03.07.2019 //

„Operativen Einkauf gibt es womöglich nicht mehr“

BME-Hauptgeschäftsführer Silvius Grobosch spricht im großen Interview mit BIP über die ersten Monate seiner Amtszeit, Umbrüche im BME, Ziele des Verbandes und erklärt, warum der Einkäuferverband mehr denn je für die Gestaltung des Einkaufs der Zukunft benötigt wird.

Silvius Grobosch BME Dr. Silvius Grobosch ist seit dem 1. Februar 2018 Hauptgeschäftsführer des BME. Der studierte Unternehmer war zuvor bereits mehrere Jahre ehrenamtlich in Führungspositionen des BME tätig: Seit 2004 ist er Mitglied des Bundesvorstandes, von 2013 bis zu seiner Bestellung zum Hauptgeschäftsführer war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Grobosch bekleidete in der Vergangenheit über viele Jahre leitende Funktionen in der Thyssenkrupp AG. Foto: Tanja M. Marotzke

Herr Grobosch, seit anderthalb Jahren sind Sie nun Hauptgeschäftsführer des BME. Was waren die Highlights in dieser Zeit?

Silvius Grobosch: Wir sind als Verband an mehreren Fronten einen deutlichen Schritt vorangekommen. Wir haben uns neuen Dingen gewidmet, haben viel Neues ausprobiert, etwa indem wir Start-ups mit dem BME zusammengebracht haben.

Im Veranstaltungsbereich haben wir neue inhaltliche Formate ins Leben gerufen wie etwa die „Disrupting Procurement!“, die aus dem Stand ein voller Erfolg war. Etablierte und erfolgreiche Formate wie das BME-Symposium Einkauf und Logistik oder die BME-eLÖSUNGSTAGE wurden relauncht oder weiterentwickelt. Den European Procurement Excellence Summit in Dresden haben wir um einen Teilkongress für Supply Chain Executives ergänzt, um ein Zeichen für die notwendige crossfunktionale Zusammenarbeit beider Bereiche zu setzen.

Im Bereich der Internationalisierung haben wir uns in Zusammenarbeit mit dem BMWi verstärkt Mittel- und Osteuropa gewidmet und entsprechende Matchmaking-Veranstaltungen organisiert. Aber auch in Südeuropa, Südafrika und China, wo wir 2018 Ausrichter des Chengdu Industry 4.0 Summit mit 450 Teilnehmern waren, sind wir aktiv und werden dort auch wahrgenommen.

Zu unserem BMWi-Förderprojekt „Innovative öffentliche Beschaffung“ (KOINNO), in dem wir Innovationen in öffentlichen Beschaffungsstellen vorantreiben wollen, ist ein Projektauftrag der EU-Kommission hinzugekommen: In „Procure2Innovate“ koordiniert der BME die Bemühungen von zwölf europäischen Ländern, eine innovative öffentliche Beschaffung aufzubauen. Damit bespielen wir dieses Feld auch auf europäischer Ebene.

Last, but not least haben wir einen Umzug der Hauptgeschäftsstelle von Frankfurt-Höchst nach Eschborn gestemmt in ein modernes, zeitgemäßes Bürogebäude. Am neuen Standort sind wir technisch und infrastrukturell gut für die Zukunft aufgestellt.

Sind all diese Aktivitäten in einen Kontext eingebettet?

Ja, sie stehen im Kontext der „Strategie 2030“, die wir uns als BME vor einigen Jahren gegeben haben. Gerade im vergangenen Jahr habe ich bei allen unseren Aktivitäten konsequent die Frage gestellt, wie diese konkret auf die Ziele unserer „Strategie 2030“ einzahlen. Wir wollen präsent sein und wahrgenommen werden als der Ansprechpartner für Einkauf und Supply Management, und zwar in Unternehmen und Politik gleichermaßen. Das geht nur, wenn wir unsere Aktivitäten gezielt ausrichten.

Strategien haben einerseits den Zweck, die Richtung vorzugeben. Andererseits können sie aber auch einengend sein, weil sich die Welt einfach viel zu schnell verändert und manche Annahmen und Ziele wenige Zeit später womöglich schon wieder obsolet sind.

Das ist richtig. Deshalb ist unsere Strategie einerseits zwar sehr anspruchsvoll, andererseits haben wir sie auch breit angelegt. Das gibt uns den nötigen Gestaltungsspielraum. Ein Beispiel: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Zahl von 30.000 Mitgliedern zu erreichen. Allerdings ist hier nicht die Zahl allein entscheidend: Es gibt qualitative Subziele dazu, wie zum Beispiel die Erhöhung der Zahl der CPOs aus mittelständischen Unternehmen, die wir an uns binden wollen. Das korrespondiert entsprechend mit unserer Mittelstandsinitiative, die wir ebenfalls im vergangenen Jahr ins Leben gerufen haben.

Über die Einhaltung der Strategie wacht als oberstes Führungsgremium der BME-Bundesvorstand. Dieser befindet sich aktuell im Umbruch – Ende 2018 wurde DB-CPO Uwe Günther neu in den Bundesvorstand gewählt. Anfang des Jahres wurden die Einkaufschefs Tamara Braun (SAP) und Klaus Staubitzer (Siemens) in den Vorstand kooptiert. Gibt es weitere Änderungen?

Wir haben 2020 eine Vorstandswahl. Diese Wahl soll den Generationswechsel im Bundesvorstand vollziehen. Einige verdiente Vorstandsmitglieder gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand und werden daher für die nächste Wahlperiode nicht mehr zur Verfügung stehen.

Wir hatten uns als Vorstand selbst die Zielsetzung gegeben, dass alle Vorstände aktiv im Berufsleben stehen sollen. Deshalb beginnen wir bereits jetzt, neue Mitglieder für die Arbeit im Vorstand zu gewinnen. Bei der vergangenen Vorstandssitzung im Mai wurde Stefanie Lang von MVV Energie in den Bundesvorstand kooptiert. In den kommenden Monaten werden vermutlich noch weitere Kandidaten dazukommen, um bei der Wahl 2020 die passende Kandidatin oder den Kandidaten schon an Bord zu haben.

Neben der fachlichen Qualifikation – was ist entscheidend, um einen CPO potenziell in den Bundesvorstand zu kooptieren?

Grundvoraussetzung ist die Bereitschaft und die Motivation, sich als Vorstand ehrenamtlich zu engagieren und in den BME einzubringen. Genauso wichtig ist aber, dass die Kandidatinnen und Kandidaten den entsprechenden Rückhalt aus Vorstand beziehungsweise Geschäftsführung ihrer jeweiligen Unternehmen haben. Denn nur wenn beides gegeben ist, ist die jeweilige Kandidatin oder der Kandidat für uns passend.

Kommen wir zur Praxis: Wie geht es den deutschen Einkäufern aktuell?

Die Einkäufer haben aktuell vor allem viel zu tun. Es herrscht weiter annähernd Vollbeschäftigung, die Auftragsbücher sind noch gut gefüllt. Mit Blick auf die Handelskonflikte beschäftigt die Einkäufer vor allem das Thema Risikomanagement. Noch entscheidender ist aber die anstehende Veränderung des Einkaufs selbst.

Der strategische Einkauf wird sich massiv verändern, Künstliche Intelligenz wird ihn unterstützen. Industrie 4.0 geht nur mit Einkauf 4.0. Den operativen Einkauf wiederum gibt es eines Tages in der heutigen Form möglicherweise gar nicht mehr. Diesem Wandel müssen die Einkäufer aktiv begegnen, sich entsprechend weiterentwickeln und neue Kompetenzen erwerben. Wir unterstützen mit unserer BME-Akademie die Aus- und Weiterbildung und begleiten über vielfältige Veranstaltungen und Formate diesen Prozess.

In der Community besonders Eindruck hinterlassen haben zuletzt die Austauschformate zwischen Einkauf und Start-ups, die der BME auf Verbands-, aber auch auf Regionsebene erfolgreich durchführt. Haben Sie den Eindruck, dass Unternehmen und vor allem Einkaufsabteilungen Start-ups gegenüber noch skeptisch sind?

Der Einkauf ist in Unternehmen häufig als Verhinderer gesehen worden, was die Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen und Start-ups betrifft. Warum? Weil er auch dafür verantwortlich ist, einheitliche Prozesse und Strukturen einzuführen sowie Wettbewerb zu schaffen. Jetzt wird ein Start-up mit einer tollen Idee, die in dem Unternehmen umgesetzt werden soll, identifiziert. Im Idealfall ist der Einkauf bei der Auswahl und der Identifikation von Start-ups beteiligt und kann so frühzeitig den Markt sondieren, nach Alternativen suchen oder andere Start-ups vorschlagen.

Eine Ausschreibung aber ist in einigen Fällen nicht sinnvoll, häufig sogar nicht möglich. Bestimmte, etablierte Routinen im Unternehmen lassen sich also nicht anwenden. Das geht von der Auswahl dieses „Lieferanten“ – Stichwort Bonitätsprüfung – bis hin zur Zusammenarbeit, die mit einem Start-up einfach anders funktioniert als mit einem etablierten Unternehmen. Die Risiken sind höher, die Chancen aber auch. Im persönlichen Kontakt und in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern der Lösung im Unternehmen gelingt es, die jeweils andere Seite besser kennenzulernen und einen gemeinsamen Lösungsweg zu finden.

Lesen Sie im zweiten Teil des BIP-Interviews mit Silvius Grobosch, was der BME-Hauptgeschäftsführer zum Bedeutungsgewinn des Einkaufs sagt, welche Arbeit er daraus für den Verband ableitet, warum ihm der Nachwuchs im Einkauf besonders wichtig ist und was er sich für die kommenden anderthalb Jahre seiner Amtszeit vornimmt.

Das Gespräch führte Tobias Anslinger, BME

Weiterempfehlen

Weitere Meldungen zu: