12.09.2019 //

„Offtake Agreements wichtigstes Sicherungsinstrument für Rohstoffeinkäufer“

DERA-Chef Buchholz: „Sich dabei gut aufzustellen, mit den besten Projektentwicklern und Rohstofflieferanten frühzeitig Partnerschaften einzugehen und Abnahmeverträge zu günstigen Preisen abzuschließen, ist die Kunst, die ein Einkäufer beherrschen muss.“

Ohne Hightechrohstoffe lassen sich weder Digitalisierung noch E-Mobilität erfolgreich realisieren. Das wissen auch deutsche Einkäufer, die die Sicherung ihrer Rohstofflieferungen stets im Blick haben. Foto: pixabay.com Ohne Hightechrohstoffe lassen sich weder Digitalisierung noch E-Mobilität erfolgreich realisieren. Das wissen auch deutsche Einkäufer, die die Sicherung ihrer Rohstofflieferungen stets im Blick haben. Foto: pixabay.com

Dr. Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: Peter-Paul Weiler/BME

Fotoquelle: Peter-Paul Weiler/BME

BME: Ist die deutsche Industrie schon so weit, mögliche Rohstoffengpässe in der Zukunft erst gar nicht entstehen zu lassen?
Buchholz: 
Das wichtige Thema E-Mobilität hat jetzt auch in der Breite allen Unternehmen aufgezeigt, dass sich die Industrie um die eigene Rohstoffsicherung aktiv bemühen muss. Allerdings verlaufen die Wege zu deren Umsetzung angesichts von 60 verschiedenen Rohstoffen und hunderten von Zwischenprodukten sehr unterschiedlich. Die Einkäufer verfügen seit langem über ein vielfältiges Instrumentarium, um ihre Rohstoffbezüge abzusichern. Neu daran ist, dass sich die Unternehmen immer häufiger die gesamte Lieferkette anschauen – auch dann, wenn sie eigentlich keine Primärrohstoffe importieren oder verarbeiten. Dies ist aber notwendig, um nicht durch Preisexplosionen und Lieferengpässe im Produktionsprozess kalt erwischt zu werden. Zunehmend richtet sich der Blick der Einkäufer auch darauf, möglichst konfliktfreie Rohstoffe zu verwenden. Es besteht sonst die Gefahr, wichtige Nachhaltigkeitsaspekte in der Supply Chain zu übersehen.

Wie gehen die klein- und mittelständischen Betriebe mit möglichen Rohstoffengpässen um?
Betriebe, die Materialpreise durchreichen können oder deren Rohstoffanteil an den Produktionskosten gering ist, brauchen sich um mögliche Preiserhöhungen kaum zu sorgen. Anders sieht es mit Rohstoffengpässen aus, diese pausen sich durch die gesamte Lieferkette hindurch. Stark rohstoffintensive Betriebe – oft familiengeführt –  gehen mit diesem wichtigen Thema weitaus sensibler um. Ihre Absicherungsstrategien beinhalten neben klassischen Spotkäufen oder Hedging auch Langfristverträge. Klar ist aber, dass klein- und mittelständische Betriebe Veränderungen auf den Rohstoffmärkten immer im Blick haben und gegenüber deren Kunden sprechfähig sein müssen. Sie sind Teil der Lieferkette und können sich den Fragen ihrer Kunden, wie sie die nachhaltige Rohstoffversorgung sicherstellen, nicht entziehen.

Sorgt hier auch der vom US-amerikanischen Dodd-Frank Act ausgehende Druck für mehr Bewegung?
Das ist durchaus der Fall. Der Dodd-Frank Act beinhaltet Offenlegungs- und Berichtspflichten für US-börsennotierte Unternehmen bezüglich der Verwendung bestimmter Rohstoffe, die aus der Demokratischen Republik Kongo oder ihren Nachbarstaaten stammen. Davon können auch deutsche Unternehmen betroffen sein, wenn sie Zulieferer für US-börsennotierte Gesellschaften sind. Der seit Juli 2010 geltende Dodd-Frank Act hat nicht nur die Firmen in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa wachgerüttelt. Neu ist, dass Unternehmen in Deutschland –  wie in anderen europäischen Ländern auch – ab Januar 2021 besondere Sorgfaltspflichten in Lieferketten aus Konflikt- und Hochrisikogebieten einhalten müssen. Von einer nationalen Behörde wird dann geprüft, ob für diese Rohstoffe, zum Beispiel für Rohstoffe aus Afrika, die Sorgfaltspflichten eingehalten werden. Konkret sind davon die Metalle Wolfram, Zinn, Gold und Tantal betroffen. Die neue Regelung betrifft aber nur Unternehmen, deren jährliche Einfuhren bestimmte Mengenschwellen überschreiten – bei Zinn in Rohform sind es 100 Tonnen. Diese Firmen müssen dann einen Risikomanagementplan umsetzen und weitere Kriterien erfüllen.

Die Beteiligung an ausländischen Bergbaugesellschaften gilt als eine Möglichkeit für deutsche Unternehmen, ihren Rohstoffbedarf strategisch abzusichern. Wird dieses Instrument bereits häufig genutzt?
Leider nein. Deutsche Unternehmen halten sich hier sehr zurück. Sie setzen vielmehr auf Offtake Agreements. Derartige Kontrakte werden zwischen Rohstoffunternehmen und Verarbeitern innerhalb der Lieferkette geschlossen. Der Vorteil für verarbeitende Unternehmen ist, dass der Rohstoffpreis für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren festgelegt werden kann oder sich an einem vereinbarten Preisindex orientiert und die Ware erst bei Lieferung gezahlt wird. Kosten für die Lagerhaltung oder Investitionskosten entfallen. Offtake Agreements sind auch ein gutes Mittel, um neue Lieferanten aufzubauen, sprich sich zu diversifizieren. Sie sind fester Bestandteil eines Finanzierungsplans für die Vorlieferanten. Das Rohstoffunternehmen kann damit leichter Geld am Kapitalmarkt für seine Projektfinanzierung beschaffen oder andere betriebliche Tätigkeiten wie Kapazitätserweiterungen finanzieren.  Der Offtaker, also der Abnehmer, diversifiziert seine Lieferantenbasis und sichert damit einen Teil der benötigten Materialmengen zu fairen Preisen ab. Für die E-Mobilität hat das Rennen um die besten Vorlieferanten bis hin zu den Bergbaugesellschaften längst begonnen. Vor allem Hersteller von Batteriezellen nutzen das Instrument, um beispielsweise Produktionskapazitäten von Lithiumkarbonat, Nickelsulfat oder Kobalthydroxid abzusichern, aber auch Produkte der höheren Wertschöpfungskette, wie Seltene Erden-Magnete, werden durch Hersteller von Elektromotoren tief in der Lieferkette abgesichert. Der Abschluss von Offtake Agreements  ist derzeit das wichtigste Sicherungsinstrument für Einkäufer im Rohstoffbereich. Sich dabei gut aufzustellen, mit den besten Projektentwicklern und Rohstofflieferanten frühzeitig Partnerschaften einzugehen und Abnahmeverträge zu günstigen Preisen abzuschließen, ist die Kunst, die ein Einkäufer beherrschen muss. Das Interessante dabei ist, dass Verarbeiter in Deutschland nicht unbedingt der Abnehmer des eingekauften Rohstoffes sein müssen. Vielmehr lassen sich Primärrohstoffe über Vertragspartner in die Lieferkette bei Vorlieferanten einspeisen.

Worauf konzentriert sich das Engagement deutscher Unternehmen im Auslandsbergbau?
Es geht hierbei vor allem um die Gewinnung von Kalkstein, Gips und Naturstein. Am ausländischen Metallerzbergbau beteiligen sich zurzeit nur ganz wenige deutsche Unternehmen. Das ist ein sehr überschaubarer Kreis. Deutsche Unternehmen bauen zum Beispiel Kupfer und Molybdän in Armenien oder Chromit in Südafrika ab. Oder sie halten als reines Investment Beteiligungen an Bergbaugesellschaften. Eine Beteiligung an in- und ausländischen Bergwerken mit dem Ziel der kompletten Rückwärtsintegration wird zwar immer wieder von deutschen Firmen geprüft, aber selten umgesetzt. Die Kosten für Bergbaubeteiligungen sind extrem hoch, es sei denn, man denkt antizyklisch. Dabei ließe sich relativ leicht über die Beteiligung an einem Explorationsunternehmen mit wenig Risikokapital ein zukünftiger Lieferant aufbauen. Hat das Explorationsunternehmen bereits einen Abnehmer im Boot, kann es sich leichter Kapital an der Toronto, Vancouver oder Australia Stock Exchange beschaffen. Darin sind die Explorationsunternehmen Profis. Das heißt, sie kümmern sich auch um zusätzliches Kapital. Aber vielen Verarbeitern in Deutschland reichen offensichtlich Offtake Agreements oder Käufe am Spotmarkt zur Absicherung ihrer Rohstoffbezüge. Das ist ständig eine Abwägung zwischen dem Risiko für mögliche Preisanstiege oder Lieferausfälle und dem der Investitionsrisiken. Dass die Produktion in manchen Fabriken aufgrund von Rohstoffengpässen heruntergefahren werden muss, passiert immer wieder. So hat vergangenes Jahr ein Produktionsstopp bei Alunorte in Brasilien zu einem massiven Versorgungsausfall bei Tonerde geführt, von dem einige Aluminiumproduzenten betroffen waren.

Wie groß ist das Interesse der Industrie an der Arbeit der DERA?
Seit dem Start unserer Agentur hier in Berlin vor mehr als sieben Jahren haben wir die DERA sowohl personell als auch strukturell weiter ausgebaut. 2012 waren am Standort Berlin fünf Mitarbeiter bei uns tätig; heute sind es 23. Wir beobachten ein anhaltend großes Interesse der deutschen Politik und Wirtschaft an verlässlichen Rohstoffmarktinformationen und an unserem Rohstoffmonitoring. Das gilt insbesondere für die Entscheidungsträger, die Verantwortung für die Rohstoffversorgung der gesamten Lieferkette tragen. Besonders gefragt sind unsere regelmäßig erscheinenden Monitoring-Berichte zu Angebots-, Nachfrage und Preistrends. Gerade haben wir wieder unsere Analyse zur Angebotskonzentration bei mineralischen Rohstoffen und Zwischenprodukten veröffentlicht. Konkret wurden in der aktuellen DERA-Rohstoffliste 2019 die globale Angebotskonzentration sowie das Länderrisiko für rund 300 Rohstoffe und Handelsprodukte von unserem Expertenteam ausgewertet. Ergebnis: China dominiert in fast allen Bereichen die Rohstoffmärkte. Bei einigen Rohstoffen wie bei Aluminium, Wolfram oder Flussspat hat sich die Situation sogar verschärft. Deswegen fokussieren wir unsere Arbeit unter anderem auch auf China. Hoch geschätzt sind auch unsere Rohstoffrisikoanalysen zu einzelnen Rohstoffen sowie die zugehörigen Industrieworkshops bei Key-Playern in der Industrie. Dort geben wir detaillierte Einblicke in Metallmärkte wie beispielsweise Lithium, Kobalt, Magnesium, Gallium oder Tantal, beraten die Unternehmen und geben auch Hinweise zu neu aufkommenden Lieferanten. Besonders geschätzt wird unsere Beratungskompetenz auf dem Feld der Batterierohstoffe, ohne die sich die E-Mobilität nicht realisieren lässt. Wichtig dabei ist: Die DERA wirkt als neutrale und unabhängige Einrichtung, die keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt. Das ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Weder in Deutschland noch in Europa gibt es eine Institution, die so viele kommerzielle und öffentlich verfügbare Rohstoffdaten zusammenführt. Wir stellen aber nicht nur Informationen und Analysen für die Industrie bereit. Unsere Experten sind auch weltweit unterwegs, um mit Blick auf mögliche Offtake Agreements neue Lieferquellen für die Unternehmen zu identifizieren. Dabei zeigen wir auf, an welchen Standorten sich die besten Bergbau- und Explorationsprojekte befinden – sei es bei Lithium, Kobalt oder anderen strategisch wichtigen Industriemetallen.

Bleiben Einkaufskooperationen auch künftig ein weiteres wirksames Instrument zur strategischen Rohstoffsicherung in den Unternehmen?
Ja, allerdings ist es für Unternehmen schwierig, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Einkäufergemeinschaften machen durchaus Sinn, wenn die geltenden Compliance-Regeln beachtet werden. Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeit, dass sich Unternehmen im Rahmen von EU-Forschungsprogrammen an gemeinsamen Projekten beteiligen. Einige dieser Initiativen werden von der Europäischen Union finanziell gefördert.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gibt Pläne für den Bau einer Batteriezellfabrik in Schweden, die von der EU im Rahmen ihrer EU Battery Alliance unterstützt wird und an der sich auch deutsche Unternehmen beteiligen. Die EU vergibt über den European Fund for Strategic Investments einen Kredit an die Firma Northvolt Ett in Höhe von 350 Millionen Euro. Die Rohstoffsicherung läuft extern, allerdings mit mehr Einkaufsmacht. Ein anderes Beispiel: Für die geplante Gewinnung Seltener Erden aus Aufbereitungsrückständen der Düngemittelproduktion von Yara International ASA, 150 Kilometer südwestlich von Oslo, hat die EU 12,8 Millionen Euro für die Errichtung einer Pilotanlage bereitgestellt. Das Gesamtprojekt hat ein Volumen von 19,4 Millionen Euro. An dem Projekt ist die deutsche Vacuumschmelze GmbH & Co. KG als möglicher Abnehmer von Seltene-Erden-Komponenten beteiligt. Vorhaben dieser Art sind eine interessante Möglichkeit für die Unternehmen, Rohstoffe frühzeitig zu sichern und ihre Abhängigkeit von den Rohstoffmärkten langfristig zu reduzieren.

China kündigt im Handelsstreit mit der US-Administration an, die Ausfuhr Seltener Erden zu beschränken. Droht hier ein Engpass, der auch die Hightech-Branche in Deutschland treffen könnte?
Zwar kontrolliert China nur ein Drittel der weltweiten Vorkommen an Seltenen Erden. Allerdings verfügt die größte Volkswirtschaft Asiens über vier Fünftel der Gewinnungs- und Verarbeitungskapazitäten. Entsprechend decken die USA gegenwärtig rund 75 Prozent ihres Bedarfs aus der Volksrepublik. Wir glauben aber nicht, dass der Handelsstreit Engpässe bei deutschen Verarbeitern hervorrufen wird. Trotzdem muss man wissen, dass die politische Führung in Peking das strategische Ziel verfolgt, nicht nur die Rohstoffgewinnung im eigenen Land zu unterstützen, sondern die Rohstoffe auch selbst zu verarbeiten. Dem vom Volkskongress zuletzt verabschiedeten Fünfjahresplan zufolge will die chinesische Regierung die Exporte von Seltenen Erden bis 2020 um 27 Prozent reduzieren. Im Gegenzug soll der Anteil verarbeiteter Produkte wie beispielsweise Seltene-Erden-Magnete um 25 Prozent steigen. Letztlich geht es China darum, die Wertschöpfung im Land auszubauen. Deshalb müssen die Unternehmen aufpassen, dass ihre Wertschöpfungsstufen nicht weiter wegbrechen. Das stellt eine reale Gefahr dar, insbesondere für den Hightech-Standort Deutschland. China ist aber nicht das einzige Land, das im Rohstoffsektor seine Marktmacht ausspielen kann. Es gibt auch hohe Marktkonzentrationen außerhalb Chinas. Die Demokratische Republik Kongo dominiert den Markt für Kobalt, Südafrika den für Vanadium, Chrom, und Platingruppenmetallen und Brasilien den Markt für Niob. Die US-Amerikaner dominieren andererseits den Markt für Beryllium und dessen Zwischenprodukten, essenziell für alle IT- und langlebigen Kabelsteckverbindungen. Auch der internationale Handel ist bei einer Vielzahl von Rohstoffen und Zwischenproduktion stark konzentriert, zum Beispiel bei Zinn- oder Zirkonerzen und Konzentraten, einigen Ferrolegierungen oder Antimonoxiden – das heißt es gibt nur wenige Lieferanten. Diese Märkte sollten sich Einkäufer sehr genau anschauen.

Werden diese Entwicklungen auch in der Rohstoffstrategie der Bundesregierung berücksichtigt, die derzeit überarbeitet wird?
Die deutsche Politik macht sich im Austausch mit der Wirtschaft umfassend Gedanken, welche Maßnahmen zur strategischen Rohstoffsicherung beitragen können. Allerdings agieren wir in einem marktwirtschaftlichen System. Rohstoffsicherung ist Sache der Unternehmen. Die Politik flankiert Maßnahmen zur Rohstoffsicherung und sorgt beispielsweise über Forschungsförderung, Beteiligungen an WTO-Klagen im Rohstoffbereich oder über „Garantien für ungebundene Finanzkredite“ für günstige Rahmenbedingungen. Von der Rohstoffstrategie der Bundesregierung, die voraussichtlich im Herbst dieses Jahres vorliegen wird, werden sicherlich neue Impulse ausgehen.

Verfolgen auch andere Länder politisch flankierte Strategien zur langfristigen Rohstoffversorgung ihrer Volkswirtschaften?
Ja, das tun sie. In den USA wird zurzeit eine neue Rohstoffstrategie verabschiedet. Ihr Ziel ist es, die heimische Wirtschaft stärker beim Rohstoffabbau zu unterstützen. Dieser Punkt ist in der deutschen Rohstoffstrategie ebenfalls enthalten. Die Vereinigten Staaten fördern aber auch die Auslandsaktivitäten ihrer Unternehmen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die USA mithilfe ihrer zum Verteidigungsministerium gehörenden Defense Logistics Agency ein strategisches Rohstofflager betreiben. Die zu dessen Betrieb erforderlichen Mittel sollen aufgestockt werden.

Da sich der „Westen“ grundsätzlich marktwirtschaftlichen Prinzipien verpflichtet sieht, unterscheiden sich die Rohstoffstrategien der einzelnen Länder nur marginal. Japan verfügt allerdings über ein staatliches Unternehmen, das eigene Explorationsaktivitäten durchführt und sich an Bergbaufirmen beteiligt. Diese Beteiligungen werden dann vorzugsweise auf japanische Unternehmen der verarbeitenden Industrie übertragen.

Hat die Digitalisierung Einfluss auf die Rohstoffnachfrage und die Rohstoffsicherung der Unternehmen?
Die Digitalisierung bringt neue Technologien hervor, die wiederum zu neuen Rohstoffbedarfen führen. So erfordert Industrie 4.0 einen weiteren Ausbau der Computerleistung. Die Rechner benötigen zusätzliche Mikrokondensatoren und sonstige Elektronikbauteile. Dies wiederum treibt die Nachfrage nach Hightech-Metallen an.

Das Internet der Dinge hat auch den 3D-Druck hervorgebracht. Mit diesem Verfahren lassen sich Ersatzteile vor Ort und ohne Lagerhaltungskosten herstellen, zum Beispiel beim 3D-Druck von Titanbauteilen für Flugzeuge. Titan kann auch Aluminium in High-Tech-Anwendungen ersetzen. Dadurch entstehen Substitutionseffekte, die den Rohstoffmarkt zumindest punktuell verändern können. Fest steht aber schon heute, dass die Digitalisierung und der Ausbau erneuerbarer Energien zu einer massiven Erweiterung der Stromnetze führen werden. Die Nachfrage nach Stromkabeln wird steigen und damit den Kupfermarkt befeuern. Schon jetzt wird erhebliches Kapital in den Kapazitätsausbau und in die Exploration neuer Kupferlagerstätten investiert. Blockchain in der Lieferkette führen darüber hinaus zu einer ganz neuen Transparenz von Rohstofflieferketten, der besseren Koordination und Kontrolle von Einkaufsprozessen und der Erarbeitung von Herkunftsnachweisen – ein spannendes Thema mit großer Zukunft.

Nutzen deutsche Unternehmen angesichts stark volatiler Rohstoffpreise die Vorteile von Substitution, Recycling und geschlossenen Wertstoffkreisläufen bereits ausgiebig?
Das Bundeswirtschaftsministerium und auch wir ermuntern deutsche Unternehmen seit Jahren, verantwortungsbewusst mit den benötigten Rohstoffen umzugehen. Damit lassen sich erstaunliche Kostenvorteile erzielen: Durch die effiziente Nutzung von Rohstoffen und Material sparen die Firmen durchschnittlich 200.000 Euro pro Jahr, wie die vom BMWi geförderten Beratungen in kleinen und mittelständischen Unternehmen zeigen. Besonders herausragende Unternehmensbeispiele für rohstoff- und materialeffiziente Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen zeichnen Bundeswirtschaftsministerium und DERA mit dem Deutschen Rohstoffeffizienz-Preis aus.

Die Recyclingquoten in Deutschland können sich bei einigen Warengruppen bereits sehen lassen: Bei Bleibatterien sind es über 90 Prozent. Dennoch bleibt Recycling ein Faktor, der sich nicht für jeden Rohstoff und jedes Material wirtschaftlich lohnt. Es gibt zahlreiche Unternehmensgründungen, Initiativen und Forschungsprojekte, die sich mit der Entwicklung neuer Recyclingmethoden wie dem zukünftigen massenhaften Recycling von Lithiumionen-Batterien beschäftigen. Das ist eine weitere Möglichkeit für die Wirtschaft, den eigenen Rohstoffbedarf langfristig abzusichern. Dabei geht es vor allem um Optimierungen für das Recycling des Neuschrotts, der im Unternehmen anfällt, aber auch um Verbesserung der Rücklaufquoten von Altschrott wie zum Beispiel von ausgedienten Handys.

Sind andere Länder bei Substitution und Recycling weiter als wir?
Deutschland braucht sich auf diesem Gebiet nicht verstecken. Wir zählen beim Recycling und bei der Entwicklung neuer Recyclingtechnologien zu den führenden Nationen. Alles, was derzeit wirtschaftlich und damit kostengünstig zurückgewonnen werden kann, wird recycelt. Die Herausforderung besteht darin, die Wiederverwertungs- und die Trennprozesse weiter zu optimieren. Dazu gehört, die Materialien bereits im Vorfeld besser zu trennen oder es gar nicht erst zu Vermischungen kommen zu lassen. Dies vereinfacht dann metallurgische Prozesse sowie das Abtrennen der Schadstoffe. Fakt ist aber auch: Jede Tonne, die recycelt werden kann, ist ein Gewinn für die Umwelt. Schließlich muss dadurch weniger Bergbau betrieben werden. Das ist beispielsweise bei der Primärgewinnung von Platin der Fall. Das Metall wird vor allem in Katalysatoren in der Petrochemie und Autoindustrie verwendet. Bei Platin erfolgt die Rückgewinnung recycelter Katalysatoren bereits so effizient, dass die Bergwerke weltweit weniger produzieren müssen als früher. Wenn sich die E-Mobilität weiter durchsetzt, könnten die dort verwendeten Lithium-Ionen-Batterien sicherlich auch – ähnlich wie Bleibatterien – zu über 90 Prozent recycelt werden. Dann würden Lithium, Kobalt, Nickel und Graphit wieder in den Stoffkreislauf zurückkehren. Erste Recyclingverfahren dazu gibt es bereits in Deutschland.

Die DERA arbeitet an einer China-Studie. Worum geht es dabei?
Wir werden die Ergebnisse unserer China-Studie am 24. September in Berlin auf einem DERA-Industrieworkshop gemeinsam mit der AHK Peking vorstellen. Darin werden die wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen für die Rohstoffwirtschaft in der Volksrepublik dargestellt, die industriepolitischen Einflüsse auf das Angebot und die Nachfrage auf dem Rohstoffmarkt skizziert sowie die Chancen und Risiken für die deutsche Industrie aufgezeigt. Geladene Experten aus der Industrie werden über ihre Erfahrungen mit und in China berichten. Die Studie geht zudem auf die Struktur der chinesischen Rohstoffwirtschaft ein. Wir untersuchen dabei auch, wie künftig die Umweltinspektionen auf Provinzebene in China durchgeführt werden. Das ist wichtig, weil es unmittelbare Auswirkungen auf die Schließung von Bergwerken und Raffinerien hat und damit auch die Interessen deutscher Rohstoffeinkäufer unmittelbar berührt. Ferner untersuchen wir, wie sich die nachgelagerte Wertschöpfung in China entwickelt und welche Wertschöpfungsstufen möglicherweise aus Europa abwandern. Als zweitgrößte Volkswirtschaft ist China sowohl beim Rohstoffbedarf als auch in der Rohstoffproduktion die Nummer eins. Sobald in der Volksrepublik im Rohstoffsektor etwas passiert, hat das sofort Auswirkungen auf den Weltmarkt. Deshalb ist es so wichtig, den chinesischen Rohstoffmarkt genau zu verstehen und im Blick zu behalten.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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