprodukt steigt, die Arbeitslosenquote sinkt, der Konsum ist stabil. Zudem herrschen in den USA und in Deutschland annähernde Vollbeschäftigung. Deshalb ist die Zuversicht groß, dass sich diese anhaltend positive Entwicklung noch zwei, drei Jahre fortsetzt.

Was wird übersehen?
Sie alle übersehen dabei, dass viele Konflikte unter anderen Vorzeichen und in einer anderen Situation in der Lage wären, die Welt völlig aus den Fugen geraten zu lassen. Ein Worst Case könnte beispielsweise eintreten, wenn es beim Brexit zu einem „No Deal“ und damit einem harten Ausgang käme. Große Gefahren gehen auch von der protektionistischen Politik der Trump-Administration in den Vereinigten Staaten aus – einem Land, das über Jahrzehnte als Bekenner freier Märkte galt und die Globalisierung initiiert hat. Doch auch kleinere Krisen sind in unserer eng vernetzten, zunehmend digitalisierten Welt nicht zu unterschätzen. Hier ist ebenfalls verwunderlich, dass beispielsweise die Auseinandersetzung des Westens mit dem Handelspartner Türkei in der Vergangenheit sicherlich hohe Wellen geschlagen hätte, jetzt aber an den Märkten nur für geringes Interesse sorgt.

Es wird häufig auch vergessen, dass die insgesamt positive Entwicklung der Weltwirtschaft auf Überlagerungen mehrerer Faktoren zurückzuführen ist. Damit meine ich unter anderem die große Steuerreform in den USA, die weltweit günstigen niedrigen Zinsen oder die hohe Liquidität in den Märkten. Dass es bereits Risse im System gibt, wird von vielen nicht erkannt. Wenn jeder glaubt, dass alles nur gut läuft, kommt es anders als man denkt. Ich befürchte, dass wir in den kommenden Monaten zwar nicht mit einem totalen Zusammenbruch, aber stattdessen mit massiven Korrekturen rechnen müssen. Die Volatilität der Märkte wird zunehmen. Ich rechne mit starken Schwankungen.

Könnten die internationalen Rohstoffmärkte Auslöser für die nächste globale Wirtschafts- und Finanzkrise sein?
Das sehe ich nicht so. Es wurde zwar vor rund zweieinhalb Jahren im Markt diskutiert, dass fallende Rohölpreise eine veritable Krise auslösen könnten. So würden in der Folge viele Länder des Nahen und Mittleren Ostens sowie internationale Energiekonzerne mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben und beispielsweise ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Ich hielt diese These und die angeführten Argumente schon damals für sehr schwach. Ich glaube nicht, dass rückläufige Rohstoffpreise Krisen auslösen können. Allerdings könnten sie durchaus Botschafter dafür sein. Andererseits könnte ein Preisanstieg, der allein auf der Erwartung an die Zukunft und damit auf Spekulation basiert, eine sich bereits im Abschwung befindliche Konjunktur zusätzlich bremsen. Ein massiver Ölpreisschock würde diese Talfahrt noch beschleunigen. Aber grundsätzlich sehe ich weder in steigenden noch in fallenden Rohstoffpreisen einen Auslöser für Krisen. Langfristig gesehen sind die Preisentwicklungen bei Rohstoffen eher Symptome für Fehlentwicklungen. Sie sind nicht Auslöser von Krisen, sondern deren Folgen. Wenn die Nachfrage steigt, klettern die Preise und: Wenn die Nachfrage sinkt, kollabieren die Preise. Falsch wäre es anzunehmen, dass die Preise allein massive Nachfragereaktionen auslösen. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall und die Nachfrage erwies sich stets als wenig preiselastisch.

Sie sagen, der rückläufige Kupferpreis sei kein Indiz für die Verlangsamung der Weltkonjunktur – wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Die Kupferpreise lassen sich nicht nur von der konjunkturellen Entwicklung leiten. Obwohl wir seit 2012 einen enormen Wirtschaftsboom erleben, haben sich die Preise für das Nichteisenmetall bis heute fast halbiert. Im Januar 2011 kostete eine Tonne Kupfer mehr als 10.000 US-Dollar, zurzeit sind es 6.200 US-Dollar. Der massive Preisrückgang ist demnach kein Indiz für die sinkende Nachfrage. Deshalb komme ich zu dem Schluss, dass sich die Annahme aus den 90er-Jahren, wonach Kupfer den künftigen Konjunkturverlauf gut voraussagen kann, nicht bestätigt hat. Hier sind Indikatoren wie beispielsweise der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index viel präziser und aussagekräftiger.

Welche Faktoren wirken sich stark auf den Kupferpreis aus?
Hier ist vor allem China zu nennen, dessen Rohstoffhunger nach wie vor nicht gestillt ist. Das Land bleibt auf absehbare Zeit der weltweit größte Verbraucher von Rohstoffen. Allein bei Kupfer entfällt knapp die Hälfte der globalen Nachfrage auf China. Die chinesische Initiative „Belt and Road Initiative“ (BRI) gilt als das wichtigste Infrastrukturprojekt aller Zeiten. Es wurde vom gegenwärtigen Präsidenten Xi Jinping 2013 ausgerufen und hat ein geschätztes Gesamtvolumen von mehreren Billionen US-Dollar. Das auch unter dem Namen „Neue Seidenstraße“ bekannte Vorhaben dürfte in den nächsten Jahren Millionen Tonnen von Kupfer, Aluminium, Nickel und anderen Industriemetallen verschlingen.

Der Goldpreis gibt seit geraumer Zeit Rätsel auf. Was sind die Ursachen für den anhaltenden Preisverfall des Edelmetalls?
Das ist ein sehr interessantes Phänomen. Die Risiken für die Weltwirtschaft und für den Finanzsektor sind sehr hoch. Deshalb hätte man annehmen können, dass die Nachfrage der Anleger nach einem sicheren Hafen zunimmt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Grund dafür ist, dass viele Marktteilnehmer nicht davon ausgehen, dass die Lage eskaliert. Sie setzen auf den gesunden Menschenverstand zur Krisenbewältigung und bauen auf die anhaltend robuste Konjunktur. Deshalb gibt es für Sie keinen Grund, in die „Fluchtwährung“ Gold zu investieren. Ein weiterer Grund für den anhaltenden Preisverfall des Edelmetalls sind die steigenden Zinsen in den USA. Der Dollar ist stark und als Anlageform attraktiver als Gold, das bekanntlich keine Zinsen abwirft. Und weil Gold in Dollar berechnet wird, macht ein starker Greenback Gold für Käufer aus anderen Währungszonen automatisch teurer und damit unattraktiver. Zusammengefasst: Bis jetzt sorgt die Zuversicht und das Wohlgefühl des Marktes dafür, dass die Nachfrage abnimmt. Allerdings kann sich das sehr schnell ändern. Wenn Gold als reiner Rohstoff betrachtet wird, ist mit sinkenden Preisen zu rechnen. Sollte das Edelmetall allerdings seine Rolle als sicherer Hafen für spekulative Anleger weiter spielen, dürften wir in Kürze wieder in Richtung 1.300 US-Dollar je Unze und darüber hinaus marschieren. Der Preisanstieg ist so gut wie vorprogrammiert, weil von den bestehenden Risiken wachsende Gefahren für die weitere Konjunkturentwicklung ausgehen.

Die Commerzbank wirbt mit dem Slogan „Die Rohstoffpreise können Sie nicht steuern. Ihr Preisrisiko schon.“ Was raten Sie in diesem Zusammenhang industriellen Einkäufern?
Wir haben gesehen, dass sich die meisten Einkäufer bei fallenden Preisen immer wohlfühlen und diese Preisrückgänge gern ewig fortschreiben möchten. Allerdings ist die Rohstoffpreisentwicklung sehr komplex und hängt von dutzenden Faktoren ab. Solange das jeweilige Unternehmen nicht in der Lage ist, diese Faktoren rechtzeitig zu analysieren, vorauszuahnen und zu antizipieren, es gleichzeitig nicht schafft, steigende oder fallende Rohstoffpreise schnell an die Kunden weiterzureichen, gleicht die fehlende Preissicherung einer reinen Spekulation. Derjenige, der sich heute trotz zahlreicher Störfaktoren im Markt nicht gegen eine für das Unternehmen ungünstige Preisentwicklung – sei es bei Rohstoffen, Zinsen oder Währungen – absichert, spekuliert darauf, dass schon alles gut laufen wird. Ein Beispiel: Wenn jetzt eine Firma Kupfer kauft und meint, die Preise bleiben dauerhaft günstig und dabei völlig außer Acht lässt, dass beispielsweise allein die Elektromobilität in der Zukunft Unmengen dieses Rohstoffes verschlingen wird, und die dann kommenden Preisanstiege dieses Unternehmen gefährden, weil es sich nicht abgesichert hat, handelt spekulativ. Deshalb raten wir jedem Unternehmen, sich zunächst mit diesen Preisrisiken auseinanderzusetzen und abzuwägen, wie viele davon für die eigene Firma tatsächlich von Bedeutung sind. Die meisten Risiken lassen sich über Lagerhaltung, Terminkontrakte, Derivate, den Abschluss langfristiger Lieferverträge oder über Preisgleitklauseln beherrschen beziehungsweise an die Kunden weiterreichen.

Angesichts wachsender Risiken sollten sich Unternehmen eine langfristige Rohstoffbeschaffungsstrategie überlegen und dafür auch Regeln festlegen. Diese kann man später aber nicht einfach brechen, sondern sollte sich daran halten. Dazu gehört auch, sich Preisziele in beide Richtungen zu setzen. Es sollten zudem Strategien entwickelt werden, wie man sich gegen mögliche Korrekturen – egal, ob nach oben oder unten – absichern kann.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

 

 

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