„Robuster Aufschwung mit Kratzern“

Chefvolkswirt Dr. Alexander Krüger: „Die deutsche Konjunktur durchläuft zurzeit eine Normalisierungsphase.“

Dr. Alexander Krüger (Foto), Chefvolkswirt der Bankhaus Lampe KG, Düsseldorf, gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: Bankhaus Lampe

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Der deutsche Konjunkturmotor stotterte zuletzt. Sind die fetten Jahre vorbei oder findet nur eine Normalisierung statt?
Beides ist richtig. Ausnahmejahre, wie wir sie zuletzt erlebt haben, sind nicht der Dauerzustand. Die deutsche Konjunktur durchläuft zurzeit eine Normalisierungsphase. Dabei ist zu bedenken: Wenn es von einem hohen Niveau abwärtsgeht, sehen die Veränderungsraten meist nicht schön aus. Deshalb ist aber nicht gleich das Niveau schlecht. So ist beispielsweise der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) im Oktober zwar auf ein 29-Monatstief gefallen, er liegt mit 52,2 Punkten aber dennoch weiter über der 50-Punkte-Referenzlinie, ab der Wachstum angezeigt wird.

Die deutsche Wirtschaft ist demnach weiter in Schwung?
Ja, der Aufschwung hält an, dank der günstigen Binnennachfrage. Allerdings hat er nicht mehr das fulminante Tempo vergangener Quartale. Im dritten Quartal 2018 dürfte er zudem pausiert haben.

Welche Störfaktoren können der deutschen Konjunktur gefährlich werden?
Neben der weltweit weiter aus dem Ruder laufenden Verschuldung ist es derzeit besonders der Handelsstreit, der Sorgen bereitet. Zudem nehmen die geldpolitischen Impulse rund um den Globus bereits ab, und der Druck auf höher verschuldete Schwellenländer steigt aufgrund der Leitzinserhöhungen der amerikanischen Notenbank. Es ist daher zurzeit kaum zu argumentieren, warum die Wirtschaftsdynamik im nächsten Jahr gegenüber 2018 zunehmen soll. Für Deutschland kommen hausgemachte Probleme hinzu, etwa der seit Jahren andauernde Reformstillstand. Eine neue Agenda 2010 ist hier ebenso überfällig wie eine ambitionierte Haushaltskonsolidierung. In struktureller Hinsicht wird von der Bundesregierung für die Fitness der Wirtschaft viel zu wenig getan.

Wohin steuert die deutsche Konjunktur 2019?
Der Aufschwung wird sich fortsetzen. Allerdings richten wir unseren Blick in Bezug auf die zu erwartenden Wachstumsraten eher nach unten als nach oben. Wir rechnen mit einem BIP-Anstieg in Höhe von 1,3 Prozent, nach voraussichtlich 1,7 Prozent für 2018. Dass die Rate niedriger ausfällt, hat vor allem mit der niedrigeren Ausgangsbasis zu tun, ist also ein statistischer Effekt. Für ein deutlicheres BIP-Plus im kommenden Jahr fehlen jedenfalls die geld- und fiskalpolitischen Impulse. Auch die Weltwirtschaft wird kaum neue Zugkraft für die deutsche Konjunktur entfalten. So dürfte das BIP-Wachstum der USA 2019 von bisher fast 3,0 auf 2,1 Prozent zurückfallen.

Bleibt der Aufschwung robust?
Der robuste Aufschwung setzt sich fort. Ob sich die deutsche Wirtschaft allerdings weiter so erfolgreich gegen den von internationalen Risiken ausgehenden Gegenwind stemmen kann, wird sich zeigen. Schwächephasen kämen jedenfalls nicht überraschend.

Die amerikanische Wirtschaft brummt. Gleichzeitig steht US-Präsident Trump in der Kritik. Wie ist das zu erklären?
Die US-Wirtschaft wird derzeit kräftig von der Steuerreform angeschoben. Dies hatte sich Trump zum Ziel gesetzt, und es hat funktioniert. Beifall sollte er deshalb aber nicht erhalten. Den bereits langen Konjunkturzyklus mit einer prozyklischen Fiskalpolitik weiter zu verlängern, ist wirtschaftspolitisch aus vielen Gründen unklug. Wenn dies auch noch mit einem Anstieg der in den vergangenen zehn Jahren ohnehin bereits massiv gestiegenen Staatsverschuldung erkauft wird, wird die Zukunft bereits heute verfrühstückt. Da überdies der von Trump initiierte Handelsstreit auf mittlere Sicht auch erhebliche Wachstumsrisiken für die USA birgt, ist die Kritik an der Trumpschen Politik durchaus berechtigt.

Wie bewerten Sie die globale Konjunktur?
Auch hier ist das Wachstumssignal noch nicht von grün auf gelb gesprungen. Die gegenwärtigen Handelsstreitigkeiten dürften dies vorerst auch nicht befördern. Denn zu den Handelsnachrichten gehört auch, dass sich die USA mit Mexiko und Kanada auf ein Freihandelsabkommen geeinigt haben. Die EU bereitet nach CETA und den gescheiterten TTIP-Verhandlungen weitere Freihandelsabkommen vor, insbesondere mit Japan. China und andere Länder schmieden neue Allianzen. Dennoch dürfte sich das Wachstumstempo 2019 im Vergleich zu diesem Jahr verringern und die Wirtschaftsleistung mit 3,4 nach 3,7 Prozent zunehmen. Trotz bestehender Störfaktoren ist der Puffer zum Rezessionsbereich recht groß.

Vor zehn Jahren ist die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ausgebrochen. Wurde genügend getan, damit sich ein Fiasko dieses Ausmaßes nicht wiederholen kann?
Es hat staatliche Regulierungsmaßnahmen gegeben, die ein erneutes Ausbrechen der Finanz- und Wirtschaftskrise verhindern sollen. Ich denke da beispielsweise an Stresstests für Banken. Allerdings warne ich davor, in der Regulierung ein Allheilmittel zu sehen. Einen 100-prozentigen Schutz vor Krisen gibt es nicht, zumal auch der Staat nicht immer weiß, was richtig ist.  Im Übrigen sind insbesondere Konjunkturkrisen nützlich, da sie für Bereinigungen und somit für eine beständig gesunde Wirtschaftsbasis sorgen.

Kritiker halten die Niedrigzinspolitik der EZB für verfehlt. Sind Sie auch dieser Meinung?
Hinsichtlich der Dauer ja, eine Leitzinsnormalisierung ist überfällig. Nach unserer auf Basis der Wirtschafts- und Inflationsentwicklung durchgeführten Berechnung wäre ein Leitzins von 2,0 Prozent derzeit angemessen. Die EZB befindet sich gleichwohl noch immer im Krisenmodus. Dies zeigt, dass sie sich offenbar an anderen Kriterien orientiert, was vor allem die Staatsverschuldung der EWU-Mitgliedstaaten sein dürfte. Dies bringt auf Dauer markante Nachteile mit sich: Private Haushalte, Unternehmen und der Staat gewöhnen sich an tiefe Zinsen. Dies senkt ihren Reformeifer und verhindert Bereinigungen. Ohne das Zinsdoping der EZB wäre das Wirtschaftswachstum bereits seit Langem deutlich niedriger.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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